Der Nazi und der Friseur von Edgar Hilsenrath, 2004, Dittrich1.) - 2.)

Der Nazi und der Friseur.
Roman von Edgar Hilsenrath (2004, Dittrich Verlag, hrsg. von Helmut Braun).
Besprechung von
Cornelia Staudacher in Die Zeit, 9.12.2004:

Der kleine König
Eine Wiederbegegnung mit Edgar Hilsenrath und seinem grausig-grotesken Roman »Der Nazi und der Friseur«

Erhaben, wie ein kleiner, stolzer König vor seinem Volk – so sitzt Edgar Hilsenrath vor dem zahlreich erschienenen Publikum in Wolff’s Bücherei in Berlin-Friedenau, einem der Orte, wo seine literarische Karriere in den siebziger Jahren begann. Vorgestellt wird sein bekanntester Roman, Der Nazi und der Friseur, die grausig-groteske Schelmengeschichte des Max Schulz, arisch, Sohn der Minna Schulz, der aus Angst vor Verfolgung nach dem Krieg die Identität seines von den Nazis umgebrachten Schulfreundes Itzig Finkelstein annimmt. Beschnitten und mit KZ-Tätowierung am Unterarm, ergaunert er auf dem Schwarzmarkt dank des im KZ erbeuteten Sacks voll Goldzähnen das Geld, mit dessen Hilfe er nach Palästina auswandert, wo er im Untergrund gegen die Engländer kämpft und sich als Friseur eine neue Existenz aufbaut.

Der Verleger Volker Dittrich, der jetzt den Roman als dritten Band einer Werkausgabe veröffentlicht hat, liest einige Szenen: den derb-deftigen Anfang, in dem die Mutter von Max vorgestellt wird, eine neuzeitliche Marketenderin – mindestens sieben Männer kommen als Vater von Max in Betracht –, und eine der Schlüsselszenen im ersten Drittel des Romans, in der Maxens Transformation vom unschuldigen Knaben zum späteren NS-Schergen beginnt.

Während sein Verleger liest, schaut der Dichter aufmerksam in die Gesichter der ihm gegenübersitzenden Zuhörer. Er hat noch immer die hellwachen, zugleich verschmitzt und skeptisch blickenden Augen. Die Konzentration der Zuhörer registriert er mit Genugtuung. Aber glimmt da nicht auch Schalk auf, ein verstecktes Schmunzeln in Erwartung des einen oder anderen Zeichens der Empörung? Edgar Hilsenrath ist es gewohnt, wegen seines spöttischen, makabren Umgangs mit jüdischen Schicksalen verkannt, angegriffen oder auch ignoriert zu werden. Er provoziert und bricht Tabus mit der Miene des unschuldigen Knaben. Pathos, gar Belehrung oder Indoktrination liegen ihm fern. Die Klarheit, die Lakonie und Direktheit seiner Sprache sind für jedermann verständlich, der verstehen will. Das Spektrum seiner Ausdrucksmöglichkeiten reicht von sanfter Zärtlichkeit über burleske Drastik bis zum schwärzesten Humor. Er polarisiert, weckt Emotionen und regt zum Nachdenken an, indem er den Leser in eine heilsame Ambivalenz stürzt: Er evoziert ein Lachen, das in der Kehle stecken bleibt, und gleichzeitig berstend herausbrechen will.

Die Editionsgeschichte des Romans ist symptomatisch für das geistige Klima der Bundesrepublik und liefert einen Beweis für die bis weit in die achtziger Jahre bestehenden Berührungsängste. Das Ende der sechziger Jahre geschriebene Buch erschien 1971 zunächst in englischer Sprache im amerikanischen Verlag Doubleday, dann in Italien, England und Frankreich. In Deutschland wurde er von 25 Verlagen abgelehnt. Hilsenrath, der seit 1951 nach ruheloser Odyssee in New York gelebt hatte, war inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt und ließ sich in Berlin nieder. Über KP Herbach, den in diesem Jahr verstorbenen Gründer des Buchhändlerkellers und tatkräftigen Mentor für Berliner Schriftsteller, lernte er Helmut Braun kennen, der den Roman 1977 in seinem Verlag herausbrachte. Wegen des Erfolges – drei Auflagen von je zehntausend Stück waren schnell vergriffen – publizierte der Verlag den ersten Roman: Nacht, ein autobiografischer Bericht aus dem KZ (Hilsenrath war von 1941 bis 1945 im ukrainischen Ghetto Mogilev-Podolski inhaftiert), geschrieben in den frühen New Yorker Jahren. Er war 1964 bei Kindler herausgekommen und trotz positiver Kritiken nach kurzer Zeit zurückgezogen worden – mit der Begründung, dass »unter der bundesdeutschen Bevölkerung ein verkappt antisemitischer Trend« bestehe. Der Literarische Verlag Braun musste schließlich Konkurs anmelden. Hilsenrath hält Nacht neben dem Märchen vom letzten Gedanken, für den er 1989 den Alfred-Döblin-Preis erhielt, für seinen besten Roman.

Grausamkeit und Zärtlichkeit, abstruser Witz und blutiger Ernst

Vor 25 Jahren, als Edgar Hilsenrath zum ersten Mal in Wolff’s Bücherei aus Der Nazi und der Friseur gelesen hatte, waren am nächsten Morgen die Schaufensterscheiben des Ladens mit Hakenkreuzen beschmiert. Trotz oder vielleicht gerade wegen solcher Ereignisse ist Edgar Hilsenrath in Deutschland geblieben und hat weiter gegen das Vergessen angeschrieben. Ob es sich um autobiografisch inspirierte Romane wie die Geständnisse des arbeitslosen, im New York der fünfziger Jahre herumstreunenden Bronsky (Fuck America) oder die Aufarbeitung der Erfahrungen des Schriftstellers in der Bundesrepublik (Zibulsky oder Antenne im Bauch) handelt, um die Aufzeichnungen der Leidensgeschichte des armenischen Volkes (Das Märchen vom letzten Gedanken) oder um den tragischen, bisweilen auch burlesken Lebenskampf der bukowinischen Juden des Schtetls Pohodna, aufgezeichnet von einem von ihnen (Jossel Wassermanns Heimkehr) – Hilsenrath verbindet Grausamkeit und Zärtlichkeit, abstrusen Witz und blutigen Ernst, Liebe und Hass, Horror und Lebensfreude in literarischen Meisterwerken, die von beunruhigender Aktualität sind. Für sein Gesamtwerk wurde der Dichter in diesem Jahr mit dem Lion-Feuchtwanger-Preis der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Künste gekrönt. Das, so sagt er, habe ihn erstaunt und erfülle ihn mit Stolz. Zwei Schlaganfälle und der plötzliche Tod seiner Frau Marianne im Januar dieses Jahres haben ihn, der in zwei Jahren achtzig wird, gebrechlich gemacht, aber mit Widerstandskraft und Lebenswillen trotzt er Alter und Krankheit.

Heinrich Böll schrieb 1977 in seiner Rezension von Der Nazi und der Friseur in der ZEIT: »Schweigen wir von Hitler, den man mal eine Weile vergessen sollte, um sich der Nazis erinnern zu können.« Auf heute bezogen, hieße das, auch und nicht zuletzt für junge Menschen: Vergesst das melodramatische Machwerk Der Untergang und lest stattdessen Der Nazi und der Friseur.

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Der Nazi und der Friseur von Edgar Hilsenrath, 2004, Dittrich2.)

Der Nazi und der Friseur.
Roman von Edgar Hilsenrath (2004, Dittrich Verlag, hrsg. von Helmut Braun).
Besprechung von Francis Pierquin, Frankreich, 04/2006:

Ite missa est? Von wegen!

Bis zum Sommer 1945 ist das Leben des Max Schulz kein außergewöhnliches. 1907 in der schlesischen Stadt Wieshalle "als unehelicher, wenn auch rein arischer Sohn der Minna Schulz" geboren, tritt er zu denselben Zeiten wie sein Stiefvater Anton Slavitzki in die SA ein, bevor er - diesmal als SS-Mann - den Polenfeldzug mitmacht, in der Einsatzgruppe D in der Ukraine jede Menge Juden erschießt und anschließend sein massenmörderisches Handwerk in einem auf polnischem Boden liegenden Konzentrationslager fortsetzt.
Bei Kriegsende versteckt er sich bei der polnischen Bäuerin Veronja, bevor es ihm gelingt, sich in eben jenem Sommer 1945 wieder nach Deutschland durchzuschlagen. Hier brennt ihm aber weiterhin der Boden unter den Füßen, steht doch sein Name auf der Liste der meistgesuchten Massenmörder des Dritten Reiches. Anstatt in seinen ehemaligen Friseurberuf wieder einzusteigen, trägt er sich also mit dem Gedanken, sich nach Südamerika abzusetzen - bis ihm Besseres einfällt: "Seit Monaten denk' ich darüber nach, wie ich am besten untertauchen soll ... und je mehr ich nachdenke, desto öfter sag' ich zu mir: 'Max Schulz! Wenn es ein zweites Leben für dich gibt, dann solltest du es als Jude leben!".
So aberwitzig ist dieser Gedanke nicht, denn in der Vorkriegszeit war der gleichaltrige Jude Itzig Finkelstein Max Schulz’ engster Kindheits- und Jugendgefährte gewesen: "Und mit den Finkelsteins ging ich oft in die Synagoge. Und am Sabbat Abend, da saß ich mit ihnen am Tisch. Und auch am Passahfest. Und vielen anderen jüdischen Feiertagen. Und ich kann beten wie ein Jude. Und vieles andre, was Juden können". Hinzu kommt, dass Max und Itzig beide das Friseurhandwerk im Salon von Itzigs Vater, Chaim Finkelstein, erlernt hatten; dieser Umstand würde den Identitätswechsel perfekt machen. Dass der echte Itzig Finkelstein wieder auftauchen und den Schwindel aufdecken würde, war außerdem ausgeschlossen: Mitsamt den Seinen war er nämlich unter Max Schulz' Augen - wenn nicht gar von seiner Hand - in eben dem Konzentrationslager ermordet worden, in dem er, Max Schulz, sein Unwesen trieb.
Also lässt sich Max Schulz im zerstörten Berlin eine KZ-Häftlingsnummer eintätowieren, durch einen bereitwilligen Arzt die Vorhaut entfernen, durch eine Prüfungskommission als Juden anerkennen sowie neue, auf Itzig Finkelstein lautende Papiere ausstellen. Und vom Grundgedanken getrieben: "In der Höhle des Löwen wird dich niemand suchen", schifft er sich an Bord der "Exitus" nach Palästina ein, wo er am 14. Juni 1947 an Land geht.
Hier kommt er erst einmal in einem Kibbuz unter, bevor er in Beth David bei Schmuel Schmulevitch eine Anstellung als Friseur findet. Wie selbstverständlich nimmt er an den kriegerischen Auseinandersetzungen zunächst gegen die Engländer, später, nach Gründung des Staates Israel, gegen die feindseligen arabischen Armeen teil. Und bereits im September 1947 heiratet er Mira, die "im ukrainischen Städtchen Wapnarja-Podolsk" ein Massaker überlebt hat, an dem er möglicherweise selbst beteiligt war.
Als Schmuel Schmulevitch 1953 stirbt, wird Max Schulz dessen erfolgreicher Nachfolger. Alles in allem führt er also das Leben eines typischen, nahezu mustergültigen Neueinwanderers. Einmal unerkannt, für immer unerkannt? Doch nicht ganz, denn unter der Last seines Gewissens gibt er sich nach dem Sechs-Tage-Krieg, nunmehr über 60 Jahre alt, dem ebenfalls betagten, ehemaligen Amtsgerichtsrat Wolfgang Richter zu erkennen. Der ihm aber nicht so recht glaubt und dessen Geständnis als Spielerei bzw. Spinnerei abtut. Und der ihn - angenommen, er hätte es mit dem echten Max Schulz zu tun - auch noch freispricht, weil sich für dessen Taten bzw. Untaten keine angemessene Sühne bzw. Strafe finden lässt. So dass am Ende Max Schulz' unerlöster Seele, als er einen Herzinfarkt erleidet und nicht einmal das verpflanzte Herz eines Rabbiners ihm helfen kann, nichts anderes übrigbleibt, als ins Unbestimmte zu entschweben. Wohin? "Irgendwohin. Dorthin!"
Dies die beiden Schlussworte des Romans.

Die Geschichte eines Nazimörders, der sich bis zur Unkenntlichkeit in einen Juden und israelischen Staatsbürger verwandelt, mutet als Groteske an und wird konsequenterweise auch mit den literarischen Mitteln einer Groteske ausgeführt. Und dennoch: Sie entbehrt nicht der reellen Grundlage, hat es doch tatsächlich solche Fälle wie den des Max Schulz gegeben, beispielsweise den des Gestapo-Mannes Erich Hohn, der nach dem Krieg die Identität des Julius Israel Holm angenommen und sogar versucht hatte, Vizepräsident der Bamberger Vereinigung von Überlebenden des Naziregimes zu werden. Als der Schwindel aufflog, wurde Erich Hohn zu einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt (The Jewish Echo vom 8. Oktober 1948). Indes sind es nicht solche Schwindeleien allein, die dem Autor zu schaffen machten, sondern auch der Zeitgeist der Nachkriegsjahre, der ausgesprochen philosemitisch war - und somit, über alles Paradoxe hinweg, reichlich heuchlerisch. Bei allen möglichen Anlässen wurde den Juden nach der Shoah von offizieller Seite wärmste Sympathie bekundet, wobei allzu offenkundig war, dass sich die Judenfeindlichkeit mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht schlagartig und wie durch ein Wunder in Nichts aufgelöst hatte.
Vor lauter nachträglicher, versöhnlicher Sinngebung drohte die Shoah sogar zu einem ordentlich verarbeiteten Ereignis herabgestuft und somit mit ziemlicher Bequemlichkeit ad acta gelegt zu werden. Nicht jedoch für Edgar Hilsenrath, für den ausgerechnet das Erklärenwollen solches letztlich unerklärlichen Mordwerkes das eigentlich Groteske darstellt. Denn, um mit Max Schulz zu reden: "Ich, Itzig Finkelstein, damals noch Max Schulz, habe die Juden nie gehasst. Warum ich euch nicht gehasst habe? Ich weiß es nicht (...) Warum ich getötet habe? Ich weiß nicht warum". Und hier spricht er wahr. Besteht angesichts solcher Abgründe das Groteske also nicht eben darin, den Judenmord auf ein paar voller Mitleid triefende Erklärungen reduzieren zu wollen? Auf solch groteskes Ansinnen einer erstarrten Sinnlegung reagierte Edgar Hilsenrath mit der literarischen, atemberaubenden Groteske namens "Der Nazi & der Friseur". Zwar hatte in seiner Not gut zehn Jahre früher etwa ein Soma Morgenstern sich nicht anders zu helfen gewusst, als im außergewöhnlichen Roman "Die Blutsäule" die Shoah als "die Leiden von der Geburt der Erlösung" zu deuten. Nicht so jedoch Edgar Hilsenrath. Ihm, dem Überlebenden eines transnistrischen Lagers, musste jede Festlegung fragwürdig erscheinen. Unfassbar bleibt unfassbar. Dass er es jedoch auch anders kann - nämlich auf realistische Art und Weise -, hatte er bereits mit seinem Debütroman "Nacht" unter Beweis gestellt. Und der liest sich nicht minder spannend.

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