Der Steingänger von Davide Longo, 2007, WagenbachDer Steingänger.
Roman von Davide Longo (2007, Wagenbach - Übertragung Suse Vetterlein).
Besprechung von Elke Buhr in der Frankfurter Rundschau, 4.7.2002:

Schweigen ist wahr
Davide Longos "Steingänger"

Am Anfang sind die Bergkämme, das matte Grün der Pinien in der Abenddämmerung, dazu eine Scheibe Toma-Käse und ein Stück Brot. Cesare, Protagonist von Davide Longos Roman Der Steingänger, führt in einem halb verlassenen Bergdorf im italienischen Piemont ein einfaches Leben und ein einsames dazu. Allein trinkt er seinen Schluck Wein, beim Rauchen der abgezählten Gitanes denkt er an seine verstorbene Frau. Doch als er abspülen will, bleibt der Wasserhahn trocken: Offenbar ist wieder was verstopft am Trinkwasserreservoir. Cesare pfeift nach seiner Hündin und wandert den vertrauten Pfad zum Wasserbassin hoch. Und findet die Leiche eines Mannes, den er kannte: Es ist Fausto. Jahrelang war der sein Begleiter gewesen, bei nächtlichen Schleuser-Touren über steinige Wege. Ein Job, den Cesare aufgegeben hatte, nachdem Drogen ins Spiel kamen und das Geschäft härter wurde - im Gegensatz zu Fausto, der nun offenbar dafür bezahlen musste.

Das Szenario, das Davide Longos Roman entwirft, klingt zunächst nach einem Kriminalroman. Wirklich kommt bald eine schöne Kommissarin ins Dorf und will den Mord an Fausto aufklären, und auch Cesare zieht ruhelos herum und befragt Bekannte, Freunde und Feinde. Aber der Mord und seine Aufklärung stehen nur scheinbar im Vordergrund bei dem Roman Der Steingänger.

Porträt eines Landstrichs

Mangiatore delle Pietre, der Steinesser, heißt der Roman im italienischen Original: Solche Steinesser sind Menschen, die den Mund voll mit Steinen zu haben scheinen und lieber die härtesten Brocken schlucken als zu reden. "Man könnte meinen, in diesem Tal sei Reden eine Schande", bemerkt die Kommissarin irgendwann. So zeichnet Longo beim Entfalten des Schleuser-Krimis das Porträt eines Landstrichs, in dem die Menschen so schweigsam sind wie ihr Leben hart. Ein Landstrich, in dem zudem seit Jahrhunderten Waren oder Menschen nachts heimlich über die Berge gebracht werden und die Arbeit des Schleusers einmal eine durchaus ehrenwerte Profession war. Auch Cesare, so stellt sich bald heraus, ist als junger Mann mit seiner Familie nach Frankreich emigriert und zurückgekommen: Ein doppelt Vertriebener. Seine Geschichte kreuzt sich mit der einer Gruppe von Illegalen, die Fausto in einer Hütte zurückgelassen hatte, als er starb. Ein letztes Mal wird Cesare für sie seinen Schleuser-Job tun.

Es ist faszinierend, wie Davide Longo in der konzentrieren Beschreibung einiger weniger Tage nach dem Mord die moderne Thematik von Emigration und illegaler Existenz mit den jahrhundertealten Geschichten vom Exodus aus dem armen Hinterland verschränkt, ohne auch nur einen Moment lang seine Erzählung zu überladen. Er lässt seinen Personen ihre Schweigsamkeit, wühlt nicht in ihrem Inneren herum und macht sie trotzdem plastisch: Bei ihnen allen spürt man die Tiefe gelebter Leben und die Last von Generationen, genauso wie jeder Stein auf den Bergen, in deren Schatten sie leben, eine Vergangenheit hat.

Davide Longo selbst, 1971 bei Turin geboren, stammt aus der fruchtbaren Po-Ebene, wo er als Lehrer arbeitet, aber er hat viel Zeit im Piemont verbracht. Und wenn er die schroffe Natur der Bergpässe und das feine soziale Geflecht des Dorfes beschreibt, dann spürt man, wie sehr er in diese Landschaft eingedrungen ist. Die Sprache seines Romans ist dabei ähnlich knapp und lakonisch wie die der Menschen, über die er schreibt: unaufgeregt und uneitel, und gleichzeitig von großer Intensität.

Für seinen ersten Roman Un mattino a irgalem, auch dies eine Art Kriminalgeschichte, die zur Zeit der italienischen Kolonialherrschaft in Äthiopien spielt, hat Davide Longo in Italien mehrere renommierte Literaturpreise gewonnen. Mit seinem Steingänger ist er nun erstmals ins Deutsche übersetzt worden. Man würde gern mehr von ihm lesen.

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