Der Papst und das Mädchen.
Roman von Robert Schneider (2001, Reclam).
Besprechung von Christoph Leitgeb aus Der Standard, Wien vom 27.10.2001:

Die Form einfacher Wahrheiten
Robert Schneiders neue Erzählung "Der Papst und das Mädchen"

Ich - entschuldigen Sie den Tabubruch gleich zu Beginn: Auftritt des Rezensenten - ich also habe vor einiger Zeit im Zug einen Dialog über die STANDARD- Kritiker belauscht. Eine gepflegte Dame aus der Branche sprach von "unerträglicher Präpotenz", "Zynismus" und "verwehter Abstraktheit", ein weniger gepflegter Herr aus der Kulturpolitik, der ihr nicht widersprechen wollte, sogar von "pseudointellektuellen Arschlöchern". Ich war zu unrasiert und zu schüchtern, um mich zu outen. Stattdessen ging ich in mich und begrub ganz leise die Idee, dem ALBUM eine literarische Besprechung von Texten anzubieten, die ich auf Billa-Klopapier gedruckt gefunden hatte: Sätze über die Liebe und Freundschaft von einer, wie mir schien, einfachen Wahrheit, vielleicht ein bisschen so wie in alten Poesiealben. Leider habe ich sie inzwischen alle vergessen.

Um endlich auf den Punkt zu kommen: Ein Satz aus Robert Schneiders neuem Buch Der Papst und das Mädchen hat mich daran erinnert. "Das Furchtbare in der Liebe ist die Hoffnung" steht da auf dem Umschlag, und die Grafikerin hat das "e" im bedeutenderen langen "ie" tiefrot gefärbt. Nun atmet dieser Satz den Schmerz einer Enttäuschung, von der man außerhalb der schönen Literatur vielleicht nicht lesen möchte. Aber das lenkt nur von der Wahrheit des Satzes ab, die er mit jenen vergessenen Klopapier-Sätzen teilt: Diese Wahrheit ist nämlich so unendlich, dass sie unter allen möglichen Verkehrungen des Satzes nicht im Geringsten leidet: "Das Furchtbare im Hass ist die Hoffnung"; "Das Furchtbare in der Liebe ist die Hoffnungslosigkeit"; "Das Wunderbare in der Liebe ist die Hoffnung", "Das Wunderbare im Hass ist die Hoffnung" usw.

In Schneiders Geschichte äußert übrigens Papst Silvester IV. diesen Satz auf dem Umschlag, und er ergänzt, wobei nicht ganz klar ist, ob er die Liebe meint oder die Hoffnung: "Sie bringt den Menschen von sich weg, doch die Erfüllung vollzieht sich in ihm selbst." Der Papst hat - um den Text noch einmal beim Wort zu nehmen - vom "Erfüllungsvollzug" des Katholizismus zum "Erfüllungsvollzug" des Solipsismus resigniert. Aber gerade das soll ihn sympathisch machen und empfänglich für das Treffen mit dem einfachen römischen Mädchen Loredana, das sich im Vatikan verlaufen hat. Loredana verwickelt ihn eben einmal in ein Gespräch über Verlust und Liebe.

So wie die oben ausgesprochene "Wahrheit" in diesem Gespräch mit ihrer Unendlichkeit kokettiert, kokettiert das Gespräch selbst mit der eigenen Einfachheit als "Tiefe": "Ich mache dir einen Vorschlag", sagt zum Beispiel der Papst gleich zu Beginn: "Wir gehen systematisch vor. Wie war noch dein Vorname?" "Was bedeutet systematisch?" "Das bedeutet der Reihe nach." "Dann muss ich zuerst Lulu." Ist es zynisch, auch diese Art der Ironie, Tiefe und Einfachheit nicht zu mögen? Sofort beginnt der Rezensent nach Symptomen zu suchen, durch die alles nur noch als Trick erscheint: Ein Symptom dafür ist zum Beispiel die Brüchigkeit der Perspektive: Denn die Neunjährige, die mit einem Papst so spricht, kann einen Trakt des Vatikan auch altklug so kommentieren: "Alles wirkte privater, gemütlich fast."

Nun ist aber die Naivität Loredanas der Schlüssel für die Machart der Geschichte: Gerade sie lässt Schneiders spezifischen Spagat zwischen dem Alltag und dem Wundersamen so einfach erscheinen. Für die Kinderperspektive muss die "Wahrheit" nicht intellektuell begründet werden, es ist adäquater, sie wie im Märchen oder in der Legende "erscheinen" zu lassen. Der Papst muss dem Mädchen seinen Solipsismus nicht philosophisch erklären. Es genügt, wenn er ihm Geschichten erzählt, in dem er seinen eigenen Schmerz in den Augen anderer als wunderbares Leuchten wahrnimmt. Und wenn der Solipsismus des Papstes von der Geschichte überholt wird, so erscheint auch das "Wunder" des Guten einfach als solches, um dem Buch ein nettes Ende zu geben: Loredana findet schließlich einen "wahren" Vater. Als das Mädchen ihn nervt, verkündet dieser einfühlsam und ernst: "Ich lasse mich nicht hinreißen, dir auch nur mit einem einzigen Wort wehzutun. Aber meine Freiheit werde ich verteidigen." Dann verlässt er die Wohnung, um auswärts in Ruhe zu arbeiten.

Ist auch für Sie die Hoffnung in der Liebe das Furchtbare? Dann wäre es natürlich möglich, dass Sie Robert Schneiders neues Buch bald lesen und lieb gewinnen. Vielleicht fahren Sie demnächst Zug und ertappen einen unrasierten Kritiker des STANDARD dabei, wie er diese Rezension vor sich hinlegt und widerlich schmunzelt. Bitte seien Sie nicht zu schüchtern, sich zu outen. Vielleicht lassen Sie sich doch noch überzeugen, durch eine kleine Sammlung von Stilblüten aus diesem Buch nach dem Muster: "Er verfügte sich umgehend ins Kinderzimmer." Oder wir können wenigstens darin übereinstimmen, dass eine Diskussion über die Form einfacher Wahrheiten wichtig ist. Ich wäre Ihnen aber auch nicht böse, wenn Sie sich nicht die Mühe machen und einfach das Abteil wechseln würden.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.derstandard.at]

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