Der Roman vom weissen Ritter von Joanot Martorell, 2007, S. FischerDer Roman vom weißen Ritter.
Roman von Joanot Martorell (2007, S. Fischer - Übertragung Fritz Vogelgsang).
Besprechung von Martin Zähringer aus der Frankfurter Rundschau, 9.10.2007:

Der katalanische Dichter Martorell
Galant, galant

In erster Linie ist der Ritter dazu berufen, die heilige Mutter Kirche zu sichern und zu verteidigen", so wird dem jungen Tirant lo Blanc aus der Bretagne zu Beginn seiner imperialen Tour durch die Welt des Mittelmeers verkündet. Wenn man dagegen dem großen Martorell-Verehrer Mario Vargas Llosa glauben will, dann ist dieser Ritter eher zum Pionier des modernen Romans berufen. Das Werk sei "kein archäologisches Kuriosum", sondern eine moderne Dichtung, und zwar vielschichtig wie sonst kaum eine: als Ritter- und historischer Roman, als Sitten- und Gesellschaftsroman, als erotischer wie als psychologischer Roman. Wer sich an solche Brocken wagt - 1656 Seiten in fünf Büchern, zuerst publiziert 1490, also lange nach dem Tod seines valencianischen Autors Joanot Martorell (1413/15 - 1468) -, der wird das wirklich alles finden.

Tirant lo Blanc ist tatsächlich nicht einfach ein Haudrauf-Ritter im Dienste der Kirche. Obwohl er das auch ist. Blut sprudelt, das Köpfe-Spalten läuft so gut, dass laut Text sogar Herkules und Achilles, Troilus und Hektor, Paris und Samson, Lancelot, Tristan und Theseus vor Neid erblassen würden. Von den detailliert dokumentierten Ritterturnieren in England bis zu den Schlachtbeschreibungen in Nordafrika und Griechenland wird eine Dramaturgie der Gewalt entwickelt. Der Dichter hat seinen Helden - den besten aller Ritter - sicherheitshalber mit einer Supermann-Natur ausgestattet: schön, listig und intelligent, unbesiegbar und weise, belesen, verführerisch - schon damals galten Franzosen als Meister des Galanten.

Um die Tochter des Kaisers von Griechenland muss er aber ebenso hart kämpfen wie um den Sieg gegen die Muslime in Konstantinopel, und dieser Kampf macht als Diskurs der Liebe und des Begehrens einen ebenso bedeutsamen Teil des Romangeschehens aus wie philosophische Reflexionen zu allen Fragen des Lebens, aus sowohl christlicher wie muslimischer Tradition. Spannend ist die doppelgesichtige Figur des muslimischen Weisen Abdullah Salomon, der etwa in der Mitte des Romans Lektionen einer Ethik lehrt, die keine Exklusivität mehr zulässt, etwa im Sinn des Baums der Kriegskunst, aus dem am Anfang des Werkes zitiert wird. Tirant lo Blanc wird am Ende seiner Kämpfe gegen die muslimischen Bedroher christlicher Hegemonie am Mittelmeer zum Cäsar des griechischen Imperiums ernannt, von der Prinzessin zum Herren ihres Herzens, und von seinem Autor erhält er messianische Weihen. Diese messianischen Züge waren es unter anderem, die den deutschen Martorell-Übersetzer Fritz Vogelgsang zu einem Widerspruch veranlassten.

Es ist der Widerspruch gegen das Diktum von Zweckfreiheit und Kunstautonomie, das Vargas Llosa in seiner Feier dieses Romans behauptete. Llosa hat mit seinem Fehdebrief nicht nur die Wiederentdeckung des Ritters in die Wege geleitet, er hat auch eine eigene Romanpoetik aus Martorells Werk extrahiert. Vogelgsang aber, der schon vor 35 Jahren in Deutschland die Trommel für dieses europäische Kunstwerk rührte, kommt in seinem "Steckbrief zur Fahndung nach einem tatverdächtigen Erzfabulanten" in Band I zu solchem Ergebnis: "Das prächtige Abenteuerbuch, das der Valencianer hinterlassen hat, ist in Wahrheit ein Panoptikum mit pädagogischer Bestimmung, ein Roman, der als Rüstung gemeint ist."

Und zwar als geistige Rüstung eines fundamentalistischen Rittertums, als politischer Auftrag zur (ausgebliebenen) Einigung des abendländischen Christentums. Das lässt sich herauslesen, wenn es aber wirklich der Schreibanlass war, dann ist dieses frühe Beispiel des "modernen Romans" ein Betriebsunfall des christlichen Fundamentalismus. Da lässt sich hübsch weiter spekulieren.

Martorells Urheberschaft für beleidigende, plump islamfeindliche Passagen will der Übersetzer nicht anerkennen. Stilbrüche, die das vermuten lassen, dürften auch dem aufmerksamen Leser sofort auffallen; Vogelgsang hat zudem detektivisch die besonderen Bedingungen der Erstausgabe recherchiert und Gründe für derartige Ausfälle in der Angst des Herausgebers vor Angriffen des Klerus gefunden. Vogelgsang hat übrigens selbst eine Art Doppelritterschlag des Übersetzerordens verdient, denn in diesem Jahr erscheint neben dem vollendeten epischen Ritterroman (Band I lag seit 1990 vor) pünktlich zum Gastauftritt der Katalanen bei der Buchmesse auch sein vollendet übersetzter Espriu. Der Katalane Salvador Espriu (1913-1985), herausgegeben in drei Bänden beim Ammann Verlag, ist mit seinem präzisen lyrischen Werk ein Kontrapunkt zum raumgreifenden Riesenroman vom Weißen Ritter.

Eine spannendere Schule katalanischer Literatur könnte es kaum geben, einen eleganteren Nachweis übersetzerischer Möglichkeiten auch nicht. Für den bretonischen Ritter Tirant lo Blanc aus der altkatalanisch-valencianischen Feder des Ritters Joanot Martorell spricht die Kunstfertigkeit des Romanautors, nicht sein Kampfauftrag für ein europäisch-christliches Imperium.

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