Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa, 2011, Hanser1.) - 2.)

Der Russe ist einer, der Birken liebt.
Roman von Olga Grjasnowa (2011, Hanser).
Besprechung von Peter Pisa im Kurier, Wien, 3.2.2012:

Wir werden sie nicht nerven und fragen, woher sie kommt und wieso sie derart gut Deutsch schreiben kann.
Es kann uns egal sein. Die 27-jährige Olga Grjasnowa ist da. In Berlin. Und in der Literatur.

Aber sie wird es uns sagen. Freiwillig. Denn ihr Debütroman "Der Russe ist einer, der Birken liebt" handelt von einer jungen Frau aus Aserbaidschan, die mit ihren Eltern flüchten musste, weil es im Kaukasus einen längst vergessenen Krieg gab (Bergkarabach); und wenn ein Kind auf der Straße geht, und aus einem Wohnungsfenster fällt eine Frau, deren Blutspritzer die Schuhe des Kindes färbt ... dann muss man weg.

Die Figur der Mascha Kogan ist zumindest im Großen und Ganzen ein Spiegelbild der Autorin. Aserbaidschanerin. Russin. Jüdin. Flüchtling. Deutsche. Die "fremde Heimat" – im konkreten Fall Frankfurt – muss einem vorkommen wie ein "soziales Sibirien".

Vater war Kosmonaut. Wo soll er hier einen Job bekommen? Mutter war Klavierlehrerin und daran gewöhnt, dass man sich quälen muss. Gibt es in Frankfurt Schüler, die sich quälen wollen für die Musik?

Verzweigt

Es ist – auch – eine Liebesgeschichte. Die traumatisierte Mascha Kogan hätte fast ein Zuhause gefunden: bei ihrem Freund. Aber der stirbt nach einer blöden Verletzung beim Fußballspiel.

Nicht einmal mit ihm hat Mascha über ihre Kindheitserlebnisse reden wollen; und schon gar nicht mit ihren anderen Freunden, die alle studieren und wie sie sehr verzweigte Geschichten haben.

Sami zum Beispiel. Geboren in Beirut, der Vater ein Schweizer. Sami wechselt, um zu studieren, zwischen Amerika und Deutschland.

Einmal hat er Appetit auf ein Eis. Die Verkäuferin will Exotik. Und da ist sie wieder, die nervende Frage: Woher er kommt? Aus Frankfurt. Ja, eh, aber... vorher? Na gut: Aus Madagaskar, dort leben alle in Baumhäusern und essen ausschließlich Bananen. Das jetzt sei sein erstes Eis.

Mascha wird nach Israel weiterziehen; und dort hat sie überhaupt keine Chance, sich ihrer Vergangenheit zu entziehen.

Olga Grjasnowa ist besonders eindrucksvoll, wenn ihre Wörter emotionslos Augenblicke aus dem Leben schneiden. Das macht sie fast immer. Deshalb reißt es einen, wenn sie plötzlich eine Menschenschlange mit "... fließt wie Honig" einfängt.

Klingt seltsam. Aber nein, es passt genau: Honig ist süß, und den will jeder haben. Man will schlicht und einfach wieder zu den Menschen gehören.

KURIER-Wertung: **** von *****

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Der Russe ist einer, der Birken liebt von Olga Grjasnowa, 2011, Hanser2.)

Der Russe ist einer, der Birken liebt.
Roman von Olga Grjasnowa (2011, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 4.2.2012:

Jung und heimatlos
Olga Grjasnowa, 1984 in Baku geboren, erzählt in ihrem beeindruckenden Romandebüt von einer Generation ohne Grenzen: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“. Fesselnd und lebendig erzählt sie von den Menschen aus unserer Mitte.

Olga Grjasnowa ist eine jener gefeierten Debütantinnen, die misstrauisch machen. So viel Lob vorweg, Studium am Leipziger Literaturinstitut, all die Stipendien, Auslandsaufenthalte – das riecht nach streberhafter Langeweile und Literaturbetriebsliebling. Das Gegenteil aber stimmt. Selten hat ein deutschsprachiger Roman so aufregend vom Jung- und Heimatlossein erzählt und so beiläufig die Frage kultureller Prägung gestellt.

„Wie heißen Sie denn?“
„Maria Kogan.“
Er betrachtete mich von oben bis unten.
„Ihr Nachname ist ein wenig kompliziert, darf ich Sie Maria nennen?“
„Nein.“

Kogan ist natürlich gar kein komplizierter Nachname, Grjasnowa aber schon. Die Autorin wurde 1984 in Baku, Aserbaidschan, geboren. Sie wuchs auf im Kaukasus und zog 1996 mit ihrer Familie nach Hessen um. Soweit teilen Olga und Maria („Mascha“) die Biografie. Sie ist geprägt von den blutigen Auseinandersetzungen zwischen Armeniern und Aserbaidschanern (Stichwort Bergkarabach), geprägt von Migration und den Erfahrungen von Sprachlosigkeit in der Fremde.

Gotteshandel mit Hase

Als wir Mascha kennenlernen, ist sie 19 Jahre alt und lebt in Frankfurt am Main; sie spricht fünf Sprachen fließend, sie studiert und will Dolmetscherin werden und lässt sich immer wieder aufs Neue entsetzen von jenen Menschen, für die Integration nicht mehr ist als „die Forderung nach weniger Kopftüchern und mehr Haut“. Mascha hat eine jüdische Mutter, ist aber nicht religiös. Und doch: Als ihr Freund Elias (ein ostdeutscher Deutscher, den Maschas Familie „Elischa“ nennt) nach einer Fußballverletzung operiert werden muss, versucht sie einen Handel mit Gott – und zertrümmert einem Hasen mit einem Stein den Schädel, gleich auf dem Grünstreifen vor dem Krankenhaus. Nur reicht Gott der Hase anscheinend nicht. Elias stirbt später an einer Blutvergiftung. Maschas Traumata brechen auf. Sie nimmt einen Übersetzer-Job in Israel an.

Grjasnowa schenkt ihrer Ich-Erzählerin eine Klarheit und Hellsicht, die sich in ihrer Sprache niederschlägt. Schenkt ihr einen zuweilen grotesken Witz und die Fähigkeit, Enttäuschungen zum Trotz stets neue Bindungen einzugehen – über alle geografischen und geschlechtlichen Grenzen hinweg, auch das erfrischend beiläufig. Vor Elias lebte Mascha ja mit der Türkin Sibel zusammen. Mit Sami, der in Beirut geboren wurde, verbindet Mascha fatale Leidenschaft. Später sucht sie bei der Israelin Tal Trost: „Seit Elischas Tod war ihre Hand auf meinem Becken, während wir mit synchronisierten Atemzügen einschliefen, das erste, was richtig war.“

Die meisten Menschen haben etwas zu verbergen

Die Figuren in Grjasnowas Roman eint nicht nur, in verschiedenen Kulturen aufgewachsen zu sein. Die meisten haben auch etwas zu verbergen, sie leben im Schatten eines Geheimnisses. Sie haben Brüder, die an Krebs starben. Oder Väter, die ihre Kinder schlugen. Oder sahen Blut fließen. Töteten, vielleicht, sogar selbst. Und doch sitzen sie da zusammen, gehen aus, feiern; in Tel Aviv genauso wie in Frankfurt. Wir sollten Olga Grjasnowa dankbar sein, dass sie uns von diesen Menschen aus unserer Mitte erzählt: so lebendig und raffiniert, dass wir ihr atemlos folgen bis zur letzten Seite. Ein Debüt, das hoffen lässt.

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