Der schöne Ort von Tankred Dorst, 2004, SuhrkampDer schöne Ort.
Erzählung von Tankred Dorst (2004, Suhrkamp - gemeinsam mit Ursula Ehler).
Besprechung von
Martin Krumbholz in der Neue Zürcher Zeitung vom 8.12.2004:

Pierrot ist zufrieden
«Der schöne Ort» von Tankred Dorst

Der Schriftsteller Tankred Dorst, der im nächsten Jahr achtzig wird, geht so grosszügig um mit seinen Einfällen und Motiven, als hätte er noch immer einen unerschöpflichen Vorrat davon. Die Erzählung «Der schöne Ort» ist aus den unterschiedlichsten Handlungsfäden zusammengeknüpft, die Knoten sind kaum zu bemerken und auch nicht entscheidend für die Dramaturgie des Textes. Der macht nicht viel Aufhebens von sich: Noch der sensationellste Vorfall wird in dieser Erzählung förmlich ausgetrocknet, kleingeredet, reduziert, in einen geradezu märchenhaften Tonfall gebannt. Da ist die halbwüchsige Lilly, Tochter einer Alkoholikerin, die mit ihrem kleinen Bruder nach Spanien trampt und im Escorial ein Bild des spanischen Königs stiehlt, weil sie in kindlicher Einfalt glaubt, er sei ihr Vater.

Der Kunsthistoriker Bonsack wird mit seinen beiden Begleiterinnen Augenzeuge des Vorfalls, aber er interessiert sich nur dafür, einer der Damen - die andere ist seine Frau - mit seinen Kenntnissen zu imponieren. Und Bonsacks frühere Geliebte Lisa, die sich mit ihrer dominanten Mutter eine Mansarde teilt und vorübergehend die Wohnung ihrer bewunderten Freundin Dagmar hütet, wird eines Nachts, aus der Dusche kommend, erstochen: Die Szene zitiert Hitchcocks «Psycho», aber so beiläufig und ohne jeden artistischen Ehrgeiz, dass man sich fragt, ob es sich nicht doch eher um einen ästhetischen Gegenentwurf, eine Übung in Lakonie handelt als um ein Zitat.

Bukolische Idylle

Was muss man sich unter dem «schönen Ort» vorstellen, den der Titel nennt? Erwähnt wird er nur einmal: Da spricht der Text von einer verlassenen Stadt, aus der es die Menschen wie nach einer Katastrophe, einer Epidemie vertrieben hat. «Wohin? In eine Gegend, wo Bäche glucksen und Vögel zwitschern. Irgendwo muss dieser schöne Ort sein, wo sich die Geflüchteten wiederfinden und versammeln und, die Zeit bis zum kühlen Abend auf ihren Handtüchern hockend, mit Zurufen und gegenseitiger Erinnerung zubringen.» Das ist die bukolische Idylle, naiv herbeigerufen aus den Topographien von Literatur und Kunst.

Doch der schöne Ort, an den es die Menschen unwiderstehlich zieht, nimmt im Lauf der Erzählung die unterschiedlichsten Formen und Gestalten an; je nach Temperament und Bedürfnis der handelnden Figuren. Dagmars schicke Wohnung kann für Lisa diesen Ort bereits darstellen; umgekehrt leidet Bonsack unter der Perfektion seiner Umgebung, die er zugleich zu benötigen glaubt: «Ich bin ein Fremder in diesem Paradies, ich gehe da herum, ein Fremder . . . Aber das Schlimme ist: Ohne das alles kann ich nicht leben.» Einerseits, andererseits, es gibt keine Lösungen, die es ermöglichen, das Glück dauerhaft zu geniessen, selbst dann, wenn es stabil ist. Die Unruhe, die Phantasie, der Erlebnishunger der Menschen lassen diesen Genuss nicht zu.

Die luxuriösen Widersprüche eines Schöngeistes stehen in scharfem Kontrast zu der Energie der jungen Lissy, die in einem verzweifelten Diebstahl ihr Glück sucht. Der weltfremde «Schriftsteller» Albrecht wiederum, der nach dem Zwischenfall im Escorial als Dolmetscher dient, geht allen Menschen mit der viel zu direkt gestellten Frage auf die Nerven, ob sie glücklich sind, hier und jetzt - die heimliche Kardinalfrage von Dorsts Erzählung findet ihre Antwort in den Bewegungen der Figuren, in ihren kleinen oder grösseren Fluchten, die auch endgültige Fluchten mit schwerer symbolischer Fracht sein können. Der Tote auf dem Hochspannungsmast sieht aus «wie der Gekreuzigte», heisst es: ein lapidar abgehandeltes Menetekel. Und nun gibt die Erzählung dem Leser das Rätsel zu lösen auf, ob der Mann tatsächlich «in einem Anfall von Geisteskrankheit seinen schrecklichen, bizarren Tod gewählt hat», wie die Polizei vermutet - oder ob am Ende auch jener so deutlich exponierte Platz «zwischen Himmel und Erde» als eine makabre Version des «schönen Ortes» gelten soll: ein Mahnmal in Gestalt eines Menschen?

In der Zufriedenheitsfalle

Das wäre die krasse Negation der Suche nach dem «flüchtigen Lebensaugenblick des Glücks». Diese Formel hat Bonsack auf eine Karte mit dem Watteau-Bild «Pierrot content» geschrieben, Pierrot ist zufrieden. Ein transitiver Zustand. Und das Seltsamste ist: Wenn dieser flüchtige Zustand sich einmal verfestigt, in der Gestalt eines Hauses am See mit Swimmingpool und Art-déco-Möbeln, wird er gleich zur Falle und weckt Misstrauen. Der schöne Ort ist und bleibt Projektion, er zerfliesst; tut er das wider Erwarten nicht, hört er unverzüglich auf, als schöner Ort erkannt zu werden.

Dorsts Erzählung macht es dem Leser nicht leicht. Seine skizzenhafte Form mit vielen Leerstellen, die schroffen Übergänge von einem Motiv zum nächsten, die an harte filmische Schnitte erinnern, stellen eine Herausforderung dar an das Konkretionsvermögen des Lesers, der einmal nicht an einer glatten Geschichte interessiert ist, sondern an einem Blick auf die nicht lösbaren Rätsel der Welt und an den ästhetischen Chiffren, die ihnen entsprechen.

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