Der Schnee der Jahre von Simon Werle, 2003, Nagel & Kimche1.) - 2.)

Der Schnee der Jahre.
Roman von Simon Werle (2003, Nagel & Kimche).
Besprechung von Ursula März in Die Zeit vom 30.4.2003:

Erforschen oder Nacherzählen
Stefan Wackwitz und Simon Werle zeigen, wie verschieden Familienromane heute sein können

Natürlich ist auf dem Film nichts zu sehen. Dass eine Kamera, in diesem Fall eine No. 1A Pocket Kodak, fast sechs Jahrzehnte unbeschadet übersteht, ist erstaunlich genug. Aber dass der Film, der sich in der Kamera befindet, noch entwickelbare Bilder hergibt, kann man beim besten Willen nicht erwarten. Statt Bildern: Schwärze.

Anfang der neunziger Jahre war der Apparat aus heiterem Himmel zu seinem ursprünglichen Besitzer Gustav Wackwitz zurückgekehrt. Als Wackwitz 17 Jahre alt war, hatte er ihn auf hoher See einem britischen Marineoffizier aushändigen müssen, nachdem das Schiff, mit dem Gustav, sein Vater Andreas Wackwitz und seine Familie Afrika verließen, von der Royal Navy aufgegriffen worden war. Für den 17-jährigen Gustav begann die Kriegsgefangenschaft, für seinen Fotoapparat eine Odyssee durch viele Länder, Hände und Aufbewahrungsorte. Bis der Apparat eines Tages, zugesandt von der Berliner „Dienststelle für Benachrichtigung der Angehörigen ehemaliger Soldaten der Wehrmacht“, mit der Post ins Haus kommt. Gustav Wackwitz und sein Sohn, der Schriftsteller Stephan Wackwitz, Jahrgang 1952, malen sich aus, was auf dem Film in der Kamera zu sehen sein könnte – Windhuk, das Schiff, die Familie. Natürlich hoffen sie, dass sich in der Dunkelkammer ein Wunder ereignet, das ihnen die Aufnahmen von damals wie Geistererscheinungen der Vergangenheit zurückbringt.

Zum Wunder kommt es nicht. Aber zu einem Buch mit dem Titel Ein unsichtbares Land, in dem der antiquierte Apparat mit dem Schwarzfilm eine gewichtige Rolle als Doppelmetapher einnimmt. Zum einen verkörpert er natürlich die Lücken, die ans Licht zu bringen sich der herausragende Prosaessay von Stephan Wackwitz zum Anliegen macht. Zum anderen aber kann man den Apparat und seinen Zustand, seine technische Verstaubtheit und seine erstaunliche Überlebensfähigkeit auch als Gleichnis für den Zustand des Genres auffassen, das dem Unsichtbaren Land zugrunde liegt: das klassische Genre des Familienromans. Unverwüstlich kehrt es seit der Bibel und Homer immer wieder zur Literatur zurück, beschert ihr von Tolstoj und Thomas Mann bis zu Jonathan Franzen und Péter Esterházy Glücksphasen und Überraschungsmomente – obwohl doch seine Gebrauchsfähigkeit immer wieder in Zweifel steht.

Dem Genre haftet etwas Braves an

Das Genre Familienroman ist so ästhetisch dehnbar, ubiquitär und populär – sein Hauptprinzip, das Erzählen entlang einer Generationenfolge, die Auslegung des familiären Mikrokosmos als Fallbeispiel historischer Zeitgeschichte, ist durchweg jedem vertraut, auch dem, der beim Namen Bellheim auf Anhieb weiß, wer gemeint ist, beim Namen Buddenbrook nur, dass er ihn schon mal gehört hat – wie tendenziell verbraucht.

Schon dem Begriff Familienroman haftet etwas leicht Braves, Geschichtströstliches, der Geschmack gemütlicher Fernsehabende, kurzum etwas Anachronistisches an. Denn erstens hat die Gegenwart eher Single- als Sippengeschichten auf Lager. Zweitens teilt sie nicht das Zutrauen in die Ordnung, den logischen, linearen Ablauf der Dinge, die der Generationendramaturgie des Genres innewohnt. Das heißt nicht, dass das alte Modell nicht zu gebrauchen wäre. Man muss indes, wie Stephan Wackwitz es tut, einen neuen Film einlegen.

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Der Unterschied zwischen dem nacherzählenden und dem erforschenden Familienroman ist ein Unterschied der Haltung. Der Nacherzähler breitet seine Geschichte als Produkt seiner Kenntnis aus. Der Erforscher erzählt von seinem Kenntniserwerb, von dem, was er alles nicht weiß und was ihm womöglich entgangen ist. Das klingt als poetologische Definition banal. Aber es kann entscheidend sein, wenn sich aus dem Unterschied der Haltung ein so krasser der literarischen Form, des Entwurfs, der ganzen Textur ergibt wie bei den Familienromanen Das unsichtbare Land von Stephan Wackwitz und Der Schnee der Jahre von Simon Werle. Beide Autoren gehören der mittleren Schriftstellergeneration an. Beider Bücher umfassen einen bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Zeitraum, berichten folglich über historisch nicht Erlebtes. Beide stellen dem Abstammungstopos den Provinztopos zur Seite.

Das erzählerische Zentrum, das „unsichtbare Land“ in Wackwitz’ Buch, ist die Gegend um die alte galizische Hauptstadt Auschwitz. Zehn Kilometer von Auschwitz entfernt betreute der Großvater Andreas Wackwitz von 1921 bis zur Auswanderung nach Afrika 1933 eine Pfarrstelle in dem Ort Anhalt. Auf fast unheimliche Weise zieht dieser Ort, den der Enkel Stephan Wackwitz Ende der neunziger Jahre zum ersten Mal bereist, die Fäden kollektiver und individueller Geschichte zusammen. Und jeder Faden entrollt sich von einer Frage. Zum Beispiel: Wie verlief die Vor- und Besiedelungsgeschichte Galiziens? Oder: Wie kam es zu der Feindseligkeit zwischen Enkel und Großvater, der zu Lebzeiten nicht öfter als zwanzigmal das Wort an den Nachfahren richtete, mal herrisch, mal moralisch oder mit lapidaren Sätzen wie „Ist das Bad frei?“. Wie hängt die Störung der Familienerinnerung mit deren Bindung an einen Schauplatz zusammen, der zur Chiffre des Holocaust wurde? Lässt sich aus dem Mangel an genealogischem Zugehörigkeitsgefühl der Wirklichkeitsverlust ableiten, den der Erzähler in seiner Fanatismusphase als 68er am eigenen Leib erfuhr? Ist es Zufall, dass der Großvater, der in seiner späteren Laufbahn als Pfarrer ausgerechnet einen gewissen Rudi Dutschke unter den Fittichen hatte, regelmäßig im Bildhintergrund deutscher Geschichtsszenen herumgeistert, die mit besonderer Bedeutung aufgeladen sind?

Simon Werles Roman Der Schnee der Jahre spielt in einem Dorf im Hunsrück. Er erzählt die Geschichte der Familie Callzig über vier Generationen hinweg, verdichtet auf die dreißiger, vierziger, fünfziger Jahre und auf das Leben des Sohnes Edward Callzig. Dies Leben wird vom Zweiten Weltkrieg, von Edwards Teilnahme als russischer Frontsoldat, zerbrochen. Der junge Mann, der im Heimatdorf eine Schreinerlehre begonnen, sie in der Großstadt Köln fortgesetzt und dort erste künstlerische Ambitionen entwickelt hatte, kehrt aus dem Krieg versehrt zurück. Ihm fehlt kein Arm, kein Bein, kein Auge, aber ein Splitter in seinem Kopf verwüstet seine Persönlichkeit, schränkt Edward Callzig bis zur Arbeits- und Alltagsunfähigkeit ein. Wie es aussieht, leidet der Roman selbst an einer Wesensentstellung. Er erweckt den Eindruck einer Kopie. Werle bedient sich eines gewollten, besser gesagt, geschwollenen Kunstdeutschs, das Serien schiefer, ja, komischer Sätze hervorbringt wie diesen: „Wofern nicht eine besondere Form von Tod den hier bestatteten Körper um die Hälfte geschrumpft hat, ist dieses das Grab eines Kindes“ – oder auch kryptische Stellen wie diese: „Auch der Dom findet, in der sorgsam abgezeichneten Postkarte zur Abbildung der Abbildung heruntergestuft, in hartnäckigem Bleistiftgestrichel seine Bewältigung und seine Endlichkeit.“ Bei solchen Sätzen und Stellen handelt es sich nicht nur um unlektorierte Patzer. Sie sind das Symptom einer generellen Schieflage. Passagenweise klingt Der Schnee der Jahre wie die etwas ungelenke Übersetzung aus einer Fremdsprache. Was der Roman in gewisser Weise auch ist. Seine Soziologie stammt aus dem 20. Jahrhundert. Wie sich bei Stephan Wackwitz aus der Forscherhaltung essayistische Selbstständigkeit, formale Freiheit und Beweglichkeit ergeben, so ergibt sich bei Simon Werle aus der Haltung des Nacherzählens die verdrehte Ästhetik der Nachahmung. Werle bewegt sich auf einem Seitenweg der Postmoderne, Stephan Wackwitz schlägt den Weg der klassischen Moderne ein, auf den Spuren ihrer großen, von Walter Benjamin bis W. G. Sebald reichenden Archiv- und Gedächtniskunst.

Obwohl sich Das unsichtbare Land von Wackwitz im Untertitel Familienroman nennt (was man auch freudianisch interpretieren kann), ist das Buch dem so bezeichneten Genre äußerlich eher fremd: keine Chronologie, keinerlei epische Vollständigkeit der Schauplätze, Geschehnisse, des Personals, die Frauen der Familie Wackwitz beispielsweise sind Randfiguren. Stattdessen assoziative Sprunghaftigkeit, Überlagerung historischer Zeitebenen, Exkurse in verschiedenste Richtungen, Montage verschiedenen Materials. Über viele Seiten hinweg arbeitet Stephan Wackwitz, typografisch abgesetzt, die Tagebücher seines Großvaters ein, auch der Vater kommt mit eigenen Notizen zu Wort. Dem Kerngedanken des Familienromans aber, der Unentrinnbarkeit von Abstammung und Verwandtschaft, kommt Wackwitz mit seinem Versuch, die biografischen Porträts dreier Männer, Großvater, Vater, Enkel, zu verspiegeln, ungeheuer nahe.

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Gauden Dach, Mr. President! » Materazzi gibt zu » "Wir leben zusammen, wir sterben zusammen" » Der Fall der Knall-Presse » Mit jedem Kapitel, jeder Gedankenkurve, jedem Entwicklungsschub des Textes wird der Abstand zwischen den Generationen kleiner. Das Unterschiedliche tritt zurück, die Ähnlichkeit unbewusster Lebenspolitik und politischer Reflexe in den Vordergrund. Woher kommt denn die Auswanderungslust des Enkels Stephan, der in London, Neu-Delhi, Tokyo lebte, seit 1999 das Krakauer Goethe-Institut leitet, wenn nicht vom Großvater Andreas Wackwitz und dessen Afrika-Ära? Wie weit ist es denn vom deutschnationalen Protestantismus des altvorderen Pfarrers zum linken moralischen Überlegenheitswahn, den der Enkel an sich selbst diagnostiziert?

Nähe soll sein, nicht Abrechnung

Gut denkbar, dass aus Stephan Wackwitz’ Prosaessay in einer glatteren Form, einer linearen autobiografischen Erzählung beispielsweise, ein weiteres Stück jener Abrechnungsprosa geworden wäre, die die Söhne und Töchter der Kriegsgenerationseltern in Fülle hervorbrachten. Die Voraussetzungen wären da gewesen. Denn eigentlich hatte Stephan Wackwitz, bevor er das Buch begann, bevor er von der alten Fotokamera und dem kaputten Film darin erfuhr und bevor er seine Reise in das alte Galizien unternahm, sein Urteil über den Großvater gefällt und sein Interesse an der borstigen Person auf die emotionale Niedrigstufe persönlicher Abneigung und politischer Verachtung eingestellt. Und auch im Verhältnis zum Vater stand es nicht zum Besten. Das unsichtbare Land aber ist das Gegenteil einer Abrechnung. Es ist, wenn es den Begriff gäbe, Annäherungsprosa aus dem Geist des Familienromans. Und es ist eine späte, indirekte Gegenrede zu Guntram Vespers Reise. Diese führt, so zornig wie selbstgerecht und dünkelhaft, weg von den Vorfahren. Stephan Wackwitz ist auf der Suche nach ihnen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.zeit.de]

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Der Schnee der Jahre von Simon Werle, 2003, Nagel & Kimche2.)

Der Schnee der Jahre.
Roman von Simon Werle (2003, Nagel & Kimche).
Besprechung von Katrin Schuster im Münchner Merkur, 02.06.2003:

Im Krieg zur Ratte geworden
Simon Werles "Der Schnee der Jahre"

Einer, der alles weiß, selbst aber niemals vorkommt, nah ist und doch kein Teil der Geschichte. In Simon Werles Roman "Der Schnee der Jahre" aber ist der Erzähler nicht nur auktorial, sondern viel mehr: Er ist ein wachsamer Engel, schwebt neben den Menschen her. Scheint mit einem Blick um ihre Seele zu wissen.

Und wo die Menschen nicht denken und fühlen, sondern nur ihrem Instinkt gemäß handeln, verweigert er ihnen die Gefolgschaft. Als Edward Callzig in den Zweiten Weltkrieg zieht, der ihn zur "Ratte" werden lässt, weiß der Erzähler davon nichts zu sagen, verbleibt einfach bei den Eltern Schlubb und Kätt in Hainitz im Hunsrück. Bei Schlubb Callzig, der in die Knie gegangen ist vor seinen Erinnerungen an den letzten, den Ersten Weltkrieg, und vor seiner verzweifelt herrischen Frau, die längst nicht mehr zwischen Religiosität und Götzendienst unterscheiden kann.

So nah und doch so fern Edward und all die anderen sind, denken, fühlen - der ganze Roman erzählt im Präsens, alles ist immer Gegenwart. Und doch: Werles Sprache ist unzeitgemäß im besten Sinne, dicht reihen sich Metaphern und Vergleiche, als Versuche, diesem Unerschöpflichen, das man Mensch nennt, nahe zu kommen. Der Autor gehört nicht zu den Niederschreibern und Wirklichkeitskorrespondenten, die nur notieren, was sie sehen.

Von den Schlachtfeldern des Kriegs kehrt Edward zurück mit einem Granatsplitter im Kopf und ohne Erinnerung an den Krieg. "Für Edward blieb es - immer noch - ein Wissen wie aus dem Geschichtsbuch." Immer öfter und immer mehr zieht er sich zurück aus dem Geschehen um ihn herum. Letztlich wird er die Zivilisation fliehen, sich wie ein Tier einen Ort zum Sterben suchen und den Tod finden mit einem Bild von seiner Schuld, von dem, den er getötet hat. "Jener Teil im Innern seines Kopfes, der unbewohnt war seit dem Tag seiner Verwundung und so lange auf das Sterben warten musste, besitzt das Wissen um den Namen des Mannes und spricht ihn jetzt aus."

Im nächsten Satz ist Edward Callzig bereits ein "Leichnam". Simone Werle destilliert Ortlosigkeit und Einsamkeit der Menschen - auch innerhalb der Familie. "Zwei Schicksale bewegen sich lautlos in ihrem jeweils eigenen Körper nebeneinander her und schließlich, so viel Wissen ist ihm geblieben, aneinander vorbei", sagt Edward über sich und seinen Sohn Leip.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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