Ein Sommer, der bleibt.
Roman von Peter Kurzeck (2007, Supposé-Verlag).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom 11.12.2008:

Sommertags, immer
Peter Kurzeck spricht einen bleibenden Roman

Staufenberg in Oberhessen, ein paar Kilometer nordöstlich von Gießen gelegen, auf einem Basaltfelsen. Der 1943 geborene Schriftsteller Peter Kurzeck ist dort nach dem Krieg, nach der Vertreibung aus Sudetendeutschland aufgewachsen; in einem Dorf, das "nur über ein paar unverdrossene Feldwege und eine mürrische Schotterstraße" zu erreichen war.

Die Chaussee führte am Berg vorbei, die Bahnlinie ebenfalls, unten im Tal fließt die Lahn. Bereits in seinem Roman "Kein Frühling", erstmals 1987 und soeben im Verlag Stroemfeld/Roter Stern in einer um einige Kapitel erweiterten Neuausgabe erschienen, erzählt Kurzeck von Staufenberg. Doch das, was ihm nun auf den 4 CDs von "Ein Sommer, der bleibt" gelungen ist, ist so aberwitzig und wunderbar wie kaum etwas, das man bislang hören durfte: Ein frei gesprochener Roman; ein Werk, das in der Sekunde, in der es laut formuliert wird, erst entstanden ist.

Wer einmal mit Peter Kurzeck an einem Tisch gesessen hat, weiß, dass dieses Verfahren authentisch ist - er spricht so, er kann stundenlang so sprechen, ohne Unterbrechung, ohne nachzulassen, in jenem eigenwilligen, beinahe staunenden Tonfall, der auch die Lektüre seiner Romane automatisch grundiert, wenn man ihn erst im Ohr hat. Es muss offensichtlich Zwischenfragen gegeben haben, die den Erzählstrom hin und wieder lenken, doch die sind aus der Endfassung herausgeschnitten; übrig bleibt ein geradezu hypnotisierender Monolog, der tief in die Funktionsweise des Kurzeck'schen Kosmos hineinführt.

Sicher, da ist einerseits der geradezu manische Erinnerungszwang, der ein Panorama der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre heraufbeschwört, Details zutage fördert. Solche wie das Mohnmühlchen, das es nur einmal im Dorf gab und von Haus zu Haus wanderte (Protestanten, so erfahren wir nebenbei, können keinen guten Mohnkuchen backen). Oder das kleine, aus einem zerrissenen Kopfkissenbezug geschneiderte Säckchen, mit dem die Mutter, das Kind an der Hand, zur Mühle wandert, um etwas Mehl zu ergattern und nach langem Fußmarsch mit einem schlichten "Nein" abgewiesen zu werden. Das ist die eine Ebene, aber nicht die wichtigste.

Das kann nur er

Viel bedeutsamer ist, dass in dieses System der poetischen Weltaneignung im Prozess des Erzählens alles, wirklich alles eingeordnet werden kann; dass es nicht zwangsläufig eines bestimmten Themas, ja noch nicht einmal einer zuverlässigen Erinnerung bedarf, um große Literatur (um die es sich hier zweifellos handelt) entstehen zu lassen - es ist der Sprechakt selbst, der bei Kurzeck automatisch zur Kunst wird, mit der charakteristischen Stimmhebung am Satzende, hin und wieder ergänzt durch ein mundartliches "Gell". Das, was Kurzeck mit der deutschen Sprache kann, kann niemand so wie er: er verzaubert sie. "Ein Sommer der bleibt" verewigt Staufenberg auf der literarischen Landkarte und stellt einmal mehr die Bedeutsamkeit des (sprechenden) Schriftstellers Kurzeck unter Beweis.

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