Der schwarze Ast von Kenzaburo Oe, 2002, S. FischerDer schwarze Ast.
Roman von Kenzaburô Oe (2002, S. Fischer - Übertragung Nora Bierich).
Besprechung von Ludger Lütkehaus in Neue Zürcher Zeitung vom 1.06.2002:

Ohne Erdung
Kenzaburo Oe: «Der schwarze Ast»

Man reibt sich erst einmal die Augen: Kenzaburo Oe, der japanische Literaturnobelpreisträger von 1994, den man im deutschen Sprachraum lange als eine Art Günter Grass der japanischen Literatur (miss)verstanden hat, der aber auch in Japan als gesellschaftskritischer Autor, authentischer Romancier einer unverwechselbar «persönlichen Erfahrung» mit einem geistig behinderten Kind (dem inzwischen als Musiker reüssierenden Sohn Hikari), zugleich als existenzialistischer Geist in gottloser Zeit gilt - er schreibt neuerdings Romane (eine ganze Trilogie ist geplant), die von einer Kirchengründung auf Oes Heimatinsel Shikoku mit geistlichem Guru und einer sektenhaften Gemeinschaft erzählen. Ist er etwa mit der Mode der Zeit zum «Spirituellen» konvertiert?

Nicht alles spricht in dem jetzt erschienenen zweiten Roman der Trilogie, «Der schwarze Ast», gegen diese Vermutung. Als einen «Menschen ohne Glauben», aber mit einem massiv spürbaren Interesse an der eminent religiösen Kategorie der «Gnade» porträtiert Oe sich selber darin. Andererseits ist die synkretistische Kirche vom «Grünen Baum in Flammen», so der Titel der gesamten Trilogie und ihres ersten Bandes, nur bedingt kirchenmässig und schon gar nicht sektiererisch organisiert. Von der Kirche, ihrem Geschick, ihren Mitgliedern wird berichtet. Und die obligate Erlöserfigur, ein franziskanisch anmutender «Bruder Gii», der in den Spuren seines namengleichen Vorgängers wandelt, ist ein Suchender, der seine Gläubigen wie die Leser des Buches mit penetranter Heilsgewissheit verschont....Fortsetzung

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