Der Spurensucher von Imre Kertész, 2002, SuhrkampDer Spurensucher.
Erzählung von Imre Kertész (2002, Suhrkamp).
Besprechung von Harald Loch aus Jüdische Allgemeine:

Die Weltgeschichte ist kein Weltgericht
Imre Kertész’ Erzählung „Der Spurensucher“ variiert das zentrale Thema des Nobelpreisträgers: Für die Opfer gibt es keine Gerechtigkeit

Der Richter fällt am Ende ein Urteil über sich selbst: „Es ist vorstellbar, daß die Sehnsucht, mit der wir nach der Wahrheit lechzen, einen Spalt in die Mauer schlägt, durch den für einen kurzen Moment ein Ausweg aufscheint.“ Imre Kertész kommt im Nachwort zu seiner pünktlich zum Literaturnobelpreis bei Suhrkamp erschienenen Erzählung Der Spurensucher zu diesem - wie er meint - zugleich niederschmetternden wie auch aufrichtenden Ergebnis.

Der Text ist jetzt erst in Deutschland herausgekommen, aber schon 1962 entstanden. Er handelt von einem Mann, der sich zusammen mit seiner Frau an die Stätten seiner Demütigung, seiner Leiden begibt. Die in unmittelbarer Nachbarschaft gelegene Denkmalstadt der deutschen Klassik wird namentlich nicht erwähnt. Der Baum, der dem Lager seinen tödlichen Namen gab, wird nicht genannt. Aber wir kennen den Ort der Handlung, wissen, worum es geht, auch wenn wir nicht wüßten, daß der Autor 1944 nach Auschwitz und von dort nach Buchenwald deportiert wurde. Das Authentische dieser Erzählung ist fast unerträglich - ausdenken kann sich kein Dichter den Erinnerungshintergrund des Mannes, der an Ort und Stelle abrechnen wollte.
Diese persönliche Erinnerung findet Kertész’ Held nicht wieder. Die Teilhabe am Schicksal von Millionen hat ihm die Rolle des Richters aufgezwungen; er hat sie sich nicht angemaßt. Aber die inzwischen abgelaufene Geschichte entwindet ihm diese Rolle wieder: er findet zwar das KZ-Tor mit dem unerträglichen Satz, der Arbeit und Freiheit ein für allemal als Begriffe voneinander trennt. Und die deutsche Übersetzung des klassischen „suum cuique“ - „Jedem das Seine“ ist durch die Geschichte falsch geworden - eine richtige gibt es nicht mehr. Imre Kertész’ Spurensucher findet so viel von seiner Vergangenheit, wie er benötigt, um sich des richtigen Ortes gewiß zu sein; aber er findet nicht mehr den eigentlichen „Anklagepunkt“. Und auch der deutsche Kollege und Kongreßteilnehmer, den er sich vornimmt, entzieht sich dem Hohen Gericht durch Winkelzüge, Ausflüchte, Alibis und höfliche Konvention.
Imre Kertész hat diese Erzählung nach einem Aufenthalt im DDR-Weimar im Jahre 1962 geschrieben. Damals schon entglitt die geschichtliche Realität dem Gericht; davon spricht der Autor in seinem Nachwort. Jeder, der den Weg von Kertész nicht gehen mußte, verstummt vor dieser Sehnsucht nach Wahrheit, bemißt den kurzen Moment, für den ein Ausweg aufscheint, falsch. Für uns alle steht eine Frau, die der Spurensucher in der Menge entdeckt hat. Verderbende oder Verdorbene - Engel oder Hexe? „Sie flirtete mit der Freiheit und schlief mit der Tyrannei.“
Zur Zeit ist Imre Kertész für ein Jahr Gast des Berliner Wissenschaftskollegs, wo er seinen neuen Roman Felszámolás beendet. Der ungarische Titel bedeutet ins Deutsche übersetzt so viel wie „Liquidation“ oder „Auflösung“. Das Buch wird im nächsten Jahr bei Suhrkamp erscheinen und knüpft an das 1992 erschienene Kaddisch für ein nicht geborenes Kind an. Erzählt wird in dem Roman die Geschichte eines Mannes, „B.“ genannt. Er hat 1999 Selbstmord begangen, sein Freund und Lektor macht sich auf die Suche nach seinem nachgelassenen Roman, der unauffindbar bleibt. Im Wechsel der Perspektiven und mit geradezu kriminalistischer Spannung umkreist Kertész auch hier wieder die Themen seines Lebenswerks und den Augenblick des kurzen Aufatmens nach dem Ende der kommunistischen Ära. Wir erwarten in diesem Roman gleichsam die Summe seines literarischen Werks.

...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]

Leseprobe I Buchbestellung 0403 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung