Der Sound der Väter.
Biografie über Gottfried Benn und seine Zeit (2006, Rowohlt, von Helmuth Lethen).
Besprechung von Ursula Pia Jauch in Neue Zürcher Zeitung vom 8.7.2006:

Ein Liebhaber der Dämmerung
Der Schriftsteller Gottfried Benn als Objekt biografischer Begierde

Auf Seite 287 - also etwas über der Mitte seiner 498 Seiten umfassenden Benn-Biografie - kommt Gunnar Decker zum Kern jener Sache, die ihn, den studierten Philosophen mit Jahrgang 1965, mit Gottfried Benn, dem studierten Arzt mit Jahrgang 1886, verbindet: Wie kann einer Leben und Werk eines anderen interpretieren, ohne in den schlafzimmerhaft gedämpften Ton einer detektivischen Ermittlung zu verfallen? Oder kürzer: Gibt es in Gottfried Benns Leben so etwas wie eine «Wahrheit», die mit dem rückwärts gerichteten Blick des Biografen fassbar würde?

LEBEN UND LEGENDE

Gunnar Deckers Antwort ist kurz und konzise: Nein. Wer in Aufklärermanier die prosaische Wahrheit hinter all den selbst- und fremdfabrizierten Legenden suchen wollte, in denen sich Gottfried Benn wie in einem komfortablen Existenz-Kokon eingesponnen hat, geht notwendig irre. Es möge schon sein, dass man «Wahrheit» in Form von Fakten - etwa Benns Mittun bei den Nazis 1933 und 1934 - finden könne, nur habe diese Wahrheit mit Benns Leben so wenig zu tun wie mit seinem Werk. Fazit: «Benns Biografie ist zu einem Grossteil nur echt als Legende: Mit der kompletten Entzauberung des Selbstbildes begänne die Lüge der Interpretation. Denn letztlich ist - Benn hat es vehement verteidigt - das Leben eines Künstlers allein seines Werkes wegen interessant.» Und weiter: «Deutung von Leben und Werk ist keine polizeiliche Ermittlung gegen einen, der einer Missetat verdächtigt ist.» Das ist souverän gedacht und scharf formuliert. Und sollte künftighin allen Skribenten, die sich in der Abteilung «Leben und Werk von . . .» versuchen, als Prolegomena zu einer jeden Biografie vor den Verlagsvertrag gestellt werden. Was wäre uns Lesern nur schon die letzten zwei Jahre an moralischer Fussnotenkrämerei erspart geblieben.

Um es vorwegzunehmen: Gunnar Deckers Benn-Biografie ist unter den nicht wenigen Beschäftigungen mit Vita und Werk des grossen Ptolemäers diejenige, die um Längen herausragt. Müsste man die Kriterien für dieses Urteil benennen, könnte man metaphernreich von einer passgenauen Flughöhe sprechen oder, simpler, von einer Kongenialität im Denken, in der Sprache und im Weltverständnis - und dies obwohl Decker den Gegenstand seines Schreibens sehr bewundert. Eine liebesblinde Heiligenlegende ist da ganz und gar nicht entstanden. Anspielungsreich das Motto auf dem Vorsatzblatt: «Der ideale Künstler wäre ein Ungeheuer.» Heinrich Mann ist hier der Stichwortgeber, und Deckers Titel, der Gottfried Benn zugleich als «Genie und Barbar» anschraffiert, nimmt das ästhetische Paradoxon auf.

In einem Hörspiel von 1949 (von 1938 bis 1945 hatte Benn unter den Nazis, von 1945 bis 1948 unter den Amerikanern Publikationsverbot) legt Benn einer seiner Figuren den Satz in den Mund: «Nicht zu viel Sonne, das Licht wird verkannt, die Dämmerung ist die eigentliche Menschheitsbeleuchtung.» Das ist Benn pur, möchte man meinen. Und so wirkt er auch, auf den späten Fotos; ein Somnambuler, von Scheinwerfern geblendet. Gunnar Decker hat die Auslegeordnung für seinen Bericht über die Bennsche Schreib- und Lebenswerkstätte gefunden: Gottfried Benns Vita ist ein Gang durch die Dämmerung, immer «bleibt er ein Bewohner von Höhlen»; in Berlin in der Belle-Alliance-Strasse 12, dann in der Bozener Strasse 20. Benn liebt das Dämmerlicht, hier ist sein Traum wach, sein Wachsein müde. Dieser Patriarch mit den weichen Gesichtszügen einer Matrone lebt in einer Doppelexistenz, doch er zieht kapitale schöpferische Betriebsenergie aus dem Widerspruch zwischen dem Alltag («Kuriere meine Syphilitiker, diese Schmutzfinken von Patienten!») und dem moralischen Leerpunkt seiner postnietzscheanischen Welt («Ich bezweifle den Satz der Kausalität zu sehr, um noch nach Gründen und Folgerungen zu fragen . . .»).

Berühmt ist Benns Diktum von der guten Planung, die besser ist als Treue. Dass Benn ein «Doppelleben» (1950) geführt hat, gehört zu den Grundmitteilungen seines Schreibens. Auch in den Angelegenheiten des Triebes ist Herzenssimplizität seine Sache nicht. Dafür Taktik. Doppelleben - und Doppellieben: Thea Sternheim und Tilly Wedekind, Astrid Claes und Ursula Ziebarth. Ein Erotomane, fürwahr. Aber zugleich ein vom weiblichen Geschlecht Getriebener, der sich in den Abgründen der Misogynie verliert. So heisst es im Gedicht «Synthese»: «Auch was sich noch der Frau gewährt, / ist dunkle süsse Onanie.» Geben - Wärme oder Liebe geben -, das kann Benn nicht. Aber muss er das? Soll man, darf man ihn deswegen tadeln? Nein. Denn (siehe oben) - Deutung von Leben und Werk ist keine kriminologische Ermittlung gegen einen Verdächtigten. Dass dabei das bewunderte Genie durchaus - im Lebensweltlichen und in seiner Privatästhetik - ein Barbar sein kann: geschenkt.

IM LAND DES PARADOXONS

Wir müssen Benn nicht lieben, um uns von seiner Lyrik, von seiner gnadenlosen Sprachmacht in Schwingung versetzen zu lassen. Denn auch da - wie dies überhaupt die tiefere philosophische Signatur dieser Figur namens Gottfried Benn ist - reiht sich ein Paradoxon ans nächste: Der grosse Dichter ist auch ein Rohling, der Artist ein Spiesser, der Wortmagier ein Scharlatan, der Melancholiker ein Hitzkopf, ein Zyniker, ein Verräter, ein Hochbegabter sowieso. Alles zugleich. Und Nietzsche immer im Hintergrund, als einer, der ihm über die Schultern schaut und dessen Lobrede auf das Nichts sich bei Benn zwar transzendiert, aber doch wiederfindet als kreuzgängiger Cantus zwischen Himmelscredo und Höllengesang. 1933, in seiner berüchtigten Rundfunkrede, formuliert er als «Problem: Wo sind die Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts (Nietzsche).» Da, 1933, sieht der politisch farbenblinde Benn in den Nazis noch die «neuen Barbaren», will heissen: die Rückkunft der grossen Renaissancefiguren vor dem Hintergrund der neuen Technik. Doch spätestens 1934 ist der Zauber verflogen, die Nazi-Blase als Eiterbeule erkannt.

Auch der Faschismus partizipiert an der klassischen Krankheit der deutschen Philosophie: Idealismus, Illusion, Selbsteuphorisierung im Jenseits der Tatsache. «Ein deutscher Traum - wieder einmal zu Ende», heisst es in einem hellsichtigen Brief vom 24. Juli 1934 an den Vertrauten Wilhelm Oelze. Am 27. August 1934 an denselben: «Ich kann nicht mehr mit den Nazis. Schauerliche Tragödie! Das ganze kommt mir allmählich vor wie eine Schmiere, die fortwährend ‹Faust› ankündigt, aber die Besetzung reicht nur für den ‹Husarenritt›.» Und schliesslich am 5. September 1935 über die Wirklichkeit des NS- Staates, wieder an Oelze: «Auslese nach unten, Darwinismus rückwärts - das wäre die Formel, die über allem schwebt.» - Auch hier: Souverän und ohne den angemassten Moralismus der Spätgeborenen geht Decker mit dem «Problem» des Bennschen Mitläufertums um.

Benn: Das sind riskante Exerzitien an der Grenze des Sagbaren, das sind Etüden im Jenseits einer jeden akademischen Logik. Im Abseits, in Brüssel, beginnt Benns dichterische Existenz. Sie mündet im doppelten Schreibverbot. Noch 1947 erschien der einstige Ruhm wie eine unbedeutende Eruption zwischen dem Nichts und dem Nichts. Dann aber die Rückkunft des Dichters, 1948, mit den «Statischen Gedichten». Aber Benn ist klug genug, schon hier sich zu ägyptisieren, sein Ich wieder ins Dämmerlicht zurückzunehmen.

Der Ruhm hat keine weissen Flügel, sagt Balzac, aber wenn man wie ich die letzten 15 Jahre von den Nazis als Schwein, von den Kommunisten als Trottel, von den Demokraten als geistig Prostituierter, von den Emigranten als Renegat, von den Religiösen als pathologischer Nihilist öffentlich bezeichnet wird, ist man nicht mehr so scharf darauf, wieder in diese Öffentlichkeit einzudringen . . .

So lautet die Eingangszeile des mittlerweile berühmten Berliner Briefes an den «Merkur» aus dem Juli 1948. Danach, auch hier folgen wir Gunnar Decker, nimmt der «Ptolemäer» in Benn Kontur an. «Das ist einer, der seinem Traum folgt, ohne sich vom Fleck zu rühren.» Und noch weiter geht Benn im Feld des Ent- und Gezweiten: In der «Feier der Ambivalenz» - so der treffsichere Decker - zeige sich der moderne Mystiker, und der ist auch ein «euphorischer Skeptiker im Sinne Nietzsches». Da wird der alternde Benn, nach seinem Comeback im Jahr 1948, zu einem «Missionar des Satzbaus». - Was für eine Beglückung, wenn es einem Autor gelingt, diesem ruhelos an seinen Sätzen meisselnden Dämmertier namens Gottfried Benn biografische Kontur zu geben. Kurzum: Die Benn-Biografie von Gunnar Decker - sie wird ein Standardwerk werden - muss hier nicht weiter nacherzählt, sie soll gelesen werden. Ein Vergnügen für den Geist und die Sinne.

éTUDE VIRILE

Etwas anders verhält es sich mit der hochgelobten und schon fleissig auf die Gipfel der Bestsellerlisten hinaufgehievten Arbeit von Helmut Lethen. Was denn «Der Sound der Väter» ist, so das fein ziselierte Andeutungsspiel des Titels, muss erst noch herausgehört werden. Jedenfalls: Eine Biografie will Helmut Lethen keinesfalls schreiben, das ist ihm wohl eine Stufe zu gering. Trotzdem offeriert er seinem Leser gleich zu Beginn eine kleine Predigt - (die Vokabel «Etüde» wäre für den Spät-68er-Ernst Lethens etwas zu heiter gewählt) - über die botanische Familienzugehörigkeit seines Schreibens: «Dieses Buch ist keine Biografie. Ich bewundere Biografen, die eine Figur aufs Papier setzen, welche einen Schatten wirft, nach Atem ringt, sich in Alltagsroutinen ergeht, Ausbruchsversuche startet, Versicherungspolicen unterschreibt und mordet, und aus all diesen Akten eine Person und ihre inneren Antriebe zusammenbringen. Mir war dies im Falle Benns nicht möglich. Es schien mir angebrachter, ‹Ruheplätze›, auf denen ich ein Problemfeld . . . umkreise, mit ‹Kalenderstrecken› zu verbinden. Ich erinnere mich, dass Siegfried Kracauer in seinem letzten Buch . . .»

Also lässt sich der Leser an einer reichlich kurzen Leine von einem «Ruheplatz» («Benn im Zeitalter der Nervosität») zu einer «Kalenderstrecke» («Lyrik 1916-1927») führen. Überhaupt folgt der Leser seinem Autor wie ein freundlicher Hund, der nicht ganz sicher ist, ob sein Meister den Weg zur schönen Waldschenke wirklich kennt. Lethen - er hat 1994 mit seiner Studie über die «Verhaltenslehren der Kälte» verdienten Erfolg gefunden - ist jedenfalls hier, bei Benn, ein allzu bekennender Freund von Abschweifungen.

Instruktiv dagegen das Kapitel über Benns Beziehung mit dem Kunsthistoriker Carl Einstein; eine Trouvaille die fünfzehn Seiten, die auf den merkwürdigen Titel «Benns Verbrechen» folgen. Im Übrigen aber lässt Lethen den Leser wissen, dass er, Lethen, derjenige ist, der das biografische Material Benn zu jener definitiven Kunstform drechselt, die Bestand haben soll. Das ist leider etwas deutsch, ziemlich pädagogisierend, etwas besserwisserisch und insgesamt überflüssig. Zudem, und unter dem Stichwort «viriler Narzissmus»: Weshalb muss sich einer, der selbst sehr wohl stehen kann, auf die Schultern eines entschieden Grösseren hieven?

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