Der Psalmenstreit von Marten 't Hart, 2007, PiperDer Psalmenstreit.
Roman von Marten 't Hart (2007, Piper - Übertragung Gregor Seferens
).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 1.10.2007:

Protestantischer Fundamentalismus

Der Titel des neuen Romans von Marten 't Hart klingt eigentlich mehr nach Sachbuch. "Der Psalmenstreit" ist aber ein Hin und Her zwischen Thesenroman und Weltlebensgeschichte, zwischen Geschichtspanorama und Herzbruchdrama. Der reiche Schiffseigner Roemer Stroombreker aus der Hafenstadt Maasluis bei Rotterdam darf die Frau nicht heiraten, mit der er in einem bedenkenlosen, gefühlsprallen Moment am Deich ins Gras gefallen ist. Der Junge, der aus dieser ebenso flüchtigen wie fruchtbaren Begegnung mit der armen Anna Kortsweyl hervorgeht, wird Roemer Stroombreker ein Leben lang verfolgen - der ihn und er den Burschen.

Bach, Mozart, Beethoven und Napoleon

Heiraten muss Roemer aber die Reederstochter Diderica, die ihn zwar um Haupteslänge überragt und nach vergammeltem Heilbutt riecht, aber zur Verdoppelung seiner Fischfangflotte beiträgt. Meister Spanjaard hingegen, Roemers alter Lehrer, der auf ewig sein Mentor bleibt, bewegt ihn zu Konzertbesuchen; so hört er Orgelwerke von Bach, den jungen, herumreisenden Mozart und später, fast als Greis schon, auch den 14-jährigen Beethoven. Und selbst Napoleon begegnet Roemer Stroombreker, als Lobbyist der niederländischen Fischerei, am Beginn des neuen, des 19. Jahrhunderts.

Durchmessen wird so das Zeitalter der Aufklärung, und da sieht man, dass der Fundamentalismus keine Erfindung des Islam ist und nicht einmal eine katholische Eigenart: Gestritten wird nämlich im protestantischen Holland darum, ob ein Psalm in gereimter oder in ungereimter Form das Wahre ist und wie schnell man im Gottesdienst singen soll: Schleppend langsam, wie es die Leute gewohnt sind, oder mit doppeltem Tempo, wie es der Fortschritt will, die Vernunft und der bessere Musikgeschmack.

Als die Zeiten schwerer werden und die Konkurrenz unter den Fischern immer heftiger, revoltieren die Armen, manche Hafenarbeiter, manche Gelegenheitsfischer, manche Arbeitslose, manche Bettler: Sie bestehen auf dem Althergebrachten, dem langsamen Gesang, mit einer Vehemenz, die sie zu Demonstrationen auf die Straße treibt und den Mob handgreiflich werden lässt gegenüber den scheinbar so unantastbaren Honoratioren.

Roemer Stroombreker sieht bei diesen Gelegenheiten seinen unehelichen Sohn wieder und Marten 't Hart zieht manche Parallele zur Jetztzeit mit dem Zaunpfahl, dann stören auch die Zeigefingerabdrücke zwischen den Zeilen. An den Mega-Erfolg mit seinem "Wüten der ganzen Welt" wird er deshalb mit diesem Roman auch nicht herankommen; aber immerhin ist ihm ein niederländisches Geschichtspanorama gelungen, das mehr ist als ein Verstecken und Wiedererkennen von historischen Fakten. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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