Der Sinn des Kampfes von Michel Houellebecq, 2001, DuMontDer Sinn des Kampfes.
Gedichte von Michel Houellebecq (2001, DuMont).
Besprechung von Vera Hewener:

Die Suche nach dem Zauberspiegel
Michel Houellebecqs „Der Sinn des Kampfes“

Was ist dran am Houellebecqschen Pessimismus? Ist es moderne Gesellschaftskritik, menschliche Unzulänglichkeiten pointiert zuzuspitzen oder ist es einfach nur Schwarzmalerei, Ausdruck des Nihilismus eines neuen Kultautors, der es verstanden hat, seine Tristesse in bare Münzen zu verwandeln? Ist dies sein „Sinn des Kampfes“?

Houellebecq skizziert das gegenwärtige Leben in unserer Gesellschaft als ein Prisma von Erfahrungen, die den Menschen seiner Visionen und Träume berauben. Das Eröffnungsgedicht „Der Tag wächst heran und wird groß“ umreißt diese Tragik in einer konkreten Sprache, die objektiv und schnörkellos zu der Erkenntnis führt: „Heute wird sich ereignen.“ Houellebecq seziert das Leben, zerlegt es in seine Einzelteile und macht auch vor zwischenmenschlichen Beziehungen nicht halt. Er überträgt das Moment der exakten Messerschneiderei auf alle Formen der Begegnungen. „Die unsichtbare Schicht,/ die in der Luft unsere Leidensexistenz begrenzt/ formt und verhärtet sich schrecklich schnell“. Bei ihm gibt es keinen Anspruch auf Glück, auf hedonistische Lebenslust. Der Weg ist schon vorgezeichnet, die Grenzen sehr eng gesteckt. All das, was einem im Laufe des Lebens widerfährt, löscht die kindlichen Erwartungen fast aus. „Es ist nicht besonders viel übrig am Grund unseres Lächelns,/ wir sind Gefangene unserer eigenen Durchschaubarkeit.“

Houellebecqs Absage an die Chance, Erfahrungen als individuellen Reifungsprozess zu verstehen ist Teil seines poetischen Diskurses, der den Leser an den Rand der Verzweiflung treibt. Ereignislosigkeit, innere Leere und Einsamkeit sind die Kennmarken an diesem Horizont nicht gelebter Existenz, ein Dahinwabern menschlicher Körper, bar jeden Wunsches nach gegenseitiger Wahrnehmung, nach Nähe oder menschlichem Kontakt. Aus Zurückgezogenheit, Abwendung von der Welt und sich selbst baut er eine Trutzburg, die jeglicher Berührung wehrt. Wer nichts erwartet, kann auch nicht enttäuscht werden. Mehr noch, „die grausame Vision/vor dem Himmel“ ruft bei ihm Ekel hervor. Die Engel sind zu Gott heimgekehrt, zu den „lachenden Frauen“. Diese Gründe des Ekels sind für ihn „die Nahrung des finalen Hasses“. Dennoch gibt es Positives. Die Gegenwart ist raumgreifend, sie gibt noch Halt. „Ich bin nicht froh,/aber ich bin in meinem Zimmer/die Engel halten mir die Hand“.

Die Suche nach Lösungsansätzen beginnt skeptisch: „Es ist problematisch, auf so außergewöhnliche Vorbedingungen eine Lebensethik zu gründen, ich weiß“. Alte Erklärungsmodelle dieser Welt haben ausgedient. „Wir benötigen unveröffentlichte Metaphern“. Manchmal flackert Hoffung auf, wird die Sinnfrage gestellt, entsteht religiöses Ambiente. “Weiß er, dass Jesus Christus für ihn gestorben ist“ sinniert er in „Dieser Mann“ über einen Clochard. Seine Gesellschaftskritik reflektiert liberales Denken vor dem Hintergrund des Evangeliums und transferiert es in die Ökonomie der Globalplayer. Beziehungen werden als Kalkül des Systems entlarvt. Je deutlicher er die Wertlosigkeit von Begegnungen hervorhebt und den Leser mit nihilistischen Wortspielen traktiert, ums so klarer wird die Unmöglichkeit, in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Wirklichkeit Nähe und Geborgenheit zu finden, ja sie nicht einmal mehr suchen zu wollen. Die Ökonomisierung der Beziehungen ist nicht mehr umkehrbar. Und doch glaubt er an die Möglichkeit einer „Welt, in der man leben könnte/vom ersten Augenblick an“. Im Titelgedicht kristallisiert sich diese Hoffnung einer lebenswerten Welt als Entschluss, den Kampf aufzunehmen. „wir mussten uns für einen anderen Angriffswinkel entscheiden,/uns zum Guten davonmachen“. Der Nihilismus wandelt sich, Gefühle werden spürbar. „Es gab ungewisse, sehr intensive Nächte.“ Und der Glaube kehrt zurück. „Heute kehre ich ins Haus des Vaters zurück.“

Das ist sein Sinn des Kampfes, die Faszination der Gnosis, die Rückkehr zu einem Glaubensbekenntnis, das den Humanismus in den Vordergrund stellt. „Da ist diese Art von Glauben an eine vom Bösen/ und vom Schreien und vom Leid erlöste Welt.“ Nihilismus als Antwort auf die unerträgliche Realität der Ökonomisierung und damit einhergehenden Kälte und Glauben oder Hoffnung als Reaktion auf diese Ausweglosigkeit sind die Essenz dieser Poesie, die uns gnadenlos unschön den gesellschaftlichen Zeitspiegel aufklappt. Der Leser wird Mühe haben, aus diesen beschlagenen Scheiben einen Zauberspiegel zu bannen.

Leseprobe I Buchbestellung 0104 LYRIKwelt © Vera Hewener