Der parfümierte Garten von Alfred Gourban, 2004, Edition SeleneDer parfümierte Garten - Ein Handbuch arabischer Liebeskunst.
Nachdichtung von Alfred Goubran (2004, Edition Selene).
Besprechung von Tarek Eltayeb aus Der Standard, Wien vom 24.12.2004:

Sheikh Nefzawi und das verbotene Buch
"Der parfümierte Garten - Ein Handbuch arabischer Liebeskunst" in der deutschen Nachdichtung von Alfred Goubran

Die Herausforderung bei Übersetzung oder Transposition von literarischen Werken ist schon allgemein groß und wird meistens nicht genug geschätzt. Besonders schwierig wird es, wenn ein Buch, das vor etwa siebenhundert Jahren in arabischer Sprache entstanden ist, aus einer englischen Übersetzung transponiert wird, die wiederum aus einer französischen stammt. Hier ist das Risiko hoch, dass unterwegs einiges vom Original verloren geht oder fehlerhaft übertragen wird.

Alfred Goubran nahm diese Herausforderung dennoch an: Er transponierte das Buch Der Parfümierte Garten. Ein Handbuch arabischer Liebeskunst von Sheikh Nefzawi nach der englischen Übersetzung von Sir Richard Francis Bacon, einem bekannten Orientalisten aus dem 19. Jahrhundert, und legt eine dem arabischen Original sehr nahe und sprachlich sehr gut gelungene deutsche Nachdichtung vor.

Sheikh Nefzawi wurde im 13. Jahrhundert in Südtunesien geboren, wirkte als Richter für Heiratsangelegenheiten, widmete sich auch der Religionswissenschaft, Medizin und Philosophie und starb im Jahr 1324. Zur Entstehung des Parfürmierten Gartens schreibt Sheikh Nefzawi, er sei vom Großwesir von Tunis beauftragt worden, sein kleines Buch mit dem Titel "Das Licht der Welt" über die Mysterien der Zeugung zu erweitern und mehr auf die Heilmittel und Arzneien einzugehen, die u.a. gegen Impotenz und Sterilität hilfreich wären. Es sei der Wunsch des Wesirs gewesen "dass das Wissen, welches in diesem Buch versammelt ist, größere Verbreitung finden soll. Nur ein Stumpfsinniger und ein Feind der Erkenntnis würde versuchen, es zu ignorieren oder sich darüber lustig zu machen." Diese Aussage eines Wesirs aus dem 14. Jahrhundert widerspricht ganz den gängigen Vorstellungen des Westens von der islamischen Kultur. Sinnlichkeit und Lust gelten dort als Geschenk Gottes, und auch in der Überlieferung des islamischen Propheten Mohammed finden sich klare Aussagen zur Auslebung der Sexualität, die keinesfalls wie in der christlichen Tradition nur zum Zweck der Fortpflanzung dienen soll und bei der Mann und Frau gleichermaßen Befriedigung finden sollen. Heute jedoch ist das Buch in den meisten arabischen Ländern verboten. In der islamischen Welt der Gegenwart gibt es wenig Offenheit solchen Themen gegenüber, Sexualität und Sexualwissenschaft sind Tabus.

Die erste deutsche Übersetzung des Buches erschien übrigens im Jahre 1905 unter dem Titel Der duftende Garten, wurde später unter den Nationalsozialisten verboten und fiel den Bücherverbrennungen zum Opfer. Dass es auch in Europa nicht so einfach war, offen über Sexualität und Sinnlichkeit zu sprechen, lässt die Tatsache vermuten, dass die erste französische Übersetzung eines im Jahre 1850 aus Algerien von einem General nach Frankreich mitgebrachten Exemplars von diesem in einer Auflage von ganzen 35 Stück herausgebracht und nur in dessen Freundeskreis verteilt wurde. Erst vierzig Jahre später erschien das Buch in größerer Auflage für die breite Öffentlichkeit.

Der Parfümierte Garten stützt sich auf drei Komponenten: Religion, Fiktion und Wissenschaft. Dem Autor liegt es fern, Anarchie und freie Sexualität zu beschwören, sondern er versucht, für ein erfülltes sexuelles Leben einzutreten, ohne dabei religiöse Vorschriften aus den Augen zu verlieren. In einer ausdrucksvollen, stilistisch sehr hoch entwickelten Sprache werden Erotik und Sexualität beschrieben, und dabei wird die Sprache nie vulgär. Es finden sich neben Beschreibungen und Ratschlägen, medizinischen Rezepten und besonders stimulierenden Speisen auch Geschichten und Anekdoten, Verse und Gotteslob.

In vielen Werken über Sexualität oder Erotik wird die Frau auf die Rolle eines bloßen Objekts der männlichen Sexualität und Begierde reduziert. Doch Sheikh Nefzawi sieht die Frau als Partnerin des Mannes. Manchmal könnte man den Eindruck haben, dass der Autor die Frauen sprechen, sie ihre Gefühle und sexuellen Wünsche direkt ausdrücken lässt. Natürlich finden sich auch einige Stellen im Buch, die man kritisieren könnte, aber dieses Werk gehört in jedem Fall zu einer Reihe von Büchern der arabischen Welt, die sich mit dem Thema Sexualität in literarischer Freiheit auseinander setzen, was in der heutigen Zeit in islamischen Ländern nicht möglich wäre. Alfred Goubrans Transposition ist sehr gut gelungen, weil er die Absicht und Haltung des Autors verstanden hat, bei seiner Arbeit nicht in die "Exotikfalle" getappt ist, sondern die poetische, aber auch direkte Sprache des Originals erhalten hat, ohne dabei in eine moderne technische Sprache zu verfallen oder vulgär zu werden.

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