Der Schwimmer von Zsuzsa Bánk, 2002, S.Fischer1.) - 2.)

Der Schwimmer.
Roman von Zsuzsa Bánk (2002, S. Fischer).
Besprechung von Susanne Broos in der Frankfurter Rundschau, 1.10.2002:

Wie Ági und Virág ihr eigenes Leben führten
Erfindet Menschen, sammelt Auszeichnungen, hat neue Pläne: Zsuzsa Bánk kommt heute Abend im Literaturhaus zu Wort

Die zwei Frauen am See mag sie am liebsten. Ági wegen "ihrer Kraft, das Leben zu meistern und ihrer Fähigkeit, im entscheidenden Moment das Richtige zu tun", und Virág, "weil sie so schön verrückt ist, aber ernsthaft mit Dingen, die ihr wichtig sind". Ági, eine typische Vertreterin der mittleren Generation, und ihre Tochter Virág gehören in Zsuzsa Bánks Debütroman Der Schwimmer, der in Ungarn nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand von 1956 spielt. Wenn man aber ihrer Schöpferin zuhört, wie sie lebhaft von Ági und Virág und all den anderen Figuren erzählt, klingt es so, als hätte es sie wirklich gegeben.

Ein Eindruck, der Bánk fast ein wenig verlegen macht. "Die Figuren haben ein Eigenleben entwickelt", sagt die Autorin, "ich habe nicht mehr das Gefühl, ich habe sie gemacht." Dabei war es für sie während des Schreibens "unglaublich anstrengend, Figuren aus sich herauszuziehen und eine stimmige Geschichte zu erzählen". Besonders anstrengend vielleicht auch deswegen, weil die Figuren anfangs nur "Beiwerk" waren. Die Hauptrolle des Buchs sollte nämlich etwas ganz anderes spielen. "Ich wollte einen Roman über die Stimmung im Land schreiben", sagt Bánk, die 1965 als Kind ungarischer Eltern in Frankfurt geboren wurde und zweisprachig aufwuchs. Über eine Stimmung, die sie bei ihren Ferienaufenthalten in Ungarn als "unerklärliche Traurigkeit" wahrgenommen hat. "Etwas war anders als bei uns, etwas war erstarrt", erinnert sie sich noch heute.

Trotzdem ist der Schwimmer kein historisch-politischer Roman; eher ein sehr poetisch geschriebenes Buch über ein Phänomen, das Bánk schon länger interessiert und das viele Facetten hat. Bereits während ihres literaturwissenschaftlichen Studiums hat die gelernte Buchhändlerin und bekennende Vielleserin sich intensiv mit der Frage beschäftigt, wie Stimmung in einem Land, in einer Gesellschaft entsteht und wie sie gemacht werden kann, und ihre Magisterarbeit über die Propagandapolitik während des New Deals verfasst. Schreiben gehörte neben Lesen schon immer zu Bánks Leben. Sie schrieb, seit sie elf, zwölf Jahre alt war, Tagebuch und Geschichten und "lange hingebungsvolle Briefe" und litt, wenn sie nicht schreiben konnte. Dennoch hat sie nicht geplant, Schriftstellerin zu werden. "Das ist nichts, was man in die Wege leiten kann", meint die Autorin, die bis vor zwei Jahren Wirtschaftsredakteurin beim Mitarbeiterfernsehen der Deutschen Bank war. Aber vom literarischen, feuilletonistischen Schreiben leben zu können, das sei als "Traum sicher immer vorhanden gewesen".

Seit ihrem Debüt ist sie dem ein gutes Stück näher gekommen. Schon für Auszüge aus dem Manuskript bekam sie 2000 den "Open Mike"-Literaturpreis der Literaturwerkstatt Pankow - und zog damit das Interesse mehrerer Verlage auf sich. Untergeschlüpft ist sie jedoch beim S. Fischer Verlag, der zuvor bereits Kurzgeschichten von ihr veröffentlicht hat. Der ersten Auszeichnung folgten nun der Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und der aspekte-Literaturpreis für das beste deutschsprachige Prosadebüt des Jahres 2002.

Eineinhalb Jahre hatten Ági, Virág und all die anderen Bánks Leben bestimmt, den Rhythmus vorgegeben - "eine Seite pro Tag war absolutes Minimum" - und sie vom Bücherlesen abgehalten. Etwas, was sie nachholen wird, sobald sie dazu Gelegenheit hat. Jetzt stehen erst einmal etliche Lesungen und natürlich die Buchmesse vor der Tür. Aber sobald sie "zur Ruhe kommt", möchte sie ihr nächstes Projekt anfangen. Notizen dazu gibt es schon in dem Block, den sie immer bei sich hat. Mit Ungarn wird das Projekt jedoch nichts zu tun haben. Nicht nur, weil die Frankfurterin, die sich nie als "anders" empfunden hat, "keine Lust hat, in die Ungarnschiene gedrängt zu werden". Sondern, weil die Geschichte, die sie erzählen wollte, nun erzählt ist. Und andere Figuren schon darauf warten, von ihr gestaltet zu werden, um - auf Papier gebracht - ein Eigenleben zu entwickeln.

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Der Schwimmer von Zsuzsa Bánk, 2002, S.Fischer2.)

Der Schwimmer.
Roman von Zsuzsa Bánk (2002, S. Fischer).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 28.1.2003:

Wer da sitzt und schreibt

Zsuzsa Bánk, Nadja Einzmann und Ricarda Junge mit einer Lesung in der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek wird als Gedächtnis der Nation verstanden. Nun bot sie das Forum für eine Lesung mit drei Autorinnen des S. Fischer-Verlags. In seiner Einführung kam es dem Lektor Oliver Vogel darauf an, mit den "Eigenarten" der Bücher von Zsuzsa Bánk, Nadja Einzmann und Ricarda Junge zugleich die Vielfalt des Verlagsprogramms anzuzeigen. Vogel gab sich Mühe mit dem Nachweis, dass solche Versammlungen junger Schriftstellerinnen nicht bloß einer - inzwischen auch schon wieder obsoleten - Mode entsprächen. Vielmehr darf man sich von ihnen etwas versprechen, das an bewährte Erzählhaltungen anknüpft: den ruhig schweifenden Blick, der die alltäglichen Dinge berührt.

Das gilt allemal für die 1979 in Wiesbaden geborene und am Leipziger Literatur-Institut ausgebildete Ricarda Junge, die zuerst las. In ihrem Debüt Silberfaden wird viel gereist. Ihre Helden sind auf der Suche nach dem "Lebenswerten": So formulierte es Vogel. Zu hören war indes die Geschichte eines offenbar schwer erziehbaren Jake. Seine Renitenz bringt ihn in ein "Camp", wo er "Gehorsam lernt." Eine berichtende Schwester weiß: "Unsere Eltern haben ein Kind zuviel, wenn man die Zimmer zählt." Während sie die katastrophalen Ansichten ihres Familienlebens einem ebenso melancholischen wie lakonisch-fatalistischen Resümee zuführt, zeigt der Bruder eine schöne Unzugänglichkeit, indem er von dem Zuchtversuch am eigenen Leib nur die Liegestütze erinnert.

Deutlich weniger martialisch wirkt der Seelen-Prospekt bei Nadja Einzmann, die 1974 in Baden zur Welt kam. "Ganz und gar wunderbar" erschien einem Kritiker ihr erster Prosaband Da kann ich nicht nein sagen. Vogel sprach hier von "lauter kleinen Geschichten, die eine große Liebesgeschichte erzählen." In der Deutschen Bibliothek las Nadja Einzmann Texte, denen die Veröffentlichung noch bevorsteht. Darin taucht ein erzählendes Ich auf, das mal so war: "Mir sah man keine Mühen an, ich schwebte über dem Boden, während andere gingen." In der Gegenwart der Geschichte liegen die Dinge anders. Längst sind sie verschattet von Enttäuschung und Erschöpfung. Immerhin ist noch soviel Aplomb im Spiel: "Wer dich nicht liebt, der hat dich nicht verdient." Nadja Einzmann äußerte sich auch zu ihrem Selbstverständnis als Autorin: "Wer da sitzt und schreibt, ist niemandem verantwortlich." Dieser Umstand kann sich mit enormen sozialen Kosten verbinden.

Nicht so bei Zsuzsa Bánk, die für ihren Roman Der Schwimmer mit Auszeichnungen bedacht wurde. Die gebürtige Frankfurterin des Jahrgangs 1965 las eine Hochsommer-Episode mit Strandleben und Geschwisterglück. Die erzählende Heldin genießt eine Stille, in der sie "die Flügelschläge der Wespen spürt." Mit ihrem Bruder lernt sie schwimmen. Die Geschwister schaffen sich ihre eigene Welt an einer Pheripherie gesellschaftlichen und familiären Unheils.

"Anrührend" fand man Zsuzsa Bánks Ton. Eine erkennbare Bemühung um Genauigkeit ist vielleicht das auffälligste Merkmal ihrer Prosa, mit der dieser Abend in der Deutschen Bibliothek glanzvoll beschlossen wurde.

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