Der Prozeß von Franz Kafka, 1990, S. Fischer

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Der Proceß.
Roman von Franz Kafka (1925/1990, S. Fischer).
Besprechung von Hartmut Ernst, Kübelreiter:

Ein Buch hat nicht die Aufgabe, Illusionen zu erzeugen, sondern sie zu zerstören.
So zumindest liest sich das literarische Credo Kafkas, wenn er etwa schreibt: "Ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns".

Ganz in diesem Sinne verfolgt "Der Prozeß" das Programm der Desillusionierung. Das Vertrauen des Menschen auf eine der Welt zugrundeliegende, verläßliche Ordnung im Sinne eines Gesetzes, einer Gesetzmäßigkeit wird erschüttert. Nicht die kleinen Ungeheuerlichkeiten, deren der Roman voll ist und die ständig das Geschriebene/Gelesene in eine irritierende und oszillierende Schieflage bringen, sind in ihrer lakonisch erzählten Beiläufigkeit Grund dieser Erschütterung, sondern das im Motiv des vergeblichen Anrennens gegen eine nicht faß- und greifbare, weil nicht transparent definierte Macht bzw. Struktur (das "Gericht") dargestellte Scheitern des Protagonisten.

Die Schuldfrage (als juristisches oder auch moralisches Problem), die sich an der scheinbar grundlosen Verhaftung Josef K.'s entzündet, kann zu keiner Lösung führen, weil die Kriterien, das "Gesetz", fehlen, aufgrund derer sich allein bestimmen ließe, was recht und was unrecht, was wahr und was falsch ist. Der Verlust orientierender Koordinaten, innerhalb derer der Einzelne sich und das ihm Widerfahrene einordnen könnte, führt zu jenen fatalen und absurden Konsequenzen, die in einer unentwirrbaren Verstrickung von Verdächtigungen, Beschuldigungen und pausenloser Angst vor plötzlichem Umkippen der Situation jeder Logik und rationaler Vorgehensweise den Boden entziehen. Der Verlust der Verläßlichkeit gesellschaftlicher Rechte und Pflichten im Sinne einer fundamentalen Ordnung stellt den isolierten Einzelnen in den Raum sozialer Entsolidarisierung und Desorganisation, der ihn bis zuletzt im Unklaren und Unsicheren über das, was mit ihm geschieht, läßt.

Die von Kafka in gewohnt nüchterner und kalter Diktion erzählte "Geschichte" läßt das Werk als Ganzes weniger als Roman, denn als eine umfangreich angelegte Parabel erscheinen. Dargestellt wird die Funktionsweise all jener Systeme, die - hierarchisch strukturiert - sich gerade dadurch gegen Kritik immunisieren, daß sie ihre Struktur dem Einzelnen dauerhaft verbergen und sie ihn nur in Form eines strafenden, kontrollierenden und allgegenwärtigen Mechanismus' spüren lassen.

Die Verlagerung des Legitimationsdrucks vom herrschenden System auf das Individuum erzeugt Angst und muß zu jener Aporie führen, die in der vom Gefängniskaplan erzählten Türhüterlegende (von Kafka auch einzeln unter dem Titel "Vor dem Gesetz" veröffentlicht) ihren Ausdruck findet: Weil der gesetzmäßige Zusammenhang, das Ordnungsprinzip nicht einsehbar und erkennbar ist, besteht keine Möglichkeit, Ereignisse und Zustände zu bewerten oder gar zu beeinflussen. Urteile werden beliebig, Auslegungen von Vorschriften widersprüchlich. (Es sind jene sich aus der Struktur des Systems konsequent ergebenden Widersprüche, die auch der Protagonist in Orwells "1984" zu akzeptieren gezwungen ist.) Die Welt, die nicht mehr auf ein Prinzip reduzierbar ist, wird zum Legitimationshintergrund all jener autoritären, totalitären und unberechenbaren Systeme, die den Menschen als Individuum entwerten und vergewaltigen - und zwar so, daß dieser zuletzt sogar vor sich selbst noch schuldig dasteht.

Kafkas "Prozeß" ist eine in düsterem Schwarzweiß gezeichnete Parabel auf die institutionelle Gewalt und ihre Willkür. Daß der Text zusätzliche Dimensionen erhalten kann, in denen das "Gericht" z.B. den strafenden alttestamentlichen Gott (religiöse Deutung), das Über-Ich (psychologische Deutung) oder konkrete gesellschaftliche Systeme (politische Deutung) repräsentiert, sei unbenommen.

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Der Prozeß von Franz Kafka, 1990, S. Fischer2.)

Der Prozess.
Theaterstück von Franz Kafka (2008, Kammerspiele München).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 26.9.2008:

Im virtuosen Überwachungsstaat
Nein, man muss den Roman nicht kennen. Bedeutsame Prosawerke auf die Bühne zu bringen, ist derzeit ziemlich angesagt. Was sich das Kino seit jeher erlaubt, traut sich nun auch verstärkt das Theater. Zum Beispiel: Pamuks „Schnee” und Roths „Hiob” an den Münchner Kammerspielen in der vergangenen Saison oder Dostojewskis „Verbrechen und Strafe” bei den Salzburger Festspielen. Und jetzt, abermals Kammerspiele, „Der Prozess” von Franz Kafka (1883-1924).

Für jeden einzelnen Fall gilt: Es zählt nur das, was der Roman-Bearbeiter für die Bühnenfassung herauskristallisiert hat; also das aus dem Prosatext entstandene Stück. Denn würde man es an der literarischen Vorlage messen, fiele das Urteil über die szenische Version eines großen Romans naturgemäß negativ aus. Jede dramatische Bearbeitung birgt ja in sich den Verlust des epischen Reichtums. Dem kann das Theater nur begegnen mit der sinnlichen Kraft der Bilder und Darsteller. Das bedeutet im aktuellen Fall: Andreas Kriegenburgs Inszenierung des Fragment gebliebenen Romans „Der Prozess” ist ein gelungener Auftakt der soeben begonnenen neuen Saison.

Der Eiserne ist herunter. Leise Tangomusik. Rhythmus liegt in der Luft. Der Takt ist vorgegeben für ein Stückchen Theater-Schwerelosigkeit. Dann öffnet sich die Tür einen Spalt, ein Kopf schaut heraus, weißes Gesicht, große, schwarz geschminkte Augen, schwarzer Schnurrbart, streng gescheiteltes Haar. Ein Blick ins Parkett. Nun tritt die ganze zierliche Gestalt heraus, als käme sie direkt aus einem Stummfilm; weißes Hemd, zugeknöpfter schwarzer Anzug; in den Händen die gleichen Kleidungsstücke noch einmal. Sie legt sie auf den Boden und spricht einen Zuschauer in der ersten Reihe an: „Würden Sie mir die Liebe tun und bitte ein Auge darauf haben…” Dann aber ist sie unsicher, bittet den Nächsten, auf seinen Nachbarn „ein Auge zu haben” und so weiter - bis dieses System, „wo jeder auf den anderen achtet”, das gesamte Publikum erfasst.

Mit diesem Vorspiel hat Kriegenburg das übergeordnete Thema des Romans - der totale Überwachungsstaat, dem niemand entkommt - knapp, griffig und plausibel auf einen Nenner gebracht. Wenn dann der Eiserne Vorhang hochgeht, sehen wir als Bühnenbild ein riesiges Auge, dessen Pupille eine mal mehr, mal weniger schräge Drehscheibe ist, auf der sich die Akteure bewegen, auf der sie rutschen, kriechen, sich klammern, um nicht dem engen Ring der Gesellschaft vollends zu entgleiten. Auch das ein Bild voller Symbolkraft. Ein Rahmen, der alles sagt und daher dem Regisseur erlaubt, hierin nun seine Choreographie des Kafka-Textes zu entwickeln und sein poetisch-heiteres, hochartifizielles und formal virtuoses Spiel der Schauspieler zu zünden.

Kriegenburgs Grundidee: acht Darsteller - vier Frauen, vier Männer - als Josef K. und für sämtliche anderen Figuren auch. Alle sind gleich schwarz gekleidet; höchstens eine Schürze, ein Malerumhang, ein Röckchen zitieren quasi den kurzzeitigen Rollenwechsel. Und am Anfang sind es schwarze Hüte, die varietémäßig von Kopf zu Kopf wandern und jeweils die Wächter und Verhörer von den Figuren des Josef K. unterscheiden.

Zu bestaunen gibt es in dieser Aufführung vieles. Zuerst die körperliche, artistische Leistung. Denn was die acht auf der Drehscheibe vollführen, wie sie sich auf ihr halten, wenn sie senkrecht steht oder in steiler Schräge kreist, ist in der tänzerischen Leichtigkeit fabelhaft. Als Nächstes der arienhafte Umgang mit dem Text, der in großen Passagen original dem Roman entnommen wurde. Das ist etwa das Gespräch Josef K‘s mit der Vermieterin. Das ist auch die wunderbare Szene, in der die Schauspieler überrascht scheinen von dem Satz „K. küsste sie auf den Mund… und ließ die Lippen lange auf der Gurgel liegen”, was Kriegenburg zu einer hinreißenden Nummer der K-Darsteller ausbaut.

Das sind aber auch die zentralen Passagen wie K‘s immer fanatischer werdende Zornesrede vor dem ominösen Gericht, wie die böhmakelnde Ansprache des Fabrikanten, der dem Angeklagten Josef K. Prozess-Hilfe vermitteln will, ebenso wie die absurden Alternativen zu Verteidigung und Freispruch, die ihm der Gerichtsmaler Titorelli aufzeigt. Und zum Schluss das biblische Gleichnis des Gefängnispfarrers vom Türhüter am Tor des Gesetzes sowie der Text zur Hinrichtung. Das ist der Moment der Aufführung, da aus den acht Darstellern einer als Josef K. heraustritt, getötet, mit Blut präpariert wird und als erlegtes Opfer allein auf der Scheibe zurückbleibt. Ein Augenblick, in dem sich der Regisseur endlich eine Prise Gefühl und Kitsch gestattet.

Das alles ist von einer stilsicheren, vollendeten Ästhetik. Nichts gibt es auszusetzen an dem Kollektiv der Schauspieler, die sich einerseits ganz uneitel zurücknehmen, andererseits sich mit viel Witz im slapstickartigen Fratzenschneiden gegenseitig überbieten. So heiter hatte man sich Kafka wohl nicht vorgestellt. Freilich auch nicht so reduziert, nicht so entkernt von seinen religiös-philosophischen Widersprüchen. Schönheit pur, das zeigt diese Inszenierung leider auch, hat unweigerlich ihre Längen.

Nach Zweidreiviertel-Premierenstunden viel Beifall eines offensichtlich ermatteten Publikums. „Als sie aus dem Theater traten, fiel ein leichter Regen. K. war schon durch das Stück und die schlechte Aufführung ermüdet…”, heißt es im Fragment bei Kafka. So streng wollen wir nicht sein. Zutreffend ist hier wirklich nur der erste Satz.

Weitere Vorstellungen:
29. September sowie 2., 4., 10. Oktober; Tel. 089/ 23 39 66 00.
 

Die Handlung

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ So beginnt Kafkas Roman „Der Prozess“. Ein Jahr lang, von seinem 30. bis zu seinem 31. Geburtstag, findet sich der angesehene Prokurist einer großen Bank als Angeklagter. Er kennt weder seine angebliche Schuld noch seinen Ankläger. Doch mit jedem Versuch, heil aus der Sache herauszukommen, verstrickt sich Josef K. - bis zu seiner Hinrichtung - immer tiefer in das undurchschaubare, engmaschige Netz einer anonymen Macht.

Die Besetzung

Regie und Bühne: Andreas Kriegenburg.
Kostüme: Andrea Schraad.
Darsteller: Walter Hess, Sylvana Krappatsch, Lena Lauzemis, Oliver Mallison, Bernd Moss, Annette Paulmann, Katharina Schubert, Edmund Telgenkämper.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.merkur-online.de]

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