Der Schrank von Olga Tokarczuk, 2000, DVADer Schrank.
Erzählungen von Olga Tokarczuk (2000, DVA).
Besprechung von
Paulina Guliñska, literaria.org:

Magischer Realismus

Ratlos stehe ich dem Chaos der Welt gegenüber. Ein schneller Atem der Menschen, die nach eigenen und nur nach eigenen Interessen haschen, pausenloser Drang, Vergehen, das sich auf keine Weise neutralisieren lässt.
Eine Welt kommt mir entgegen. Eine Welt, die tapfer der Zeit widersteht, da sie die Zeit in sich beinhaltet. Das ist die Welt der Gegenstände und ihrer Räume, die in ihrer Stabilität unerschütterlich sind. Die geöffnete Schranktür lädt zur Flucht ein, die uns von der morschen Alltäglichkeit mit ihren Mißklängen forttragen soll. Das dunkle Innere des alten Möbels wird zu einem Platz, an dem es keine Unterschiede zwischen den Farben, den Geschlechtern, den Toten und den Lebendigen gibt. Hinter der geschlossenen Tür verschwindet eine Dichotomie der Realität. Es gibt einen gemeinsamen Atem. Es gibt ein hölzernes Stabilitätsideal, das ein Vorhang des Dunkels von der äußeren Welt trennt.
Der Schrank ist ein Ausgangspunkt, von dem an eine Reise beginnt. Eine Reise, auf der man sich selbst durch die scheinbar toten Objekte erlebt. Vervielfältigte Selbstwahrnehmung erfolgt in den abgeschlossenen Räumen: im Korridor, im Hotelzimmer- „im viereckigen prostituierten Raum, der sich alle paar Tage einem anderen hingibt.“ Hier wird die Dissonanz zwischen der Menschen- und der ruhigen Welt des Hotelraumes greller markiert. Die Leute sind hier „beängstigend lebendig“ „gedankenlos“ „dumm“. Sie verwerfen in alle Winde die Krümel ihres Daseins. Sie eilen zur Arbeit, zu ihren Gatten und Gattinnen, zu ihren Geliebten. Das Hotel bleibt. Sie stehen ihm ohne Masken, nackt gegenüber. Und es ist unwichtig, welcher Provenienz und welcher Nationalität sie sind. Im Vergleich zum ruhigen Hotel sind sie undeutlich, fast abwesend. Ihre Persönlichkeiten werden durch das Zimmer aufgesaugt, ihre Gesichter werden nur dank dem Kopfkissen- „diesem Veronikatuch des Hotels“ sichtbar. Sie sind nur die Marionetten, mit denen man auf der Zeittafel spielt.
Die letzte Runde dieses Spiels erfolgt in der Erzählung „Deus ex“. Nochmal kommt es zu einem Kampf zwischen den vorher erwähnten Welten. Nur das Ausmaß ist größer. Eine streng definierte Computerwirklichkeit contra eine „verwaschene Illusion vor dem Fenster“. Wenn das menschliche Element in die geordnete Technik eingepflanzt wird, besiegt und verwüstet es sie. In die vollkommene technisierte Welt haben sich damit der Tod und der Untergang eingeschlichen. Die reale und die virtuelle Welt verfließen ineinander zusammen. Und man sieht, dass nichts gut ist.
Die Erzählungen von Olga Tokarczuk setzen sich mit Illusionen auseinander. Sie schlagen neue Illusionen vor. Sie enthüllen die Leere und Ratlosigkeit der Wirklichkeit, die keine Wirklichkeit ist. Und statt eine unverdiente Erlösung anzubieten, laden die meisterhaften Phrasen von Tokarczuk zum Nachdenken ein. 

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