Der Schneeflockenbaum von Maarten 't Hart, Piper, 2009Der Schneeflockenbaum.
Roman von Maarten 't Hart (2009, Piper - Übertragung Gregor Seferens).
Besprechung von Birgit Nüchterlein aus den Nürnberger Nachrichten vom 22.2.2010:

Maarten ’t Harts Betrachtung über das Paarverhalten
Tragikomischer Roman «Der Schneeflockenbaum»

Tragik, Humor und Gesellschaftskritik liegen wieder nah beieinander im neuen, kurzweiligen Roman des niederländischen Erfolgsschriftstellers Maarten ’t Hart. «Der Schneeflockenbaum» erzählt die Geschichte zweier ungleicher Freunde.

Wie sich das Verhältnis zwischen dem namenlosen Erzähler und seinem besten Freund Jouri für alle Zukunft gestalten sollte, kündigt sich bereits im Sandkasten an. Schon im zarten Knabenalter spannt Jouri dem Spielgefährten die erste Freundin aus, indem er sie vor ekligen Spinnen beschützt. Das ist doppelt schmerzlich, denn solche und andere Krabbelwesen faszinieren den Erzähler schon als Kind. Eine Leidenschaft, die ihn wie die Darmwinde, die ihn von klein auf plagen, zeitlebens für seine Umgebung suspekt machen wird.

Autobiografisch grundierte Geschichte

«Dein Vater und ich haben dich von Anfang an vor ihm gewarnt», sagt seine Mutter viele Jahre später zum Thema Jouri. Da sind während der Schulzeit und des Studiums im niederländischen Leiden schon sämtliche Eroberungen des mittlerweile als Parasitologe arbeitenden Helden trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu dem charmanten Herzensbrecher übergelaufen. Der pathologisch-parasitären Freundschaft, die nicht eben auf Seelenverwandtschaft beruht, tut das keinen Abbruch. Als Jouri schließlich die Frau des Erzählers keines Blickes würdigt, ist dem das auch nicht recht. Dass hinter allem ein - etwas konstruiertes - Missverständnis steckt, offenbart sich erst viel später.

Maarten ’t Hart – und mit ihm der Leser – beobachtet die Verhaltensmechanismen der beiden Freunde bald mit demselben wissenschaftlichen Interesse wie sein Protagonist das Spinnen- und Molchgetier unter dem Mikroskop. Dabei erzählt der 65-jährige Autor seine dicht gewebte, autobiografisch grundierte Geschichte mit viel Witz und schwungvoll leichter Sprache. Wunderbare, auch verschrobene Figuren und plastische Landschaften werden da gezeichnet. Dass er eine ganze Typologie der Weiblichkeit auffährt, um die zwingende Gesetzmäßigkeit im Verhältnis zwischen seinem Helden, dessen Freund Jouri und den Frauen zu beschreiben, mag mitunter ermüden. Doch ’t Hart, der Sohn eines strengen Calvinisten, weiß seinen Roman gehaltvoll zu unterfüttern.

«Der Mensch ist das verwerflichste Produkt der Evolution»

Seine übliche zynische Kritik an Gesellschaft und reformierter Kirche überlässt er seinem liebesleidgeprüften Erzähler. Dem ist klassische Musik ebenso wertvoll wie die Forschung. Mit seiner Seitensprung-Gespielin sinnt er etwa darüber nach, ob es nicht besser sei, wenn die Menschheit keine Kinder mehr zeugte. «Der Mensch ist das verwerflichste Produkt der Evolution. Nichts ist ihm heilig, nichts ist sicher vor ihm, ausgenommen seine wahnwitzigen Religionen.»

Die Rezension von Birgit Nüchterlein mit Abb. finden Sie unter Nürnberger Nachrichten

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

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