Der Rausch von Nagib Machfus, UnionsverlagDer Rausch.
Roman von Nagib Machfus (2003, Unionsverlag - Übertragung
Doris Kilias).
Besprechung von Renate Wiggershaus in Neue Zürcher Zeitung vom 17.12.2003:

Die Geduckten
Nagib Machfus entwirft eine Studie des Anpassertums

Als es 1952 in Ägypten zur Revolution der «Freien Offiziere» kam, wurde sie von den meisten Bewohnern des Landes freudig begrüsst. Die Hoffnung war gross, dass nach dem Abzug der britischen Truppen, der Abschaffung der Monarchie und der Ausrufung der Republik eine demokratische Ära anbrechen würde, in der sich die humanistischen Ideale von sozialer Gerechtigkeit und individueller Freiheit verwirklichen liessen. Doch die zwei Jahre später erfolgte Übernahme der Regierungsgewalt durch Gamal Abdel Nasser, zunehmende politische Repressionen, das Scheitern seiner sozialistischen Reformen, Korruption und die Allgegenwart des Geheimdienstes führten zu Angst und Schrecken bei breiten Bevölkerungsschichten, zu Ratlosigkeit bei vielen aufgeklärten Intellektuellen.

Nagib Machfus, der mit seiner sozialkritischen «Kairoer Trilogie» eine panoramische Darstellung des gesellschaftlichen Lebens zwischen der bürgerlichen Revolution von 1919 und der militärischen von 1952 geliefert hatte, verstummte angesichts wachsender Unfreiheit und Gewalt. Als er nach Jahren des Schweigens wieder zur Feder griff, entstanden in kurzen Abständen eine ganze Reihe düster-pessimistischer Romane, die der maroden ägyptischen Gesellschaft den Spiegel vorhielten. Zu diesen allegorisch-realistischen Romanen, in denen die Protagonisten meist für eine bestimmte soziale Schicht stehen, gehören z. B. «Der Dieb und die Hunde» oder «Das Hausboot am Nil». Der eine stellt eine Abrechnung mit den geistigen Verführern des Volkes dar, die aufwiegeln, statt aufzuklären, und dann die Verführten ihrem unglückseligen Schicksal überlassen. Der andere schildert die kollektive Enttäuschung und politische Ohnmacht einer ganzen Generation am Beispiel einer Gruppe von Künstlern und Intellektuellen, die sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen, sich der Passivität und dem Drogenkonsum hingeben, statt einzugreifen und zu handeln.

Zu diesen Romanen, die sich kritisch mit der Reaktion bestimmter Bevölkerungsgruppen auf die marxistisch verbrämte Diktatur des Nasser-Regimes auseinandersetzen, gehört auch der jetzt auf Deutsch erschienene Roman «Der Rausch» von 1965. Von drei Freunden, die Anfang der vierziger Jahre an der juristischen Fakultät der Kairoer Universität studiert und sich einem radikalen Sozialismus verschrieben haben, wird der eine, Osman, bei einem Bombenattentat gefasst, von dem sich das Trio ein Ende der monarchischen Willkürherrschaft versprochen hatte, und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Ein anderer, Mustafa, wird zunächst Anwalt, dann aber Schriftsteller. Seiner Ansicht nach ist «das Gesetz gestorben», gibt es keinen Rechtsstaat mehr. Doch auch die zunächst mit Hingabe betriebene Dichtkunst nimmt er nicht mehr ernst. Erbittert stellt er fest, dass das Publikum nur noch auf Unterhaltung und Amüsement aus ist. Der dritte, Omar, ist ein äusserst erfolgreicher Anwalt geworden. Das Verfassen von Liebesgeschichten und den Traum von einer gerechten, glücklichen Gesellschaft hat er als Kinderkram und Jugendsünde abgetan.

Drei Männer also, die sich im Laufe der Jahre den herrschenden Verhältnissen auf unterschiedliche Weise angepasst haben. Osman, der in der Solidargemeinschaft der politischen Häftlinge so etwas wie die Verwirklichung der «klassenlosen Gesellschaft» sieht, schafft es, den brutalen Gefängnisalltag relativ ohne Schaden zu überstehen. Mustafa ist in die Rolle des «Possenreissers» und «Spassmachers» geschlüpft und verdient mit seichter Unterhaltung «einen Haufen Geld». Omar arbeitet wie ein Berserker und lebt mit seiner Familie in luxuriösem Überfluss. Doch in den ruhigen Alltagstrott seines Lebens trifft plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Bemerkung eines Klienten, man müsse das Leben geniessen, bevor Gott es nimmt. Unruhe und ein heftiges Verlangen nach rauschhaftem Glück erfassen ihn - nach einem Glück, das einst greifbar nahe schien, als er von Liebe, von Sehnsucht nach Schönheit, von dem Streben nach Freiheit und sozialer Gerechtigkeit erfüllt war. Auf der Suche nach dem Sinn der menschlichen Existenz - ein Thema das sich leitmotivisch nicht nur durch diesen Roman, sondern durch das gesamte Werk des Nobelpreisträgers Nagib Machfus zieht - eilt Omar von einem Rausch zum anderen, von Frau zu Frau, von Ekstase zu Ekstase. Nichts und niemand vermag ihm zu helfen. Der Roman endet in düsterer Ausweglosigkeit....Fortsetzung

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