Der Schatten des Malers.
Roman von James Wilson (2002, Insel - Übertragung Sabine Landes).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 22.11.2001:

Der Titan
James Wilson las in Eschborn

Wer weiß schon, ob William Turner nicht auch mal in Eschborn aus einer Kutsche gestiegen ist. Der bedeutendste englische Landschaftsmaler reiste nicht wie ein Grande auf den Bildern von Velasquez. Turner verschleierte seine Identität bei vielen Gelegenheiten mit inferioren sozialen Masken. Einen Eckermann hätte er sich verbeten. Das erfuhr man von Adolf Fink im Eschborner Stadtmuseum.

Der Ort, seine Umgebung, der Monat und die Stunde des Termins trugen zu einer verständnisvollen Aufnahme der mysteriösen Erscheinung des Malers bei. Die Phänomene spielten so zusammen: Fachwerk und Kopfstein bestimmten das Bild. Ein Novemberabend verdunkelte es. An einem hellen Saum dieses Arrangements führte der Frankfurter Publizist Adolf Fink den englischen Autor James Wilson ein, der nach Eschborn gekommen war, um aus seinem viel beachteten Roman Der Schatten des Malers zu lesen. Auf deutsch erschien das Werk im Insel-Verlag.

Es ist als Briefroman komponiert. Fink entdeckte in "dieser Form der unmittelbaren Mitteilung" einen hervorragenden Spiegel "der hochentwickelten Gesprächspsychologie" des 19. Jahrhunderts. Wichtiger als die Aussage sei damals (schon) ihre Verkleidung gewesen. Wilson bestätigte diese Auffassung in seinen Ausführungen zu Turner und dessen Zeitalter, die von Sabine Landes vom Insel-Verlag übersetzt wurden.

Man muss sich so lange mit den Vorreden aufhalten, weil die Vorreden so lang waren. Während Fink bestrebt war, den Roman an seinen Gegenstand heranzuheben, tat Wilson mit guten Gründen viel, um den Zuhörern Turner als Titan nahe zu bringen. Dabei zeigte er etwas von seiner spröden Liebe zu einer Kunst, die in der Ära ihrer Entstehung schon anerkannt war.

Turner (1775-1851) war in England der berühmteste Maler seiner Epoche. Gleichwohl fühlten sich die Zeitgenossen mit ihm nicht wohl. Seine Art war verstörend. Über seine Kollegen triumphierte er so mühelos, dass er ihnen wie ein Magier vorkam. Es war das London von Charles Dickens mit seinen Kaskaden des Niedergangs einer in den Mühlen der Industrialisierung verelenden Bevölkerung und der imperialen Erhebungen eines Weltreiches, in denen Turner eine klägliche Herkunft nicht abschütteln konnte. Der Vater erhielt die Familie als Friseur, die Mutter wurde verrückt.

Um das zu beschreiben, bediente sich Wilson bei dem Kriminalschriftsteller Wilkie Collins. Aus dessen um 1860 erstmals publizierten Roman The woman in white ließ Wilson eine Figur im Schatten des Malers wieder auferstehen. Als Ich-Erzähler ist Hartright damit befasst, eine Turner-Biografie zu schreiben. Die Fortschritte dieser Arbeit beschreibt der, im übrigen begrenzt begabte, Maler seiner Frau. Hartright konsultiert Koryphäen, so wie John Ruskin. Der Kritiker bekennt: "Ich habe Turner als meinen persönlichen Lehrmeister betrachtet." Gekannt habe er ihn trotzdem nicht. Immerhin fand er bei dem Genie "einen ungeheueren Pessimismus und eine ungeheuere Entschlossenheit". Dem Biografen rät er: "Vertiefen Sie sich in Turners Werk".

In gewisser Weise taten dies auch Wilsons Zuhörer im Eschborner Stadtmuseum. Adolf Fink erleichterte das Verständnis, indem er Wilsons muttersprachlichem Vortrag die deutsche Übersetzung hinterher schickte.

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