Der Räuber von Martin Prinz, 2002, Jung und Jung1.) - 2.)

Der Räuber.
Roman von Martin Prinz (2002, Jung und Jung).
Besprechung von Katrin Hillgruber in der Frankfurter Rundschau, 28.12.2002:

Räuberlust
Martin Prinz erzählt von der Sicht nach der Angst im Gesicht der Überfallenen

"Das Reißen im Leib haben" lautet eine alte, plastische Bedeutung des Wortes Raub. Der Räuber steht seit jeher außerhalb der Gesellschaft und nährt sich aus dem Stegreif. Das macht ihn zum romantischen bis tragischen Helden, von Robin Hood über Michael Kohlhaas hin zu Friedrich Schillers "Räubern" und seinem "Verbrecher aus verlorener Ehre". Nicht vergessen sei in diesem Zusammenhang der Räuber Hotzenplotz. Dieser Lektürephase scheinbar nicht allzu lange entronnen und dabei unbelastet von der großen literarischen Tradition, erzählt der neunundzwanzigjährige Österreicher Martin Prinz die Ballade des Johann Rettenberger. Das reale Vorbild dieses modernen Räubers lernte der Autor als Jugendlicher flüchtig bei einem Stadtlauf kennen. Später erkannte er den Mann auf Zeitungsfotos wieder.

Gleichsam im Laufschritt, immer auf Augenhöhe, nähert sich Martin Prinz seinem Sujet. Er habe einen Text über das gespannte Atemanhalten und die Hast schreiben wollen, sagt er. Rettenberger verspürt das sprichwörtliche Reißen im Leib, sobald er in Niederösterreich zwischen Wien und St. Pölten eine Bank betritt. Bald schon gilt er als "Maskenmann" oder "Pumpgun Ronnie", denn er setzt bei fast allen seiner Taten eine Gummimaske mit dem Konterfei Ronald Reagans auf.

Neben Jack Unterweger dürfte "Pumpgun Ronnie" zu den bekanntesten Delinquenten der österreichischen Nachkriegsgeschichte zählen, der sportlichste ist er auf jeden Fall. Im März 1988 hielt der Marathonmann das Land mit einer Serie kaltblütiger Raubzüge in Atem, von denen er bereits gespürt haben muss, dass sie seine letzten waren - so suggeriert es zumindest der Erzähler, der durch das Stilmittel der Empathie zu einem Teil des ewig flüchtenden Räubers wird. Nur beim Laufen und seinen Überfällen ist der kontaktscheue Rettenberger seinen Mitmenschen überlegen: "Er musste so lange auf den Beinen bleiben, um sich noch in der Müdigkeit danach in der Haut des Läufers verstecken zu können. Und einem ähnlichen Sog war er auch als Räuber ausgeliefert. In der Automatik der Bewegungen während eines Überfalls, den laut geschrieenen Drohungen, den erschreckten Gesichtern hatte er sich selbst als Räuber so deutlich vor Augen, dass er diesem Anblick immer gieriger nachhetzte." Das Entsetzen in den Augen der Bankkunden gerät ihm zum Suchtmittel. Doch schließlich ekelt er sich vor diesem Anblick. Was bleibt, ist die Identifikation als Sportler, als selbstgenügsamer Solipsist: "Dieses Spiel mit der Strecke gehörte selbst im Entfliehen ihm allein."

Bei Martin Prinz' Roman handelt es sich im Grunde um eine novellistische Erzählung mit gehörigem Spannungsbogen. Sie setzt mit der Verhaftung und anschließenden Flucht Rettenbergers im November 1988 ein, die vier Tage dauerte, zu Fuß und in gestohlenen Autos. Am Ende wurde der Dreißigjährige auf der Autobahn erschossen, als er versuchte, eine Polizeisperre zu durchbrechen. Zwischen diesen beiden November-Polen entfaltet der Autor mit beachtlichem Raffinement das Psychogramm eines Sonderlings. Es gelingt ihm, durchgängig eine kühle Emphase zu erzeugen, freilich um den Preis einer gewissen Monotonie. Trotz ihres chronologischen Aufbaus wirkt die mit Austriazismen fein gewürzte Geschichte, als sei sie aus der Zeit gefallen. Das liegt auch daran, dass Prinz ganz auf die Kraft des Epischen vertraut und auf Dialoge verzichtet.

Mittels dreier Erzählstränge, die miteinander verschränkt sind, schildert er vor allem den wilden letzten Frühling eines Räuberlebens. Da sind zum einen die kursiv gedruckten Zitate aus Polizeiprotokollen und Zeitungsberichten - sie geben die öffentliche Außensicht auf das Phänomen Rettenberger wieder. Im ständigen Tempuswechsel halten sich die beiden anderen Formen der sprachlichen Annäherung die Waage: eine poetisierende Innenansicht des Räubers und seiner Motive sowie die balladeske Nacherzählung seiner Taten, seines Werdegangs. Dass zu diesem der Mord an einem Kollegen gehört, der den ehemaligen Häftling ständig verspottet hatte, wird eher beiläufig erwähnt. Kommentiert wird es jedenfalls nicht. So, wie sich sein Held ebenso einsam wie leichtfüßig über die Gesetze der Gemeinschaft erhebt, so enthält sich auch der Text jeder moralischen Wertung. Das macht einen Gutteil seines Reizes aus. Martin Prinz nähert sich dem schwer Fassbaren durch die Nacherzählung von Rettenbergers Taten. Von Laufschritt zu Laufschritt traben Held und Erzähler solidarisch nebeneinander her. Davon erzählt dieses Buch melancholisch und dennoch mit staunenswerter Leichtigkeit.

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Der Räuber von Martin Prinz, 2002, Jung und Jung2.)

Der Räuber.
Roman von Martin Prinz (2002, Jung und Jung).
Besprechung von
Hans Christian Kosler in Neue Zürcher Zeitung vom 5.3.2003:

Ronnies Run
Martin Prinz' Romandébut «Der Räuber»

So starten Prosaschriftsteller heute ihre Karriere: Sie schreiben - statt verquält und ausufernd die eigene Geschichte - stilsicher und mit viel Kalkül die Geschichten anderer. Von Martin Prinz, geboren 1973 und aufgewachsen in Lilienfeld, wissen wir nicht viel mehr, als dass er in Wien Germanistik studierte, ein geübter Langstreckenläufer ist und einen Bankräuber namens Rettenberger kannte, der durch eine viertägige Flucht auf sich aufmerksam machte, die der passionierte Marathonläufer mehr oder weniger im Laufschritt zurücklegte. Die bei seinen Banküberfällen aufgesetzte Ronald-Reagan-Maske sowie die abgesägte Schrotflinte trugen ihm bei den österreichischen Medien den neckischen Spitznamen «Pumpgun-Ronnie» ein. Doch Pumpgun-Ronnie war alles andere als ein kleiner Fisch, sondern hatte 1985 bereits mit ebenjener Pumpgun kaltblütig einen Kollegen erschossen, was ihm eine mehrjährige Haftstrafe einbrachte. Drei Jahre später gelingt ihm die Flucht aus der Wiener Justizanstalt. Rettenberger springt aus dem halboffenen Fenster des Verhörzimmers, landet auf einem Autodach und tritt unverletzt die Flucht durch das Umland der Grossstadt an.

Die Besonderheit von Prinz' fälschlicherweise Roman genannter Prosa-Etüde besteht darin, dass der Autor Rettenbergers Flucht völlig moralinfrei erzählt und damit alle angestammten Erwartungshaltungen gehörig verprellt. Er schildert die Flucht konsequent aus der Perspektive des Langstreckenläufers und macht sie dadurch statt zu einer strafbaren Handlung zu einem Fest der Sinne. Rettenberger, schreibt Prinz, läuft leicht und mühelos, er liebt das Wogen der Kornfelder im Wind, geniesst die Ansichten auf das ferne Wien, und die Stimmen der Gendarmen kommen ihm gar wie Musik vor. Das Laufen erweckt in ihm Halluzinationen, er kann sich in der Automatik der Bewegungen und der Monotonie der Schritte ganz seinen Vorstellungen hingeben. Der Leser indes, der sich's in dieser Chronik der laufenden Ereignisse schon eingerichtet hatte, wird von Prinz jäh aus seiner trügerischen Erzähl-Gemütlichkeit gerissen. Auf den letzten 40 Seiten, als Rettenberger seine Flucht im Auto fortsetzt, hält er den Leser in Hochspannung, ohne dabei reisserisch zu werden.

Prinz' raffinierte und gelungene Talentprobe, die minuziös schildert und dennoch einen weiten Assoziationsraum lässt, erinnert in ihren besten Passagen an den frühen Handke, als dieser noch nicht den Rock des alten Goethe angelegt hatte. Man kann sie bequem in dem Zeitraum lesen, den Rettenberger benötigte, um den schwersten österreichischen Berglauf, den Kainacher Marathon, zu gewinnen: in 3 Stunden, 16 Minuten und 7 Sekunden.

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