Der Setzkasten oder Erwin und die halben Luftballons von Friedrich Hahn, 2015, KeiperDer Setzkasten oder Erwin und die halben Luftballons
Roman von Friedrich Hahn (2015, Edition Keiper).
Besprechung von Helmut Schönauer , 29.Mai 2015:

Der Setzkasten
Es müssen nicht immer für die Öffentlichkeit taugliche Heroen sein, die einen gewissen Lebensstil zur Schau tragen, die wahren Lebenskonzepte spielen sich meist ohne großen Tamtam auf kleinstem Raum mit wenig Personal ab.

Friedrich Hahn stellt anhand seines Protagonisten „Einer“ einen Lebensraum auf kleinstem Raum vor, der durchaus geeignet ist, als Mini-Trophäe in einem Setzkasten ausgestellt zu werden. Einer hat keinen Vornamen und keine Kindheit, er ist in allen Dingen ein unbeschriebenes Blatt und deshalb bestens als Partner für Gisela geeignet. Gisela hat eher zu viel erlebt, eine missglückte Schwangerschaft beispielsweise, ungelenken Umgang mit Männern und einen am Konsum orientierten Zugang zur Kunst.

Einer und Gisela führen Kleingespräche und entwickeln dabei eine Philosophie der Minimalanalyse. Warum ist man eigentlich überrascht und nicht unterrascht, wenn es einem unter die Haut geht? Bei einem Jodler-Seminar auf der Muttereralm bei Innsbruck gibt es keinen goldenen Topf zu gewinnen, dafür ist das ganze Land durch Unfälle verstaut.

Jetzt sind sich die beiden schon so nahe, dass es Geschlechtsverkehr gibt, Einer fühlt sich dabei wie ein Kind, als er mit seinem Genital in einem anderen zu spielen kommt. Als Belohnung kriegt er auch einen Vornamen, er heißt jetzt einfach Erwin. Gisela hat noch mehr vor, sie vermietet ihn an ihre Freundin Jette, die eine gottbegnadete Künstlerin ist und ihm noch allerhand beibringen kann. Freilich kehrt Erwin dann wieder treuherzig zu Gisela zurück und es gibt so manchen Koitus nach Art des Hauses, während Jette schwanger ist. (127)

Einer macht in seiner Einfältigkeit alles mit, kauft sich nebenher fette Bücher, weil sich aus ihnen besonders gut zitieren lässt, und darauf kommt es beim Lesen schließlich an. Ständig verfolgt ihn freilich die Angst, eines Tages als angepasst zu gelten. (61) Immerhin hat sich das Gesprächs- und Geschlechtspaar einen eigenen Wortschatz zugelegt, „Kafka!“ beispielsweise heißt, du hast Dreck zwischen den Zähnen!

Auf einer dieser gesichtslosen Partys gibt es dann noch Glückskekse, Erwin hat nichts besseres im Sinn, als dieses in seinem Setzkasten sichtbar abzulegen. Dann gibt es noch über ein paar Seiten ein klassisches Fade-out.

Friedrich Hahn hat mit Erwin einen raffinierten Helden entwickelt, halb einfältig wie eine Robert Walser Figur, dann wieder phantasiestark wie der Robert aus dem Struwwelpeter. Der große Lebensentwurf wird wie in einem Kinderbuch abgearbeitet, es gibt viel zu staunen und zu bebrüten, eigentlich ist die Welt groß genug, wenn man sie rund um sich selbst ausbreitet. Und diese Umgebungswelt gibt auch genug Schutz gegen alles, was einem Helden so während eines biederen Lebens widerfährt. - Ausgeklügelt abgeklärt!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.schoenauer-literatur.com]

Leseprobe I Buchbestellung 0710 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Helmuth Schönauer