Der siebente Brunnen von Fred Wander, 2005, Wallstein

Der siebente Brunnen.
Roman von Fred Wander (1971/2005, Wallstein-Verlag - Nachwort Ruth Klüger).
Besprechung von Erika Deiss in der Frankfurter Rundschau, 21.9.2005:

Das Handwerk des Überlebens
Todesnot und praktizierte Hoffnung: Fred Wanders unglaublicher Roman "Der siebente Brunnen" ist wiederzuentdecken

Er wurde als Herausgeber bzw. Ehemann der jung verstorbenen Maxie Wander fast bekannter als durch seine eigenen Werke. Doch Fred Wander hat nicht weniger zu sagen. Als sein Roman Der siebente Brunnen 1971 erstmals erschien, gab es weder den Roman eines Schicksallosen von Imre Kertész (1975), die grandiose Doppelbiographie Sag nie, du gehst den letzten Weg von Lin Jaldati und ihrem Gefährten Eberhard Rebling (1986) noch Ruth Klügers weiter leben (1992). Nur Primo Levis Ist das ein Mensch ? (1947), Elie Wiesels Die Nacht (1958) und Jorge Sempruns Die große Reise (1963) lagen damals vor. Fred Wander zählt so zu den Ersten, die dem Sprechen über das Unkommunizierbare, die unbeschreiblichen Verbrechen der Vernichtungslager eine neue Dimension eröffneten.

Fred Wander, 1917 als Fritz Rosenblatt in Wien in ärmlichen Verhältnissen geboren, lief mit vierzehn Jahren aus der Schule weg. Er trampt als Rossknecht, Schildermaler, Fliesenleger quer durch halb Europa. Er emigriert bei Kriegsausbruch über die Schweiz nach Frankreich, wird dort interniert und an die Nazis ausgeliefert. Nach Auschwitz deportiert, kehrt Wander - er hat 13 Lager überlebt - nach der Befreiung Buchenwalds nach Wien zurück, arbeitet als Reporter, Fotograf und Zeichner. Ende der 50er Jahre übersiedelt er mit Maxie in die DDR. Nach Maxies Tod zieht Wander neuerlich nach Wien, wo er zurückgezogen lebt.

"Wie man eine Geschichte erzählt", so heißt das erste von zwölf Kapiteln: zwölf Geschichten, erzählt von einem namenlosen Ich, in einer Sprache, die ihresgleichen sucht. Fred Wanders Sprache - übrigens in allen Büchern, derzeit liegt nur dieses vor - ist so luzid wie lapidar. Jiddische Syntax (jiddische Passagen übersetzt der Anhang), Dialoge ohne Anführungszeichen, abrupte Zeitenwechsel aus dem Imperfekt ins Präsens und zurück und eine überwältigende Pracht der Bilder vermitteln einen so direkten Zugang zum Geschehen, als erlebe - eben jetzt, im Augenblick - der Leser jede Einzelheit am eignen Leib. "Drei Wochen nach dem Gespräch, von dem ich nun berichten werde, sollte Mendel sterben". Der Eröffnungssatz sagt alles. "Mendel Teichmann, groß und hager und innerlich brennend", Wanders Leitfigur, von der sein Alter Ego das Erzählen lernen will (seine "Magie, zornig und stark"), spricht auch den Leitgedanken aus, den der Erzähler wie in einem Prisma bündelt: "in den Menschen liegen Kräfte verborgen, aber die wissen es nicht".

Nicht wir, sie werden sterben

"Wir werden nicht sterben, wir werden leben. Sie werden sterben." Lagerältester Haase und der Rote Hahn und alle Kollaborateurs vermögen nichts dagegen. Die Gestiefelten bzw. Stiefelträger ("heiteres Naturell, rosiger Teint, breite Kiefer, weißes Gebiss") - was bestellten diese Chargen gegen Jacques, den Draufgänger, Tenor Antonio, Träumer Feinberg oder Utopist Pépé? Was gegen Tschukran, ,unseren besten Arbeiter', der die erschöpften Muselmänner fröhlich auf den Rücken nimmt? Wo bleibt die Macht der Schinder gegen jenes große Feuer, das in der Provence zum Himmel lodert, gegen Tanz, Gesang und immer wieder die Geschichten, die die Internierten sich erzählen ? "Einige konnten wohl befreit werden, aber alle anderen gingen auf Transport."

Es ist ein Querschnitt durch die Völkerschaften ganz Europas, den der Autor wider alles Unrecht, alle Qual und Schande der Erniedrigten wie zum Appell der Machtlosen versammelt, dem doch höchste Würde eignet. "Die seit Jahrhunderten verfolgt sind und daher im Worte leben", diese äußersten Verlorenen an ihrem letzten Ort (die Hölle, wenn sie in Öfen wandern, liegt längst hinter ihnen), sie erheben nicht nur keine Klage. Sie durchschreiten ihre Via Dolorosa so getrost, dass selbst Erlösung zum makabren Witz geriete. Bauer Meir Bernstein etwa, schon im tödlichen Delir, imaginierend einen Sederabend, "dankt dem Herrn der Welt für diese Gnade", mit seinem letzten Blick noch einmal seinem Kinde übers Haar zu streichen.

Die Stiefelträger, gegen diese unglückseligen Gestalten sind sie arme Teufel. "Was braucht der Mensch, um glücklich zu sein ? Fast nichts." Sie haben ("Vom Geruch der alten Städte") nämlich alles, was die Welt zum Himmel macht: das Schtetl, das Viertel, das Gässl, das Haus. Solch trostreiche Beschwörung mitten in den teuflischsten Szenarien macht den Reiz des Buches aus. Wie "dieser Zauberer Mendel Teichmann", von dem unser Namenloser das Erzählen lernen möchte (dessen "Handwerk", "Glanz und Kraft", an dem gemessen seine Rede "nur Gestammel" sei) die ganze Schöpfung mitten im Gehenna nochmals - besser - auf den Weg bringt: dieses Wunder macht Fred Wander keiner nach. Es herrscht im Siebenten Brunnen eine so gespannte Helligkeit, ein derart rasend abundantes Licht, dass sich "Des Paradieses Ahnung" (so ein Häftling, auf dem Todesmarsch Baudelaire zitierend) wie ein warmer Mantel brüderlicher Solidarität und heißer Menschenliebe unverlierbar über alle Dinge breitet. Was nur einen Schluss erlaubt: "Die Welt ist schön zum Donnerwetter !", wie es Alfred Kerr in seiner Diktatur des Hausknechts (Brüssel 1943) so emphatisch dem Roman vorweggenommen hatte.

Buchenwald grüßt Auschwitz

Denn man trifft sich. Buchenwald grüßt Auschwitz. Crawinkel Geheimrat Goethe. "Joschko und seine Brüder" grüßen die Befreier, die die halbvertierten Kinder freilich nicht erkennen. (Nach der Quarantänebaracke flüchtet sich das Ich in wildem Überlebenswillen in den Lagerkindergarten.) Wieder einmal, in Fred Wanders Sprache ist es allpräsent, grüßt Anna Seghers Siebentes Kreuz mit seiner schmerzlich wunderbaren Brechung von Romantik und Entsetzen, Todesnot und praktizierter Hoffnung. Die Stafette, über Raum und Zeit, die jener Einzige im Lager, der im Tode lächelt, aufnimmt ("Joschko und seine Brüder, die es nicht wussten, hatten den Stab, den er hingeworfen, aufgehoben und trugen ihn mit sich fort") - er gibt sie weiter an die Lebenden, die sie bewahren.

"Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen. Ich werde nichts Wertvolles entwenden und mir keine geistreichen Formulierungen aneignen. Aber die Lumpen, den Abfall: die will ich nicht inventarisieren, sondern sie auf die einzig mögliche Art zu ihrem Recht kommen lassen: sie verwenden." Das sagte Walter Benjamin, und ganz genauso macht es auch Fred Wander. Sein Erzähler lässt nicht locker: "er war ein Durchschnittsmensch, wie wir alle".

Aber die verschwenderische Fülle jener expressiven Sprach- bzw. Charakterskizzen Wanders, ihre fulminante Musikalität - solch zärtlich sinnfällig gemachter Durchschnitt zeigt, was dort verloren ging. Mit ihren quälenden Lyrismen brennt sich seine Sprache ins Gehirn des Lesers wie die Häftlingsnummern, die die höllenbreughelsche Wirklichkeit, deren Pathographie Der siebente Brunnen darstellt, diesem Ich so ins Gedächtnis tätowierte, dass durch seine Rede die Ermordeten, nicht länger stumm, das Wort ergreifen. So gibt ihnen Wander ihr Gesicht und ihre Stimme, ihre unauslöschliche Präsenz zurück.

In seiner Mischung aus Groteske und Gebet ist der Roman ein solches Konzentrat an Leiderfahrung, Lebensfreude, Fröhlichkeit und Folter, Ahnungslosigkeit und Marter ohne Ende, dass der Spuk, den er erzählt, durch die Beschreibung in ein anderes Medium transformiert wird. Wanders blutiger Humor, ein Amalgam von Lachen unter Tränen und dem blanken Horror kulminiert in jener krass kompromittierenden Gerechtigkeit, die noch die Henker als Verführte zeichnet - ohne ein Würgen in der Kehle kommt der Leser nicht davon. Wanders Beschaulichkeit mit Widerhaken zeitigt eine solche tiefe Contenance, dass alle Qual vor lauter kobolzschlagend wilder Ironie beschämt Reißaus nimmt.

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