Der Pojaz von Karl Emil Franzos, 1994, EVADer Pojaz.
Roman von Karl Emil Franzos (
1905/1994, Europäische Verlagsanstalt).
Besprechung von Francis Pierquin, Vernouillet/Frankreich, 2.07.2005:

Einmal nach Czernowitz und zurück

Die Mautnerin Rosel Kurländer ist eine couragierte Frau. Nicht nur daß sie, nachdem ihr Mann Froim der Schreiber durchgegangen ist, allein im Mauthaus zurückbleibt und Tag und Nacht ihren harten Dienst versieht, sie nimmt auch noch die umherstreifende, schwangere Miriam auf, die im Mauthaus einen Knaben gebiert und kurz darauf stirbt. Den Knaben - Sender bzw. Alexander - zieht Rosel auf, als wäre er ihr eigener Sohn. Fast einziger Anklang an seine Herkunft ist sein Beiname: der Pojaz, dies das jüdischdeutsche Wort für „Bajazzo". Jahre gehen ins Land, und Sender wird Fuhrmann. Eines Tages, man schreibt inzwischen das Jahr 1851, fährt er nach Czernowitz, „der unheiligen Stadt, in welcher die Juden Hochdeutsch reden und Schweinefleisch essen". Hier wohnt der bald Zwanzigjährige einer Darbietung von Shakespeares „Kaufmann von Venedig" bei - ein für ihn umwerfendes Erlebnis. Insbesondere die Rolle des Shylock greift ihm ans Herz, und er beschließt auf der Stelle, Schauspieler zu werden. Adolf Nadler, der Theaterdirektor, auch er ein Jude, allerdings aus Preußen, ist dem nicht abgeneigt, sagt ihm aber, er solle noch zwei Jahre abwarten, im Laufe derer er seine noch recht lückenhafte Bildung erweitern und vor allen Dingen Deutsch lernen muß. Dies ist leichter gesagt als getan. Denn zurück in Barnow, bewegt sich Sender wieder im traditionell-orthodoxen Umfeld chassidischer Prägung, und dieses Umfeld steht dem der Juden von Czernowitz, die als „Deutsch" verschrien werden, ausgesprochen feindselig gegenüber. Dennoch bringt es Sender fertig, mit Heinrich Wild, einem ins galizische Barnow strafversetzten Soldaten, in kurzer Zeit leidig Deutsch zu lernen. Und auch nachdem sein Mentor, der den Ideen der Revolution von 1848 treu bleibt, in Kolomea hingerichtet worden ist, versteht es Sender, sich auf eigene Faust fortzubilden, vornehmlich indem er sich in die alte und nicht mehr benutzte, aber reich bestückte Bibliothek des örtlichen Dominikanerklosters einschleicht, wo er sich im Winter aber auch ein Lungenleiden holt. So räumt Sender, der durch Höhen und Tiefen geht, nach und nach alle Hindernisse aus dem Weg, ob es nun ums Verheiratetwerden oder um die Rekrutierung zum damals siebenjährigen Militärdienst geht. Und auch dem Bann durch den Rabbi, dem die Kenntnis des Deutschen nicht nur „ein Makel fürs ganze Leben", sondern eine „Todsünde" ist, vermag er sich zu entziehen. Als die zwei Jahre um sind, macht sich Sender in einer Sturmnacht heimlich auf den Weg nach Czernowitz, wird aber in Zaleszczyki vom Eisstoß des Dnjestr aufgehalten und kurz darauf nahe der russischen Grenze in Borszczow von seiner Pflegemutter eingeholt und nach Barnow zurückgebracht. Für immer zerbricht der Traum, Schauspieler auf einer deutschen Bühne zu werden. Denn wenn der Widerstand der Pflegemutter auch bald zu überwinden wäre, das Lungenleiden ist es nicht mehr. Wie Theaterdirektor Nadler schließlich befindet: „Sein Verbrechen ist, daß er deutsche Bücher nirgendwo anders fand als in der ungeheizten Bibliothek des Barnower Klosters". Der im Jahre 1905 postum erschienene Roman ist nicht nur belletristisches Meisterstück und atemberaubender Bildungsroman in einem, sondern auch ein Thesenroman. Und die These besagt: Galizische und bukowinische Juden im engeren, polnische und osteuropäische Juden im weiteren Sinne konnten nicht besser beraten sein, als den Anschluß an die deutsche Sprache und Kultur zu suchen. Czernowitz oder „Jerusalem am Pruth", wo sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung weitgehend ans Deutschtum österreichischer Prägung assimiliert hatte, lieferte hierfür das schlagkräftigste Argument, galt es doch, aus der Isolierung der Judengass' und der Gettos „Halbasiens" herauszufinden. Dabei war Karl Emil Franzos, der Herausgeber von Georg Büchners Werk, alles andere als ein Naivling, wußte er doch sehr wohl, daß im deutschen Kulturraum nicht alles zum besten bestellt war, wie im Roman z.B. durch die Hinrichtung von Heinrich Wild belegt wird. Aber: Ohne so weit zu gehen, das Judentum aufzugeben, gehörte Franzos zu jenen Maskilim (Vertretern der jüdischen Aufklärung), die den Anschluß an den liberalen Zeitgeist auch und ausgerechnet für die Juden befürworteten und die Wege danach suchten. Und diese Wege führten für Franzos nun mal über die deutsche Kultur. „Der Pojaz" ist durchaus kein Schwarz-Weiß-Roman, wo etwa alle der Tradition verhafteten Juden als häßlich und im Gegenzug alle Deutschen als erstrebenswerte Vorbilder dargestellt sind. Bei weitem nicht. Dennoch konnte sich der Autor ebensowenig den Zuspruch jener am Althergebrachten festhaltenden jüdischen Kreise erhoffen, wie mit der Sympathie der deutschen, österreichischen oder sonstigen Antisemiten rechnen, die er übrigens auch nicht suchte. Die Folge war, daß er, der sowohl am Deutsch- wie am Judentum festhielt, zunehmend das Gefühl haben mußte, sich zwischen die Stühle gesetzt zu haben, wozu sicherlich auch das Erstarken des von Theodor Herzl propagierten Zionismus beitrug. Darum schob er bei Abschluß des Romans 1893 dessen Veröffentlichung hinaus, wußte er doch, daß er zu Mißverständnissen Anlaß gegeben hätte, die nur Wasser auf die Mühle von Antisemiten aller Provenienz gewesen wären. Und dazu wollte er sich nicht hergeben. Und eben auch darum erschien der Roman erst postum. Karl Emil Franzos' Werk, als dessen glänzendster Exponent „Der Pojaz" gelten darf, ist dem Leopold von Sacher-Masochs, des ersten deutschsprachigen galizischen Schriftstellers von Rang, mindestens ebenbürtig. In Franzos darf aber auch ein geistiger Vorfahre Joseph Roths und Manès Sperbers gesehen werden. Wie realitätsnah „Der Pojaz" geschrieben ist, läßt sich indes an keinem anderen besser als an Alexander Granach ersehen, der einige Jahre später, 1890, in einem benachbarten galizischen Städtchen geboren wurde und dessen Weg ihn bis auf die Bühne des Deutschen Theaters Max Reinhardts in Berlin führte. In dem autobiographischen Band „Da geht ein Mensch" schildert er, wie ihm mit siebzehn Jahren „Der Pojaz" in die Hände fiel und wie diese Lektüre auf ihn wirkte: „Ich lag da und heulte über das Unrecht, das diesem Menschen widerfahren war". Daraus schöpfte er aber gestalterische Kräfte, die ihn des Pojaz' gescheiterte Träume verwirklichen ließen. Um mit Sender zu sprechen: „Es ist alles auch zum Guten".

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