Der rasierte Mann und Zyniker von Anatolij Marienhof, 2001, EichbornDer rasierte Mann.
Roman von Anatolij Marienhof (2001, Eichborn - Übertragung Brigitte van Kann) .
Besprechung von
Olga Martynova in Die Zeit, 2001:

Liebe in Zeiten der Revolution
Wiederentdeckt: Der russische Erzähler Anatolij Marienhof

Anatolij Marienhof (1897 bis 1962) ist ein typischer Vertreter der zwanziger Jahre und gerade in seinen typischen Zügen interessant. Die Romane Der rasierte Mann und Zyniker schrieb er um 1928. Sie stehen im Mittelpunkt seiner literarischen Laufbahn, am Übergang von einer ungestümen Jugend im Wirrwarr der Russischen Revolution zu einem mäuschenstillen Leben als Mitglied des Schriftstellerverbandes, dem die Literatur ausschließlich als Brotberuf diente, ohne nennenswerte Lorbeeren oder Dornen zu bringen.

Kurz nach dem Oktober-Umsturz war der 21-jährige Marienhof aus der Provinz nach Moskau gekommen, in der Hoffnung, die Welt mit seinen Gedichten zu erobern. Er traf Sergej Jessenin, der ihn mit den ebenso jungen „Genies“ einer der damals unzähligen Dichtergruppen, den Imaginisten, bekannt machte. Dreiste Ausschreitungen (heute würde man sagen: Performances) erregten nicht nur die Aufmerksamkeit des Publikums, sondern auch das Interesse (negatives wie positives) politischer Instanzen. In die Literaturgeschichte verhalf den Imaginisten aber letztendlich der berühmte Jessenin.

Eine Vase wie ein Frauenarm

Als Marienhof seine beiden Romane schrieb, war jene heroische Zeit bereits vorbei. Jessenin war tot. Die Gesellschaft nahm Schritt für Schritt die starren Formen der stalinistischen Diktatur an, die – im Unterschied zum nicht minder gefährlichen, aber unsystematisch romantischen Terror der ersten revolutionären Jahre – alles konsequent durchtränkte.

Die Kapitel in Zyniker sind mit Jahreszahlen überschrieben: 1918, 1919, 1922, 1924. Der Zeitraum der Handlung umfasst die Jahre des Bürgerkrieges, des Kriegskommunismus und der Neuen Ökonomischen Politik. Historische Geschehnisse bilden den Hintergrund für eine Liebesgeschichte, die sehr theatralisch – oder wie man nach damaliger Mode gern sagte: kinematografisch – dargestellt ist: in blitzschnellen Szenen und ausgefeilten geistreichen Dialogen.

Vladimir und Olga versuchen mit aller Kraft inmitten des im Elend erstickenden Moskaus so zu leben, als ginge sie das alles gar nichts an, als ob sie sich amüsierten. Vladimir gibt sich eher erhaben, gentlemanlike, bemüht sich, in der verwüsteten Stadt Blumen für seine Geliebte zu kaufen, welche diese dann „in ein schlankes Gefäß von der Form eines Frauenarms mit abgehacktem Handgelenk“ steckt. Er findet die Erklärung für alle Grausamkeiten, die draußen toben, nicht im herrschenden Regime und dessen Ideologie, sondern in der Geschichte Russlands. Die eigentliche Geschichte wird durch Auszüge aus Zeitungsberichten und Fragmente altrussischer Chroniken derart ergänzt, dass sie miteinander korrespondieren. Das ist eine in den ersten Revolutionsjahren sehr populäre, aus dem Westen importierte Idee von der barbarischen Erbschaft des alten „tatarischen“, wie Lenin zu sagen pflegte, Russlands.

Auch die Romantisierung der Revolution war in den zwanziger Jahren sehr verbreitet. Entsprechend reagiert Olga auf dem Schwarzmarkt, wo verzweifelte Menschen das Lebensnotwendigste suchen: „Die schönste unter den Wöchnerinnen bringt ein Ungeheuer zur Welt. Die Revolution gebiert eine neue Bourgeoisie.“ Olga, kälter und zynischer als Vladimir, kommentiert alles mit regungslosem Charme, ob sie zusammen mit Vladimir im Bett Läuse fängt; ob sie mit Vladimirs Bruder Sergej, dem einflussreichen sowjetischen Beamten, eine Affäre beginnt (so selbstverständlich klingt bei ihr diese Mitteilung, dass dem verblüfften Vladimir nur die Bitte bleibt, sie möge ein Bad nehmen); ob sie mit einem „neuen Reichen“, einem Sprössling der Neuen Ökonomischen Politik, für 15000 Dollar schläft, die sie dann der Hungerhilfe spendet; und schließlich sterbend sagt: „Es ist mir einfach ein wenig widerlich, so mit ungeschminkten Lippen dazuliegen.“

Dandytum und Futurismus

Der Roman erschien 1928 in einem russischen Exilverlag in Berlin, kurz darauf verlegte der S. Fischer Verlag die Übersetzung von Gregor Jarcho. Das 1930 ebenfalls in Berlin auf Russisch publizierte Buch Der rasierte Mann ist dem Roman Zyniker durch den eigenartigen Tonfall zwischen Dandytum und Futurismus sehr ähnlich, spielt jedoch in der Provinz statt in Moskau. Beide Übersetzungen sind gelungen und geben eine klare Vorstellung von Marienhofs paradoxem, dynamischem Stil.

In der Sowjetunion konnten die Romane nicht erscheinen, Zyniker war jedoch nahe dran, der Vorschuss war sogar schon gezahlt worden. Fast über Nacht geschah es, dass von einer Publikation keine Rede mehr sein konnte. Zwar verurteilt der Autor, wie von offizieller Seite verlangt, seine Helden wegen deren „fremder Einstellung gegenüber der Gegenwart“. Aber es reichte nicht mehr. Ende der zwanziger Jahre wurde jede Vielfalt aus der russischen Literatur endgültig vertrieben. Darüber hinaus wurde so getan, als hätten Grausamkeit und Absurdität der Revolution einfach nie stattgefunden, und damit war auch die zynisch-romantische Art, sie zu rechtfertigen, nicht mehr gefragt.

Für lange Zeit blieb Marienhof ausschließlich als Jessenins Freund und Biograf in den Fußnoten stecken. Er hatte das Glück, nicht inhaftiert oder verbannt zu werden, wahrscheinlich weil er nach Leningrad umzog (erstaunlicherweise bedeutete der Wohnortwechsel oft die Lebensrettung). Zum engsten Kreis seiner Freunde gehörten Michail Soschtschenko, Dmitrij Schostakowitsch, der berühmte Literaturwissenschaftler Boris Eichenbaum.

Marienhof vereinte viel Unvereinbares. So zum Beispiel präsentieren ihn seine Aufzeichnungen als einen überzeugten Frauenhasser: „Lassen sie das Tier nicht zu ihrer Seele, ich meine eine Frau. Es ist genug, dass sie Ihr Bett beschmutzt“ – das ist nur eine seiner Sentenzen dieser Art. Dabei war er sein ganzes Leben lang mit einer Frau zusammen, die er über alles liebte und achtete.

Seit zehn Jahren ist Marienhof in Russland wiederentdeckt, der Roman Zyniker wurde sogar verfilmt. Sein literarischer Ruf ist nun von Jessenin unabhängig. Empfehlenswert für eine weitere Übersetzung wäre sein historischer Roman Katharina die Große, vielleicht das Beste, was er je geschrieben hat.

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