Der
Reservetorwart.
Geschichten von Burkhard
Spinnen (2004, Schöffling).
Besprechung von Rolf-Bernhard Essig in der Frankfurter Rundschau, 8.12.2004:
Wenn die Haare wieder wachsen
Burkhard Spinnens Erzählungen handeln
ausschließlich von mittelalten Männern
Den Ball flach, in den eigenen Reihen und im Spiel
halten. Kurze Pässe und mal eine Rückgabe zum Torwart. Keine Kabinett-Stücke.
Sicherheitsfußball auf hohem Niveau. Und dann völlig überraschend
Einzelaktionen, die den Raum öffnen, die Zuschauer begeistern - ob sie zum
Abschluss führen oder nicht. Alles in allem: eine taktische Meisterleistung.
Keine der zwei Dutzend Geschichten in Burkhard Spinnens Buch Der
Reservetorwart scheitert. Manche erheitert, manche fasziniert, manche patzt
ein wenig, eine ist umwerfend. Bei jeder lohnt sich das Lesen, bei jeder das
aufmerksame Zuschauen - nicht nur, um etwas über den mustergültigen Bau von
Kurzgeschichten zu erfahren, sondern auch - dem zuweilen trügerisch
einlullenden Lesebuch- und Kalender-Ton zum Trotz - über Wahrheiten,
unangenehme und überraschende.
"Mit achtzehn verlor Fribeck die ersten Haare." Der erste Satz von
"Glatze", der zweiten Geschichte im Band, ist umweglos beim Thema. Die
Haarlosigkeit, die Fribeck nach Konsultationen bei Friseur und Hautarzt als
nicht so schwer zu tragendes Schicksal annimmt, erweist sich allerdings nicht
als die eigentliche Herausforderung. Sie setzt ein mit den nach vielen Jahren völlig
unerwartet wieder sprießenden Haaren. Das Gewünschte erweist sich als Lebensstörung,
sogar als Demütigung und als Ärgernis. Der neue Schopf gibt Fribeck
Gelegenheit, sich von seiner Frau scheiden zu lassen, in deren Leben er schon länger
keine besondere Aufmerksamkeit mehr erregt hat. Wirkliche Klarheit stellt sich
unterm Hirnhimmel allerdings nicht ein.
Rasch fällt auf, dass man es immer mit mittelalten Männern zu tun hat. Selbst
in den sieben Geschichten, die in der Jugend des Helden beginnen, steht durchweg
das Alter zwischen 35 und 45 im Mittelpunkt. Wie Fribeck tragen fast alle
altmodische Namen, die nach der Mitte des vergangenen Jahrhunderts und
Gediegenheit klingen: Walterscheidt, Hastenrath, Schomaker oder Ortwein und
Albrecht. Zwei müssen mit Initialen auskommen: A. in "Die Krankheit",
M. in "Totschläger". Der eine hat AIDS, will sein Leben ändern und
erfährt, dass er immun ist. Diese Wende wird ihn nicht glücklich machen.
"Totschläger" geht von dem Fall der beiden englischen Elfjährigen
aus, die ein Kleinkind entführten, misshandelten, töteten.
An M., dem einen der beiden, kühlt unter dem Deckmantel von Abscheu und Rache
jeder sein Mütchen. Sein Menschenrecht hat er durch die Tat eingebüßt,
niemand schützt, alle malträtieren ihn - im Heim, im Gefängnis, auf der
Flucht. Als er, nur noch ein Bündel Elend, wie ein Ekel erregendes Ärgernis
nach Südamerika abgeschoben wird, beginnt erst sein Leben als nützliches Glied
der bisher so unmenschlichen Gesellschaft. Fast kleistisch weinen am Ende drei
Indios um ihn.
So eine Geschichte schreit nach Aufnahme in ein Lesebuch; andere wie
"Erpresser", "Vater", "Waise" ebenfalls. Die ganze
Sammlung erinnert überhaupt an ein Lesebuch: Exemplarische Geschichten, leicht
zu lesen, die einem zu denken geben. Geschichten von Erwachsenen, denen der
Zufall zusetzt, indem er ihre Eltern, ihren Partner tötet, sie arbeitslos oder
zum Lebensretter macht. Bilder, Zahlen, Lebenshöhepunkte, Schmerzfreiheit heißen
die Auslöser dafür, eine unbefragte Existenz in Frage zu stellen. Häufig
unterbricht etwas eine Laufbahn, etwas lässt die Männer straucheln auf dem
Lebensweg. Eine Irritation bewirkt Ungewissheit, unerwartete Beweglichkeit,
Freiheit: alles scheint auf einmal offen, auch der Weg zum Tod.
Spinnen erzählt stets mit einfachen Worten, in
kurzen Sätzen, dialogreich, meist in direkter, mal in indirekter Rede. Selten
spielt er mit dem Tempus, der Erzählperspektive oder -haltung. Nah bleibt er
bei seinen Männern, stets Beobachter und neutral, unauffällig selbst da, wo
man es anders erwartete; schließlich gibt es zwei recht lustige
Literaturbetriebsgeschichten. Erwartungen unterläuft Spinnen regelmäßig,
Pointen sind die Ausnahme. Fast mechanisch und bis auf eine Ausnahme ganz
unspektakulär setzt er Überraschungen sehr kontrolliert ein. Lakonie regiert.
Das wirkt immer wieder, als setze er ganz kühl seine Figuren
Versuchsanordnungen aus. Die Herzlosigkeit des Erzählers provoziert allerdings
- wohlbedacht - beim Leser, auch wenn man nicht so weit gehen möchte, Thomas
Manns "Umschlag kalkulatorischer Kälte in den expressiven Seelenlaut"
ins Feld zu führen, das Gegenteil.
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