1.) - 2.)
Der
neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise.
Roman von Oleg Jurjew
(2003, Suhrkamp - aus
dem Russischen von Elke Erb
und Olga Martynova).
Besprechung von Sabine Baumann aus Jüdische
Allgemeine:
Rendezvous in
Judenschlucht
Oleg Jurjews geschichtsphilosophische Groteske „Der neue Golem“
Seine Markenzeichen sind der Vollbart, die dichten Locken und ein Hut á la Humphrey Bogart. Alle drei seien nur der Bequemlichkeit geschuldet, weil er sich ebensowenig gern kämme wie sich täglich zu rasieren, grinst Oleg Jurjew. Der Hang zur Selbstironie ist typisch für den russisch-jüdischen Essayisten, Theater- und Romanautor, der 1991 nach einer Lesereise in Berlin zufällig in Deutschland „steckengeblieben“ ist. Zum Schreiben war der Sohn einer Englischdozentin und eines Violinisten über den Umweg einer technischen Ausbildung gekommen, die er absolvierte, um dem Militärdienst in der Sowjetarmee zu entgehen. Sein Wunschstudium der Literatur blieb ihm verschlossen: Als Jude hatte man in den geisteswissenschaftlichen Fächern zu dieser Zeit kaum Chancen. So bildete Jurjew sich autodidaktisch zum Schriftsteller weiter, immerhin so gut, daß er freiberuflich davon leben konnte. Und das, obwohl er sich damit am Rand der Illegalität bewegte. In der Sowjetunion durfte man nur als Autor arbeiten, wenn man Mitglied im staatlichen Schriftstellerverband war; Jurjew gehörte der Organisation nicht an. Eine „offizielle“ Schriftstellerin half ihm, indem sie ihn auf dem Papier als Privatsekretär anstellte.
Heute lebt Oleg Jurjew mit seiner Frau, der
Lyrikerin und Mitübersetzerin seines neuen Buches Olga
Martynova, sowie seinem
Sohn Daniel in Frankfurt am Main. Aus den Archiven und vergessenen Legenden über
das jüdische Ghetto dieser Stadt hat er 1996 seinen ersten, „sechseckigen“
Roman, Der Frankfurter Stier, ausgegraben. Auch in seinem neuen, bei
Suhrkamp erschienen Buch Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise
schickt er wieder einen Erzähler in die Archive, diesmal nicht Frankfurts,
sondern Hollywoods. Marilyn Monroe und Charles Bronson treten auf; die blonde
Sexbombe als jüdisches Opfer einer imperialen Verschwörung, der kürzlich
verstorbene schnurrbärtige, schlitzäugige Western- und Actionheld als fiktiver
Abkömmling der Karäer, einer jüdischen Sekte, die den Talmud ablehnt und
ausschließlich nach der Tora lebt. Auf der Krim beheimatet, wurden die Karäer
von den Nazis als Turkvolk und damit als „Arier“ eingestuft und entgingen so
der Vernichtung. All den Verwicklungen ihrer Schicksale, dem der Karäer, des
Film-Rauhbeins und der Diva, spürt Jurjews neuer Roman nach, der in Rußland,
Amerika sowie in dem fiktiven Ort „Judenschlucht“ an der
deutsch-tschechischen Grenze spielt. Um die Erlebnisse seines Helden herum,
eines Schriftstellers, der sich als Frau verkleidet, um ein Forschungsstipendium
zu bekommen, vermischt der Roman autobiographische Elemente, eine
Kriminalgeschichte, Phänomene der Populärkultur, historische Forschungen,
polemische Thesen zur Weltgeschichte sowie nicht zuletzt eine lustvoll
metaphysische Liebesgeschichte.
Der neue Golem ist Jurjews fünftes Buch auf Deutsch. Und so hat er
nichts dagegen, als russisch-jüdisch-deutscher Schriftsteller bezeichnet zu
werden. Dieser Begriff kombiniert sein Geburtsland, seine Abstammung und seinen
jetzigen Wohnsitz: Er arbeitet mit der russischen Sprache, jüdischen Motiven
und seinen Erfahrungen in Deutschland.
Jurjews neuer Roman, wie schon seine vorhergehenden Bücher, hat auch eine
politische Dimension. Die Geschichtsbilder und mythischen Muster der europäischen
Kultur sind bei ihm ein Dauerthema. Der neue Golem handelt auch von den
imperialen Projekten Amerikas und Europas, die im zweiten Teil des Buchtitels, Der
Krieg der Kinder und Greise, angesprochen sind. Durch die grundlegende Veränderung
der Weltordnung, die wir alle noch gar nicht begriffen hätten und die
insbesondere die Europäer nicht oder erst im Nachhinein beim Namen nennen
wollten, seien die Neunziger Jahre „unsichtbar“ gewesen, sagt Jurjew.
Deshalb wolle er „dieses Jahrzehnt plastisch sichtbar machen“. Das
erfordere, politische Klischees in poetische Bilder umzuformen. Das tut Jurjew,
indem er diese politischen Stereotype verdoppelt und verzerrt, sie schief stellt
oder sie mit den Mitteln der klassischen Moderne und der Travestie
aufeinanderprallen läßt.
Ein solch abgründiges Vexierbild, mit dem Jurjew jongliert, ist eben der Golem
des Titels, jener Klumpen Ton, dem nach der Legende der Prager Rabbi Löw mit
einer geheimnisvollen Formel den Atem Gottes einhauchte. Eigentlich, sagt Jurjew,
sind in seinem Roman sehr viele Golems unterwegs. Beispielsweise die beiden
Goldsteins, der als Frau verkleidete Ich-Erzähler und sein amerikanischer
Counterpart, die als Abwandlungen des Ewigen Juden schon durch Jurjews frühere
Romane spukten. „Ich wollte zeigen, wie sich das jüdische Sinnbild des Golems
in der heutigen Welt verflüchtigt hat, wie er benutzt oder auch für
verschiedene Zwecke mißbraucht wurde. Denn der Golem war ja eigentlich als
Beschützer gedacht und wurde von Rabbi Löw zerstört, weil er dachte, der
Mensch könne den Golem für triviale Zwecke mißbrauchen, und nicht umgekehrt.
Erst danach wurde er zum Inbegriff des Bedrohlichen in der Art und Weise, wie
die christliche Kultur jüdische Sinnbilder stets verarbeitet hat.“ Heute sei
der Golem zum Inbegriff der Künstlichkeit, insbesondere der künstlichen
Intelligenz, umgedeutet worden, was auch nicht im Kern der Legende liege. „Es
geht darin nicht um Intelligenz, es geht um die mystische Verbundenheit des
Menschen, in diesem Fall eines jüdischen Rabbi, mit Gott. Und das ist auch die
Geschichte der Juden in Europa, die ebenso wie das Stückchen Ton in meinem
Roman immer wieder verteilt wurden und an verschiedene Orte geraten sind.
Dadurch hat sich die jüdische Kultur mit ihrem eigenen Selbstverständnis in
Europa durch Anpassung und Desakralisierung verflüchtigt.“
Das klingt tiefsinnig, philosophisch fast. Aber Jurjew ist kein Meisterdenker,
sondern ein Romancier, der den Leser gern mit den polemischen Ansichten seines
unzuverlässigen Ich-Erzählers verwirrt und provoziert. Etwa mit seiner halb
scherzhaften, halb ernsten These über die russische Identität: Weil die Russen
ein literaturzentriertes Volk seien, sei durch die Diskrepanz zwischen den
literarischen Darstellungen der russischen Mentalität und ihrer Wirklichkeit
einen Stich ins Schizophrene. Dem würden auch jene Ausländer nicht entgehen,
die sich über die Literatur ein Bild von Rußland machen wollen.
So blickt Oleg Jurjew, fest verankert in seinen jüdisch-russischen Wurzeln,
selbstbewußt über den Tellerrand in die Weltgeschichte und erkennt mit
Sprachwitz, brodelnder Phantasie und hochgebildetem Scharfsinn in ihren
verworrenen, bedrohlichen Mustern changierende, verstörende und belustigende
Gesichter. Auch der Leser, hat er sie mit Jurjews Hilfe einmal gesehen, wird sie
so schnell nicht vergessen.
[...diese Rezension wurde der Jüdischen Allgemeinen entnommen, der Wochenzeitung für Politik, Kultur, Religion und jüdisches Leben. Das Buch kann im Leo Baeck Bookshop, der größten Online-Buchhandlung für jüdische Literatur, bestellt werden]
Leseprobe I Buchbestellung 1203 LYRIKwelt © Jüdische Wochenzeitung
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2.)
Der
neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise.
Roman von Oleg Jurjew
(2003, Suhrkamp - aus
dem Russischen von Elke Erb
und Olga Martynova).
Besprechung von Jörg
Plath aus der Frankfurter
Rundschau, 10.03.2004:
Einen "sechseckigen Roman" aus Erzählungen hat der 1959 in Leningrad geborene Schriftsteller Oleg Jurjew vorgelegt, danach einen Kleinen kaleidoskopischen Roman, wiederum aus Erzählungen, und dazwischen einen, der wie ein typischer Roman aussah - bis man die Hälfte gelesen hatte und auf eine Seite stieß, die auf dem Kopf stand. Man hätte sich von der erstaunlichen Gattungsbezeichnung "Romanamoja" warnen lassen sollen. Jurjews neues Buch sieht etwas konventioneller aus. Ein herkömmlicher Roman ist es aber wieder nicht, sondern ein "Roman in fünf Satiren", der über immerhin drei Einführungen verfügt, die zwischen den sechs- oder siebenteiligen Satiren eingerückt sind. Daher bietet schon das zweiseitige Inhaltsverzeichnis von Der neue Golem oder Der Krieg der Kinder und Greise einen anspruchsvoll zerklüfteten Anblick.
GrenzüberschreitungenJuri Goldstein, ein Dramatiker und Erzähler aus
Petersburg, erhält Anfang der 90er Jahre ein einjähriges Stipendium aus
Deutschland für einen "historischen Forschungsroman" über die
Versuche einer SS-Sondergruppe, einen Golem als Geheimwaffe zu erzeugen. Da es
sich um einen Frauenquotenplatz handelt, rasiert sich Juri die Beine und zieht
als July in den Kulturbunker von Judenschlucht ein, einem Ort im Erzgebirge, der
bis 1989 geteilt war in einen deutsch-demokratischen, einen
bundesrepublikanischen und einen tschechoslowakischen Teil.
Das vereinte Judenschlucht ist ein idealer Ort für Grenzüberschreitungen jeder
Art: Der zweite Forschungstransvestit in Judenschlucht neben July Goldstein trägt
den Namen Julien Goldstein, heißt aber eigentlich Julie. Die Amerikanerin tritt
für die Überwindung der Geschlechter-, Rassen- und Glaubensgrenzen ein und
daher notwendig als Mann auf. Dann erwartet Judenschlucht den Besuch von Gaius
Julius Imperator, dem Präsidenten der Vereinigten Staaten, und in das Imperium
der Gegenwart muss July Goldstein auf der Suche nach einem Stückchen Golem-Ton
ebenso reisen wie nach Petersburg, gelegen in der zerfallenden "Skythoparthischen
Union".
Greifbarer als die Golem-Legende scheint eine Variante der
nationalsozialistischen Werwolf-Legende: In einem Judenschluchter Bergwerk
sollen seit 1945 Menschen leben, die hin und wieder Juden und solche, die sie
dafür halten, von der Erdoberfläche verschwinden lassen. Immerhin fehlen
bereits zwei verdiente Künstler. Handelt es sich bei den Unterweltlern um
"verwilderte SS-Greise, rumänische Kunstwissenschaftler mit Dietrich, gehässige
Erzgebirgs-Gnome"? Oder sind es Nachfahren der Chasaren, eines Stammes, der
zum Judentum konvertierte, im 7. Jahrhundert in Böhmen einfiel und deren Kinder
und Greise sich jeweils im Sommer, wenn die arbeitenden Männer monatelang
abwesend waren, nach Kräften umbrachten? Genaueren Aufschluss könnte
Goldsteins zweites Romanvorhaben Der Krieg der Kinder und Greise geben,
das dem Golem-Projekt den Vortritt lassen musste, aber offenbar keine Ruhe gibt.
Sind das Satiren? Viel eher handelt es sich um eine Sammlung von Bizarrerien, in
denen der ideologische Abraum der letzten Jahrhunderte ein letztes Mal irre
aufflackert. Der neue Golem ist ein einziger höhnischer Abgesang auf den
Scherbenhaufen Geschichte, und Oleg Jurjew macht sich eine Freude aus ihrer
Zweitverwertung in der Literatur. Das Kaleidoskop, das im Untertitel eines
seiner Romane auftaucht, scheint er beständig zu drehen, nur um die neu
entstandenen Bilder sofort und einprägsam zu besprechen. So bersten seine Bücher
vor verrückten Ideen und erlesenen Sätzen, eine Handlung aber gibt es kaum.
Unumschränkt herrscht in ihnen die anarchische Kombinationslust des Autors über
Figuren und Plots. An literarischen Anspielungen fehlt es nicht, und nicht alle
sind so offensichtlich wie der Golem, "Hermann und Dorothejewa" oder
"Hausmeister und Hausmargerita".
Mietbare Mäuse
Der neue Golem ist im Vergleich mit Jurjews bisherigen Büchern eine außerordentlich
leicht zugängliche und vergnügliche Lektüre. Allerdings droht die stets
hochtourig drehende Maschinerie zuweilen leer zu laufen, wenn auf dem
Verschiebebahnhof der Assoziationen und Anspielungen allzu stark rangiert wird
oder manche hübsch-absurde Idee mehrmals strapaziert wird - wie etwa die
mietbaren Mäuse, die die Brüste der Prostituierten im Grenzland in
rotierend-animierende Bewegung versetzen. Dafür entschädigen Rätsel wie jenes
von der Witwe-Goddes-Stiftung in New York, in deren Altersheim einer der überlebenden
SS-Männer sein Gnadenbrot genießt. Witwe-Goddes-Stiftung? Das klingt jiddisch,
ist aber viel wahrscheinlicher hessisch - und eine Hommage des Autors an seinen
gegenwärtigen Wohnort Frankfurt am Main. Auf jeden Fall aber ist es ein
meckerndes Gelächter gen Himmel.
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