Der Schlaf der Gerechten von Wolfgang Hilbig, 2003, S. Fischer

Der Schlaf der Gerechten.
Erzählungen von Wolfgang Hilbig (2003, S. Fischer).
Besprechung von Dietmar Jacobsen (text-undweb.de) in tour-literatur.de:

"Die Wahrheit des Erfundenen"
Wolfgang Hilbigs Erzählungen "Der Schlaf der Gerechten"

Mit seinem Roman "Das Provisorium" war Wolfgang Hilbig im Jahr 2000 an einer Grenze angekommen. Plötzlich verloren sich alle Spuren im Nichts. Vergangenheit und Gegenwart fielen ineinander und versperrten die Aussicht auf Kommendes. Unsägliches sagbar zu machen schien eine Aufgabe, der keine Sprache mehr gewachsen war. Verzweiflungsakte physischer und psychischer Art erwiesen sich zwar als beschreibbar, illustrierten unter der Hand aber nur die Ohnmacht des Einzelnen. Dieser saß gefangen in einem Leben ohne Kontur und Sinn, verschliss sich in letzten lautstark-lallenden Revolten gegen Alles und Jeden und erwartete darüber hinaus nur noch sein endgültiges Verstummen. Von hier aus konnten wirkliche Wege nur zurück führen. Zurück in die Kindheit. Zurück ins letzte Jahrtausend. Zurück in das eigene Werk.

Letzteres ist in Hilbigs neuen Erzählungen - zwei von sieben in zwei thematische Blöcke gegliederte Texte sind tatsächlich Erstdrucke, die restlichen fünf überarbeitete Beiträge zu Zeitschriften und Anthologien überwiegend aus den neunziger Jahren - denn auch omnipräsent. Wer sich in des Autors Kosmos nur halbwegs auskennt, wird sich sofort heimisch fühlen. Wobei "heimisch" im Zusammenhang mit Wolfgang Hilbig immer eine unheimliche Doppelbedeutung zukommt. Denn man nähert sich seinen - sichtbaren wie unsichtbaren - Schauplätzen nie ohne Grauen. Durchdrungen scheint seine Welt von dunklen Verhängnissen. Unheimlich gleiten Zeiten, Orte und Figuren ineinander. Und man wird das Gefühl nicht los, der wankende Boden unter einem könne sich jederzeit auftun und das uns Vertraute verschlingen. Dies alles strapaziert zu einem Großteil den biographischen Background des Autors und bedient sich in der Regel einer das Pathetische nicht scheuenden Sprache, deren Grundfarbe Grau ist.

Mit seinen ersten vier Erzählungen taucht "Der Schlaf der Gerechten" am weitesten ein in die Vergangenheit eines Ich und einer Landschaft. "Ort der Gewitter" ist eine Adoleszenzgeschichte, die ihren Leser in die männerlose Welt der deutschen Provinz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zieht. In dichten Bildern von suggestiver Kraft entsteht eine Landschaft zwischen Fruchtbarkeit und Zerfall, die den Heranwachsenden fasziniert, abstößt und herausfordert zugleich. Nichts ist wirklich bizarr, alles erklärbar an den tristen Schauplätzen in und um die nordthüringische Kleinstadt Meuselwitz, in der Hilbig 1941 geboren wurde. Doch die ausgeprägte Phantasie des Kindes, mit der wir die Szenerien wahrnehmen, erzeugt Mythen und Wahngebilde, die den Pubertierenden inspirieren und infizieren. Wir sind mit dieser sprachgewaltigen Erzählung gleichsam im Quellgebiet von Hilbigs Prosavisionen. Im verfremdenden Blick des Kindes auf Braunkohlegruben, die Welt zerschneidende Bahndämme und ausglimmende Ascheberge ist bereits alles enthalten, was den späteren Schriftsteller kennzeichnen wird. Kein Wunder deshalb, dass nicht nur das Reifen zum Mann Thema dieses für mich besten Textes der Sammlung ist, sondern damit einher das erwachende Interesse am Schreiben und Beschreiben geht, das sich allmählich steigert zum besessenen Wahrnehmen einer Realität jenseits der Wirklichkeit, wie sie sich für alle anderen darstellt. Am Ende präferiert Hilbigs Protagonist die "Wahrheit des Erfundenen", die nicht von den profanen Uhren regiert wird, über deren Lauf in jenen Zeiten die "Russen" gebieten, und vertraut sich Sätzen an wie dem Wasser von Seen, das den Schwimmer über undurchdringliche Abgründe zum jenseitigen Ufer führt.

Aufwachsen innerhalb einer Familie, die den Verlust des im Kriege gebliebenen Oberhaupts verwinden muss, Erwachsenwerden in einer Welt, die, obwohl die ideologischen Prämissen gewechselt haben, in ihrer Angst machenden Abgründigkeit doch dieselbe geblieben ist, thematisieren auch die anderen Erzählungen des ersten Buchteils. Beeindruckend wie in "Die Flaschen im Keller" das von Generationen Zusammengetragene und Aufgetürmte eine kalt-faszinierende Form erhält, die den nicht zu stillenden Durst nach dem Anderen genauso evoziert wie die Gefahren eines sich in Süchte flüchtenden Realitätsverlangens. Beklemmend die Beschreibung der Frauenwelt in "Kommen", die Liebe durch Entzugsdrohungen zu erpressen sucht und doch nur Frustrierungen erzeugt, welche in mystischen Naturerlebnissen kulminieren. Und erschreckend, wie in der Geschichte "Der Schlaf der Gerechten" der Umzug eines Enkels in das Bett der verstorbenen Großmutter die Frage nach der Schuld oder Mitschuld an deren Tod aufwirft.

Während die ersten vier Geschichten des Bandes die zeitliche Nähe des Erzählten suchen, ist der Gestus des Sich-Erinnerns eines in der unmittelbaren Gegenwart Lebenden an Episoden, die hinter ihm, in seiner Vergangenheit liegen, bestimmend für die Erzählhaltung der den Band abrundenden drei Texte "Der Nachmittag", "Die Erinnerungen" und "Der dunkle Mann". Der Leser bekommt es in ihnen mit einem Erzähler zu tun, der zurückkehrt an die Orte seiner Kindheit und Jugend, um festzustellen, dass die Zeit um sie herum an einem nicht näher bestimmbaren Punkt in der Vergangenheit angehalten wurde.

In "Der Nachmittag" wird die auf drei Uhr stehengebliebene Meuselwitzer Bahnhofsuhr zum Symbol für diesen Stillstand, der fluchartig auf den Dingen liegt. Die nach der Wende heruntergekommene Stadt erscheint als ewige Baustelle und Torso, als Leib in Agonie. Nur die Herrschaft hat nach 1989 gewechselt, nicht das Gefühl, seine Existenz sinnlos zu vertun an diesem Ort im Abseits. Und doch trägt der Text auch Signale, die überraschen, weil man auf sie bei Hilbig nicht von vornherein gefasst ist. Der Sprache und den Wörtern wird nämlich durchaus attestiert, dass mit ihrer Hilfe etwas bewegt werden kann, allerdings - so der Erzähler - erst von der nächsten Generation, der gewünscht wird, sie möge die Sprengkraft engagierten Sprechens endlich für sich wiederentdecken.

Dass es dazu vor allem der Erinnerungen bedarf, ist die Hauptthese der zweiten Erzählung. Mit ihr kehrt Hilbig an einen Ort zurück, den er in den vergangenen Jahrzehnten oft beschrieben hat, in den Heizungskeller eines ominösen Betriebes, weit abgelegen in der Mondlandschaft der Tagebaue südlich Leipzigs. In dieser Vorhölle, dem "letzte(n) wacklige(n) Eckzahn aus dem verlorengegangenen Gebiß der Arbeiter- und Bauernmacht", wohin nur Outlaws geschickt werden, Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und wie Gespenster ihre monotonen Tätigkeiten verrichten, konfrontiert der Autor seinen Helden mit sich selbst und der verschütteten Historie seiner Klasse, deren Herkunftslosigkeit sie von Anfang an stigmatisiert. Indem er auf die Lebensgeschichte seiner eigenen Vorfahren zurückkommt, welche aus dem fernen Osten kamen und eigentlich nie heimisch da geworden sind, wo man ihrer allein als Tagelöhner und Arbeitskräfte bedurfte, räumt er auf mit dem Mythos der Selbstbestimmtheit der produzierenden Klasse: "Und wenn man ihnen vierzig Jahre lang versucht hatte einzureden, daß sie das Werk, an dem sie teilhatten, selbst bestimmen sollten, so hatten sie es doch nicht verstanden. Ihre Bestimmung ließ ein solches Verständnis nicht zu, denn ihre Bestimmung war um so vieles älter als sie." Hilbigs Arbeiter sind "die Verdammten, die nicht aufwachen konnten", Gestalten ohne Erinnerungen, welche verschüttet in der Erde liegen. In der Gegenwart der neunziger Jahre werden sie nicht mehr gebraucht, ihre Nachkommen schauen "mit Alkohol in den Augen in eine Zukunft", vor der dem erzählenden Ich nur noch graut.

Der den Band beschließende Text "Der dunkle Mann" schließlich ist zugleich sein längster und erzähltechnisch konventionellster. Reminiszenzen an die Romane "ICH" und "Das Provisorium" werden von ihm wachgerufen. Noch einmal erzählt der Autor von einem in sich zerrissenen Schriftsteller, den es weder im Westen noch im Osten hält, einem Bindungslosen, der gleichwohl Bindungen eingegangen ist und das Chaos seines zerstückelten Lebens nicht mehr in den Griff zu bekommen vermag. Er lässt ihn reisen zu einer Tagung nach Dresden, die aber nur der äußere Anlass ist, dorthin zurückzukehren, wo er seine Heimat hat, die allein ihm das Schreiben erlaubt. Am Küchentisch der Mutter in M. sitzend - einem jeden Hilbig-Leser seit langem bekannten Requisit -, versucht er, mit den Versäumnissen seines Lebens fertig zu werden, in dem er alles Wichtige mit einem Nebel von Worten umhüllte, der ihm allgemach die Verbindung zur Realität, zum wirklichen Leben und Erleben versperrte. Aus diesem Draußen begegnet ihm schließlich eine Gestalt, die seine geheimen Sehnsüchte besser zu kennen scheint als er selbst, der einst für ihn verantwortliche Stasi-Mann. Ein langes nächtliches Gespräch mit dem ihm äußerlich total Ähnlichen enthüllt ihm die eigene Nichtigkeit. Indem er ihn am Ende tötet, bestraft er sich gleichermaßen selbst, weil ihm bewusst geworden ist, an wieviel verdrängter Schuld er zu tragen hat.

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