Der Pilger
und seine Schale.Giorgio Morandi.
Buch von Philippe
Jaccottet (2005, Hanser - Übertragung Elisabeth
Edl und Wolfgang
Matz).
Besprechung von Martin Zingg in der Frankfurter Rundschau, 29.6.2005:
Den Spuren des Pinselstrichs folgen
Der Schriftsteller Philippe Jaccottet meditiert über den Maler Giorgio Morandi
und freut sich über ein Werk, das so rätselhaft ist wie ein Grashalm
"Man muss es auf verschiedenen Wegen
angehen, so naiv wie möglich. (Da einem nichts anderes übrigbleibt.)"
Bescheidener könnte der Schriftsteller Philippe Jaccottet seine Absicht nicht
formulieren, die Absicht nämlich, sich dem Werk des Malers Giorgio Morandi zu nähern:
"Denn es ist ein Rätsel. Das mich um so stärker gefangennimmt, je mehr
Widerstand es mir leistet, wie jenes der Quittenbaumblüten oder der Grashalme
auf den Wiesen."
Von Philippe Jaccottet kennen wir präzise und immer aufmerksam formulierte
Beobachtungen in der Natur, die weit über herkömmliche Naturdichtung
hinausgehen. Er ist ein Chronist der kleinen Veränderungen in der Landschaft,
der unmerklichen Übergänge in allem, was uns umgibt. Seit Jahrzehnten hält er
diese in seinen Gedichten und Prosaskizzen fest. Er berichtet aus einer
unspektakulären Welt, deren Größe und Reichtum erst unter dem luziden Zugriff
des Poeten sichtbar werden kann und die ans Wort gebunden bleibt. Dass er eine Nähe
ausgerechnet zu Giorgio Morandi empfindet, kann nicht erstaunen. Gemeinsam haben
sie eine Vorliebe für das Unscheinbare, vermeintlich Bedeutungslose, das zur
Poesie und zur Bedeutung erst erweckt werden muss. Durch den Pinselstrich, durch
das Wort. - Die "verschiedenen Wege" zu Morandi, die er nacheinander
einschlägt, sind keineswegs naiv, sie führen jedoch entschlossen vorbei an
herkömmlichen kunstkritischen Verfahren und Bestecksortimenten. Jaccottet
notiert etwa äußere Merkmale, knappe Lebensdaten, die "Kraft der
Konzentration" und das mönchische Aussehen, das Morandi mit Alberto
Giacometti gemeinsam hat, mit dem er auch die Strenge und Sprödigkeit des
Werkes teilt. Bei biographischen Fakten hält sich Jaccottet jedoch nicht lange
auf, aufschlussreicher scheint ihm die Lektüre des Malers. Dieser beschäftigte
sich zeitlebens mit Blaise Pascal und Giacomo Leopardi, zwei scharfkantigen,
illusionsarmen Denkern, die bisweilen nicht ohne Düsternis formulierten - sie
werden zitiert in der Gewissheit, dass selbst die bevorzugte Lektüre etwas über
den Leser verrät. Dass diesen eine schwer fassbare Melancholie ein Leben lang
begleitete, ist damit beiläufig auch verraten.
Ohne Vorbilder
Zur Einkreisung gehören auch musikalische
Assoziationen. Morandis Werk, das keine Vorbilder kennt, lässt in seiner
Variationskunst an Johann Sebastian Bach oder Anton Webern denken. Als Jaccottet
sich dann konkreter den Bildern zu nähern beginnt, nimmt er sich zunächst die
Landschaften vor: Sie sind immer ohne Figuren, und wenn sie Häuser zeigen,
haben diese meist blinde Fenster oder sind verschlossen. Sie wirken, notiert der
Betrachter, manchmal so, als läge auf ihnen eine Staubschicht. Ähnlich wie bei
den gemalten Blumen: "Obwohl die Farben mancher Sträuße an der Grenze des
Verblassens sind, befinden wir uns mit ihnen niemals in einer Geisterwelt;
genausowenig im Lieblichen." Und Jaccottet fügt denn auch sogleich hinzu,
dass Morandi beim Malen wohl vor allem an die "Probleme des Malers"
dachte.
Am größten ist die Verwunderung angesichts der Stillleben. Was an ihnen oft so
rätselhaft erscheint, hat auch mit den alltäglichen Gegenständen zu tun, mit
der Alltäglichkeit der Gegenstände - und ist von der Maltechnik nicht zu
trennen. Die Darstellung einer Teekanne, ein Spätwerk, wird in diesem Band zum
trigonometrischen Punkt von Verknüpfungen, die bis hin zu Vermeer und Rothko
reichen. Die aus dem Alltag so vertrauten Gegenstände verwandeln sich durch
Morandis Malweise zu "Denkmälern", später gar zu "etwas wie
Stelen aus Luft". In den späten Gemälden schließlich rücken die Vasen,
Kannen, Dosen und Flaschen immer enger zueinander hin und scheinen irgendwann
beinahe zu verschmelzen: Eine gegenstandslose Malerei, die am Gegenstand
festgemacht wird. Diese "gedämpfte Kunst, diese Kunst des
Fast-Nichts" treibt Jaccottet - paradoxerweise, wie er gleich zugibt -
"zu lautem Beifall". Er beobachtet an diesen "fast
bedeutungslosen Dingen, diesen ständigen Vasen, Kannen und Flaschen" eine
Art Aufstieg, "wenn nicht gar Himmelsfahrt". Morandi bleibt zurück
als einer, der auch angesichts der schrecklichsten Bedrohung weiter meditiert -
"ohne eine Spur von Pose, vor der kleinen Truppe von Gegenständen, die er
unaufhörlich sortiert, zusammen- und auseinanderrückt, verschiebt, fast
unmerklich, aber mit großer Ruhe, wie der Schachspieler".
Genau sein, wenn alles offen ist
Es ist großartig, wie Jaccottet mit wenigen Strichen - mal ausführlicher, mal knapper, gelegentlich zögernd, dann wieder entschieden - das Porträt des Bologneser Malers entwickelt. Seine Befragung des Werks bleibt immer geduldig und vorsichtig. Und sie bleibt genau selbst dort, wo alles offen gelassen wird - ohne dass daraus ein Quellgebiet für Vermutungen entstände.
Seine Vorsicht markiert auch ein kleiner Seufzer
wie dieser: "So viele Sätze bis jetzt, die nichts erklären; vor diesem
Werk, das so geheimnisvoll ist wie ein Grashalm." Am Ende bleibt tatsächlich
ein Staunen, das sich nie in Erklärungen zurückzieht. Jaccottet schlägt
Leserichtungen vor, Blickrichtungen, er schafft einen weiten Hof aus
Assoziationen und Assonanzen - und lässt dabei dem Rätsel von Morandis Werk
seine Rätselhaftigkeit. Als stünde er vor einer Wiese oder einem Quittenbaum.
Und spätestens am Ende dieses schmalen und so reichhaltigen Buches weht auch
ihn, den aufmerksamen Betrachter dieses einzigartigen Morandi, eine Melancholie
an, die so unvergänglich scheint wie ihr Gegenstand.
Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, die das Werk des Westschweizer Autors Jaccottet
- er wird morgen achtzig Jahre alt - schon seit langem begleiten, haben auch
diesmal mit großer Sorgfalt übersetzt. Und wo französische Wendungen
besonders farbig, anschaulich bleiben, haben sie diese stehen lassen und ihnen
die deutsche Variante zur Seite gestellt. Daraus wird ein Abschmecken und
Tasten, das dem ursprünglichen, nun fremden Wort vertraut und mit dem kurzen
Umweg auch jene Suchbewegung aufnimmt, die Jaccottets Text charakterisiert.
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