Der Prüfstein von Edith Wharton, Dörlemann, 2004Der Prüfstein.
Novelle von Edith Wharton (2004, Dörlemann-Verlag - Übertragung Manfred Allié).
Besprechung von Renate Wiggershaus in der Neue Züricher Zeitung vom 11.12.2004:

Missbrauchte Liebesbriefe
Edith Whartons Novelle «Der Prüfstein» erscheint erstmals auf Deutsch

«Goldener Adler», «Feuervogel», «Engel der Verzweiflung und der Verwüstung» - mit solchen Bildern bedachte Henry James die amerikanische Schriftstellerin Edith Wharton, deren langjähriger Freund und Mentor er war. In der Tat scheint Wharton über dem Schicksal ihrer Protagonisten zu schweben, deren soziales Milieu sie aus eigenem Erleben kannte. Sie selbst verglich ihre Geschichten einmal mit einem «Pfeil, der unmittelbar ins Herz der Erfahrung trifft».

1862 in New York City als einziges Kind wohlhabender Eltern geboren, bereiste sie schon früh Frankreich, Italien, Deutschland. In der grossen Bibliothek ihres Vaters konnte sie ihren Lesehunger stillen. «Wo immer ich ging», so drückte sie ihre Faszination angesichts gedruckter Worte aus, «sangen sie mir zu wie Vögel in einem verzauberten Wald.» Mit 17 publizierte sie einen ersten Gedichtband. Mit 23 heiratete sie einen reichen, 13 Jahre älteren Mann, der sie in die Bostoner High Society einführte und mit dem sie Kreuzfahrten und Reisen durch Europa machte. Ein erfülltes Leben fand sie aber weder in der Ehe noch im Müssiggang, noch in einer Gesellschaft, deren Moralauffassung sie zunehmend als heuchlerisch und hohl empfand.

Liebe und Lüge

Wie tyrannische Konventionen Menschen Fesseln anlegen, ihnen ein glückliches Leben verwehren - das schilderte sie später immer wieder mit subtilem Realismus, wohl am eindringlichsten in dem Entwicklungsroman «Zeit der Unschuld» («The Age of Innocence», 1920), für den sie 1921 den Pulitzerpreis erhielt. Um diese Zeit lebte sie, nach der Scheidung von ihrem Mann, bereits seit längerem in Frankreich. Begonnen hatte ihr professionelles Schreiben mit Geschichten, Essays, Novellen für verschiedene Literaturzeitschriften. Auf einen psychischen Zusammenbruch 1898 folgte eine äusserst produktive Phase, in der unter anderem die 1900 in «Scribner's Magazine» erschienene Novelle «The Touchstone» entstand, die jetzt erstmals auf Deutsch vorliegt.

Das zentrale Motiv dieser Novelle ist rasch benannt. Um die von ihm geliebte Frau aus armer Familie heiraten zu können, verkauft der schlecht verdienende und von Abstiegsängsten geplagte Rechtsanwalt Stephen Glennard die intimen Briefe, die eine berühmte verstorbene Schriftstellerin ihm über Jahre hinweg schrieb, ohne dass er ihre Liebe erwiderte, zu exorbitantem Preis an einen Verlag. Einem Ratgeber und dem Verlag gegenüber spiegelt er vor, die Briefe seien an einen verstorbenen Freund gerichtet gewesen, der sie ihm anvertraut habe. Seiner Frau gegenüber gibt er, was zur Grundlage eines wachsenden bürgerlichen Wohlstands wird, als Erbschaft aus.

So rasch sich diese Version eines traditionsreichen Motivs skizzieren lässt, so kunstvoll und grandios ist, wie auf dieser Grundlage in einem Zusammenspiel von Zufall und Notwendigkeit ein Psychodrama von wahrhaft novellistischer Dynamik und atmosphärischer Dichte seinen Lauf nimmt. Whartons Geschick in der Vergegenwärtigung von Situationen, in denen Stimmungen wechselnder Art übermächtige Gewalt gewinnen, erweist sich schon in den ersten Kapiteln mit der Schilderung der Ausgangssituation... Fortsetzung

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