Der Prinzipal von Bodo Kirchhoff, 2007, FVA1.) - 2.)

Der Prinzipal.
Novelle von Bodo Kirchhoff (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Christoph Schröder aus der Süddeutschen Zeitung, 16.3.2007:

Zwischen Macht und Marinade

Jemand wie der Prinzipal fällt nicht, er stolpert nur, und selbst das nicht aus eigener Ungeschicklichkeit, sondern weil man ihm übel mitspielen wollte. Der Prinzipal, der namenlose Protagonist in Bodo Kirchhoffs Novelle, ist eine eindeutig an den VW-Manager Peter Hartz angelehnte Figur. Ein Mann, der seinen Spitznamen aufgrund seines Instinkts für Applaus erhalten hat. Einer, dem der Erwerb von Einfluss und Macht als selbstverständliche Fingerübung stets gelungen ist. Ein Entscheidungsträger, der zu verantworten hat, dass Menschen „infolge seiner Ideen durch geringe Arbeit ein noch geringeres Geld verdienen”, der die Verantwortung jedoch anderen überlassen hat. Ein hochmütiger Autokrat, dem die sogenannte Salsa-Affäre zum Verhängnis wurde, ein Prozess um Reisen und Begünstigungen für Betriebsräte, die, aus Sicht des Prinzipals, nur der Förderung von Kommunikation dienten.
Jetzt sitzt er in seiner Villa an einem italienischen See, die Ehe ist durch diverse Seitensprünge gestört, es ist sein 64. Geburtstag, seine Tochter und sein Enkelsohn, um die er sich nie weiter gekümmert hat, sind zu Besuch. Und während die Frauen in die Stadt gefahren sind, macht der Prinzipal mit dem 18-jährigen Viktor, genannt Vigo, eine Bootstour. Der Junge, der als Berufsziel Filmemacher angibt, hat seine Videokamera dabei und filmt den Großvater, ununterbrochen. Auf diese Weise entsteht auf den ersten zwei Dritteln des schmalen Buches eine durch die Distanz des Mediums gebrochene Studie der Physiognomie und Psychologie von Macht, deren Quintessenz wie so oft darin besteht, dass die Ausübung von Macht zwar Folgen hat, die durchaus nicht banal sind, dass der Ausübende selbst jedoch keineswegs von Banalität frei ist.
Denn was der Prinzipal, dieser furchteinflößend gesunde und robuste Mann mit den gebräunten Händen, seinem Enkel („mein lieber Vigo”) in die Kamera hineinsalbadert, über die Liebe und die Frauen (was für ihn dasselbe ist), über Disziplin und das Töten, über die Literatur und eine Existenz ohne Ansprüche, ist stellenweise schweres Gerät. Denn der Prinzipal hat einen Hang zu Lebensweisheiten. Die klingen dann so: „Leben, ruft er, spielt sich heute zwischen Autonomie und Verpflichtung ab, zwischen dem Caprese, das du dir selbst zubereitest, aus einer frischen Buffala und gepflücktem Basilikum, nebst Tomaten in der Marinade aus Öl und Balsamico, und einem Geradestehen für Maßnahmen, die dem Gemeinwohl dienen.”
Oder so: „Frauen steht das Schreiben ja näher, weil sie viel öfter auf die Tatsache, dass sie ein unbeschriebenes Blatt sind, reagieren müssen, während Männer schon ihr erstes Fußballtor als Geschichte verbuchen.” Der Prinzipal wird vorgeführt als ein selbstgerechter Schwätzer mit schwitziger erotischer Phantasie. Jedenfalls hofft man sehr für den Autor, dass es sich hier um eine Vorführung handelt, exklusiv für Vigos Kamera.
Es spricht einiges dafür, denn als der Großvater schwimmen geht, tritt sie dann doch noch ein, die unerhörte novellistische Begebenheit, vielmehr: sie fällt vom Himmel in Form einer jungen Drachenfliegerin, der Vigo, alleine auf dem Boot zurückgeblieben, das Leben rettet. Es entsteht ein kurzer, flirrender Moment von Verwirrung und Intimität, von Ambivalenz und jugendlichem Erwachen – bis der Alte zurück an Bord erscheint und die ganze Sache in seinem Sinne regelt, also plattwalzt.
Dass ganz am Ende, während des abendlichen Geburtstagsessens, der bis dahin so schwer gebeutelte Vigo das Geschehen an sich zieht und der Text eine nicht ganz unerwartete, aber doch psychologisch richtungweisende Wendung nimmt, kann man als Leser nur befriedigt zur Kenntnis nehmen – nach rund 70 Seiten Prinzipal-Monolog, unterbrochen nur durch die Stichworte des Enkels, erwartet man geradezu eine gerechte Bestrafung dieses reichen, armen, einsamen Mannes, der sich angemaßt hat, „Schnitte in eine Gesellschaft” zu machen, ohne selbst die Schere zu sein.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter "Süddeutsche Zeitung"]

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Der Prinzipal von Bodo Kirchhoff, 2007, FVA2.)

Der Prinzipal.
Novelle von Bodo Kirchhoff (2007, Frankfurter Verlagsanstalt).
Besprechung von Gerd Fischer aus der NRZ vom 2.05.2007:

Egomane auf Boots- und Kamerafahrt

Nach einigen größeren Romanen (u.a. "Infanta" und "Schundroman") kommt Bodo Kirchhoff, der längst kein Geheimtipp unter Literaturfreunden ist, nun mit einer Novelle, die es an Erfindungsreichtum und erzählerischer Kraft mühelos mit seinen bisherigen Werken aufnimmt: "Der Prinzipal".

Mal was Neues: Alles was geschieht, wird mit den Augen einer Kamera gesehen und mit ihren Ohren gehört. Es entsteht eine Art Drehbuch zu einem Film, der zur Novelle gerinnt, indem ein anonymer Erzähler den Film erzählt. Der Einfall macht Sinn. Denn die Novelle handelt von einem deutschen Wirtschaftsboss, der sich am Gardasee niedergelassen hat und nun von seinem 18-jährigen Enkel Vigo besucht wird.

Beide machen eine Bootsfahrt von Torri del Benaco nach San Vigilio, wo sie zum Abendessen mit des Bosses Gattin und seiner Tochter, der Mutter von Vigo verabredet sind. Ganz ohne bösen Zwischenfall geht die Fahrt nicht ab, und das Abendessen wird nicht richtig harmonisch sein.

Wie auch immer - die ganze Fahrt über filmt der Enkel Boot und Großvater, Wellen und Steilufer und eben auch den bösen Zwischenfall. Aber Hauptdarsteller für den High-Definition Video Camcorder mit 2,7 Millionen Pixel ist der Großvater, der Boss, "Il Principale". Und dieser Prinzipal nun ist eine Mordsfigur, ein Zupacker, ein General der Global-Ökonomie. Ein Selfmademan, der "aus dem Mangel kommt", Sohn eines einäugigen Hausmeisters in einer Badeanstalt.

Zum Titel "Prinzipal" kam er, als er auf den Spitzen des Erfolgs stand, wohin er mit Energie, organisatorischer Intelligenz und Durchsetzungsfähigkeit gelangte. Leider ist er kürzlich über Affären gestolpert. Es ging um Korruption, in der eine Salsatänzerin aus Havanna eine Rolle spielte, um ein Verhältnis mit einer Fernsehmoderatorin, um Schmiergelder. Er hat sogar Politiker beraten und eine Reform entworfen, und zu seinem Geburtstag gratulierten ihm auch Menschen mit "Römisch Vier" und "ein Betriebsrat, der mir seinen dritten Frühling verdankt".

Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, durchaus. Frecher Hund, der Kirchhoff. Ein Ekelpaket, der Prinzipal? Man weiß nicht recht. Ein Egomane gewiss, aber man hört ihm auch vergnügt zu, nicht nur, wenn er Shaw oder Hölderlin zitiert, auch wenn er seine Philosophie über oben und unten (oben sitzen die Tüchtigeren), über die Reichen (sie finanzieren Menschen wie Vigo "eine Laufbahn im Bereich des Überflüssigen") und übers Fernsehen schießen lässt: "Fernsehstars sind, je weiter sie es gebracht haben, in der Mehrzahl größenwahnsinnige Angsthasen, die sich in jeder Fensterscheibe beobachten, um zu sehen, ob es sie noch gibt."

Und all dies vor der zauberhaft skizzierten Gardasee-Kulisse! Ob jemand aus diesem Novellenfilm mal einen Film macht? Mario Adorf wäre nicht schlecht, aber die DNA von Heinrich George plus Hans Albers... Na, freuen wir uns erst eimal heftig an dem Büchlein. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

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