Der Sohn.
Roman von Jessica Durlacher,
(2012, Diogenes - Übertragung Hanni Ehlers).
Besprechung von Regina Urban in den Nürnberger Nachrichten vom 25.04.2012:

Hermans Vermächtnis
Jessica Durlachers neuer Roman "Der Sohn"

Mit „Emoticon“ oder „Die Tochter“ wurde Jessica Durlacher bekannt. Nun legt die 1961 in Amsterdam geborene Schriftstellerin den Roman „Der Sohn“ vor, der 2010 in den Niederlanden zum besten Buch des Jahres gekürt wurde.

Durlachers jüdischer Vater war der einzige aus seiner Familie, der Auschwitz überlebte. Sein Schicksal ist zu einem Lebensthema der Autorin geworden. Fast alle ihre Romane erzählen von der komplizierten Befindlichkeit der Nachkommen, die der Geschichte ihrer Vorfahren nicht entgehen.

Auch „Der Sohn“ handelt von einer solchen Geschichte – von Herman Silverstein, der als 15-Jähriger seine Eltern im KZ verlor, dem nur er entkam. Der nach dem Krieg Geschichtsprofessor in Holland wird und mit „gigantischer Besorgnis“ über das Wohl seiner beiden Töchter wacht, später auch über die Familie der Jüngeren, Sara, aus deren Perspektive dieses Buch erzählt wird.

Einbruch der Gewalt

Als Herman mit 80 Jahren nach einem Unfall im Garten stirbt, ist plötzlich alle Sicherheit dahin. „Unter seinem wachsamen Blick und seiner erbitterten Lenkung blieben uns Katastrophen, Unglücksfälle und Kriege erspart – und nach seinem Tod ging auffällig viel schief.“ Sara, ihr Mann Jacob, ein erfolgreicher Filmproduzent, und ihre Kinder, die 13-jährige Tess und der 18-jährige Mitch, der seinem Großvater so ähnlich ist, erleben das Ende der Geborgenheit.

Zunächst ist da nur Mitchs Entscheidung, US-Marine zu werden – ein Schock für Sara. Doch dann wird die Ich-Erzählerin Opfer eines brutalen Vergewaltigungsversuchs, wird die Familie nachts in ihrem Haus überfallen, Jacob fast getötet, die Tocher traumatisiert. Auf der Suche nach einer Erklärung für diesen Einbruch der Gewalt stößt Sara nicht nur auf ein gut gehütetes Geheimnis ihres Vaters, sondern auch auf Spuren aus der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart führen. Auch die Kinder der Mörder von einst leben noch – und Sara beschließt, Vergeltung zu üben.

Durlachers Roman verbindet Familientragödie und Thriller auf eine so leichthändige, unterhaltsame Weise, wie sie bei diesem Thema selten ist. Bei allem mörderischen Ernst schwingt da ein leiser Humor mit sowie eine feine Selbstironie. Am stärksten jedoch fesselt die große Empathie, mit der Durlacher sowohl Saras zärtliche Liebe zu ihrem Vater und ihren Kindern und die große Sorge um sie schildert wie auch ihre Hilflosigkeit gegenüber der Gewalt, die in Hass und grenzenlose Wut umschlägt.

Auf ihrer aktuellen Lesereise wurde Durlacher oft gefragt, ob ihr Buch von Rache handle. „Nein“, sagt die Autorin gegenüber unserer Zeitung, „es ist ein Buch über die Liebe, über den Wunsch, seine Angehörigen zu beschützen und die Frage, wie weit man dafür geht.“ Zwar sind die autobiografischen Züge unbestreitbar, doch Sara sei „eine fiktive Figur. Das bin nicht ich, aber es sind meine Gefühle, die ich in dem Buch beschreibe.“

„Ich hoffe, dass du stark wirst. Dass du imstande sein wirst, die, die du lieb hast, zu beschützen. Dass du ein Kämpfer wirst“: Das ist das Vermächtnis, das Herman seinem Enkel Mitch, als dieser 13 war, mit auf den Weg gab. Es ist der Schlüssel zu diesem Roman und zugleich als persönliches Bekenntnis der Autorin zu lesen.

Replik auf Grass-Gedicht

Ihr Mann, der Schriftsteller Leon de Winter, hat kürzlich, in Gedichtform, eine harsche Replik auf Günter Grass’ israelkritisches Gedicht veröffentlicht. Das war sehr hart, sagt Durlacher, und doch würde sie jedes Wort unterstreichen. „Es ist salonfähig geworden, Israel an den Pranger zu stellen. Das ist unerträglich. Natürlich begeht die Regierung auch Fehler, aber ich wäre immer bereit, Israel zu verteidigen.“ Die Geschichte des Holocaust, das machen auch Durlachers Bücher bewusst, ist noch lange nicht zu Ende geschrieben.

Die komplette Besprechung mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

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