Ein
Sommer,
der bleibt.
Roman von Peter Kurzeck (2007,
Supposé-Verlag).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Frankfurter Rundschau vom
11.12.2008:
Sommertags, immer
Peter Kurzeck spricht einen bleibenden Roman
Die Chaussee führte am Berg vorbei, die Bahnlinie
ebenfalls, unten im Tal fließt die Lahn. Bereits in seinem Roman "Kein
Frühling", erstmals 1987 und soeben im Verlag Stroemfeld/Roter Stern in einer um
einige Kapitel erweiterten Neuausgabe erschienen, erzählt Kurzeck von
Staufenberg. Doch das, was ihm nun auf den 4 CDs von "Ein Sommer, der bleibt"
gelungen ist, ist so aberwitzig und wunderbar wie kaum etwas, das man bislang
hören durfte: Ein frei gesprochener Roman; ein Werk, das in der Sekunde, in der
es laut formuliert wird, erst entstanden ist.
Wer einmal mit Peter Kurzeck an einem Tisch gesessen hat, weiß, dass dieses
Verfahren authentisch ist - er spricht so, er kann stundenlang so sprechen, ohne
Unterbrechung, ohne nachzulassen, in jenem eigenwilligen, beinahe staunenden
Tonfall, der auch die Lektüre seiner Romane automatisch grundiert, wenn man ihn
erst im Ohr hat. Es muss offensichtlich Zwischenfragen gegeben haben, die den
Erzählstrom hin und wieder lenken, doch die sind aus der Endfassung
herausgeschnitten; übrig bleibt ein geradezu hypnotisierender Monolog, der tief
in die Funktionsweise des Kurzeck'schen Kosmos hineinführt.
Sicher, da ist einerseits der geradezu manische Erinnerungszwang, der ein
Panorama der späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahre heraufbeschwört,
Details zutage fördert. Solche wie das Mohnmühlchen, das es nur einmal im Dorf
gab und von Haus zu Haus wanderte (Protestanten, so erfahren wir nebenbei,
können keinen guten Mohnkuchen backen). Oder das kleine, aus einem zerrissenen
Kopfkissenbezug geschneiderte Säckchen, mit dem die Mutter, das Kind an der
Hand, zur Mühle wandert, um etwas Mehl zu ergattern und nach langem Fußmarsch
mit einem schlichten "Nein" abgewiesen zu werden. Das ist die eine Ebene, aber
nicht die wichtigste.
Das kann nur er
Viel bedeutsamer ist, dass in dieses System der poetischen Weltaneignung im Prozess des Erzählens alles, wirklich alles eingeordnet werden kann; dass es nicht zwangsläufig eines bestimmten Themas, ja noch nicht einmal einer zuverlässigen Erinnerung bedarf, um große Literatur (um die es sich hier zweifellos handelt) entstehen zu lassen - es ist der Sprechakt selbst, der bei Kurzeck automatisch zur Kunst wird, mit der charakteristischen Stimmhebung am Satzende, hin und wieder ergänzt durch ein mundartliches "Gell". Das, was Kurzeck mit der deutschen Sprache kann, kann niemand so wie er: er verzaubert sie. "Ein Sommer der bleibt" verewigt Staufenberg auf der literarischen Landkarte und stellt einmal mehr die Bedeutsamkeit des (sprechenden) Schriftstellers Kurzeck unter Beweis.[...diese und weitere Besprechungen
finden Sie unter
]
Leseprobe I Buchbestellung I home 0808 LYRIKwelt © Frankfurter Rundschau