Der nächtliche Lehrer von Klaus Böldl, 2010, S. Fischer1.) - 2.)

Der nächtliche Lehrer.
Roman von Klaus Böldl (2010, S. Fischer).
Besprechung von Peter Henning in in Die Zeit vom 17.10.2005:

Skandinavisch einsame Sonderlinge
Wer Augen fürs Erhabene der Natur hat, wird in Klaus Böldls Prosa sein Glück finden. Sein Roman "Der nächtliche Lehrer" ist eine ergreifende Meditation über die Trauer.

Begonnen hat alles mit einer Interrailreise nach Skandinavien, Ende der siebziger Jahre. "Ich habe damals spontan begonnen, mich für die Sprache zu interessieren", sagt Klaus Böldl, "und als ich anschließend feststellte, dass man die skandinavischen Literaturen studieren konnte, war ich im Norden angekommen. Die Verbindung dahin ist nie mehr abgerissen". Inzwischen lehrt der 1964 in Passau geborene Schriftsteller und Autor von insgesamt fünf Büchern mittelalterliche skandinavische Literatur an der Universität Kiel.

"Warum mein Leben anders vor sich geht und auch schon vor Abisko vor sich ging, kann ich nicht erklären", sagt Harald Behringer, der Protagonist in Böldls vor zehn Jahren erschienener langer Erzählung Südlich von Abisko – und umriss damit stellvertretend jenes auch für alle nachfolgenden Böldl-Geschöpfe geltende existenzielle Grundgefühl eines in der Welt Verlorenseins, das sie allesamt umtreibt. Johannes Grahn, den deutschen mittleren Alters, der in Böldls viel gepriesenem Debüt Studie in Kristallbildung (1997) in ein kleines Dorf in Grönland flieht, um sein bisheriges Leben hinter sich zu lassen, ebenso wie Behringer, der in der Weite Lapplands, in Abisko, das Vergessen sucht. Oder auch Lennart, den Protagonisten in Böldls soeben erschienenem zweiten Roman Der nächtliche Lehrer, der kurzerhand eine schwedische Kleinstadt zum Mittelpunkt seines Daseins macht.

Sie alle sind kleinlaute Zuschauer des Lebens, Randerscheinungen und scheinbar verdruckste Sonderlinge, die leichten Herzens von sich sagen können: "Wir haben Zeit. Ein paar hundert Jahre spielen in unseren Augen keine Rolle." Und alle sind sie geradezu magisch angezogen von der Weite und befreienden Klarheit des Nordens. Denn ob nach Lappland, Grönland oder ins großstadtferne Abseits der schwedischen Provinz: Stets schickt Klaus Böldl seine Geschöpfe an den nördlichen Rand des Welt, dorthin, wo die Abgeschiedenheit seinen Weltvergessern die Möglichkeit der sukzessiven Selbstauflösung verspricht.

Klaus Böldl, und dies illustriert einmal mehr auch sein neuer, magisch-schwebender und von einer großen sprachlichen Genauigkeit gekennzeichneter Roman, ist eine besondere Erscheinung innerhalb der neueren deutschsprachigen Literatur. Denn wo andere trendgläubig ihre Bücher nach den Themen des Tages ausrichten, dort folgt dieser Schriftsteller seit Jahren unbeirrt seinem minimalistischen epischen Programm: einem zwischen der "zärtlichen Gleichgültigkeit" eines Albert Camus und dem "sanften Gesetz" Adalbert Stifters oszillierenden Erzählen, das einem Beschwören und Aufladen der ins Visier seiner Sprache genommenen kleinen Dinge gleichkommt.

Der nächtliche Lehrer zelebriert – Adalbert Stifter folgend – "die Schilderung der sanften Gesetzmäßigkeit des natürlichen Lebens". Er tut es am Beispiel des Großstadtflüchtlings Lennart, der, aus Stockholm kommend, in die schwedische Provinz, in das fiktive Städtchen Sandvika, übersiedelt, wo er seine Schüler unterrichtet – und sich in seinen Beobachtungen verliert. Dann trifft er auf die Bibliothekarin Elisabeth, beginnt mit ihr eine Beziehung und heiratet sie. Doch als die von ihm schwangere Frau wenig später bei einem Unfall an einem Bahnübergang stirbt, wird Lennart endgültig zum Einzelgänger. Als stiller, zurückgezogener Betrachter des Lebens irrlichtert er durch seine letzten Schuljahre. Bis man ihn pensioniert, und er nachts wiederholt dabei beobachtet wird, wie er in seinem ehemaligen hell erleuchteten Klassenzimmer steht – und ruhelos auf und ab geht. Ein Gespenst mit menschlichem Antlitz, zärtlich und gleichgültig zugleich.

So hat es in der Tat den Anschein, als schreibe Böldl, dieser Stifter’sche Gesell’, seit Jahren an dem einen immer gleichen Buch: einer Geschichte der Auflösung, an deren Ende die Natur über den Menschen triumphiert. Von Grönland herkommend, bis in die Gegenwart der schwedischen Provinz. "Dass ich mit meinen stillen Büchern leicht überhört oder übersehen werden kann, ist mir klar!", sagt Böldl. Er habe sich immer um Genauigkeit im Erzählen bemüht, sagt er, und "ich hoffe, dass man da die stattgefundene Entwicklung sieht. Von meinem Schreibgefühl her aber hat sich seit meinen Anfängen mit der Studie für Kristallbildung nicht wirklich etwas verändert".

Es lässt sich feststellen: eine sogenannte "große" Geschichte im herkömmlichen Sinne hat Klaus Böldl mit seinem neuen, kühl flirrenden Roman abermals nicht zu bieten. Zum Glück! Und auch keinen Helden, der uns mittels seiner so oder so gearteten Triumphe glauben machen könnte, dass es mit allem zum Besten bestellt ist.

Wer Augen und Ohren hat für das Leise, scheinbar Nebensächliche und Erhabene der Natur, der wird in Böldls Geschichten sein Glück finden. Denn man muss schon weiter zurückgehen in der jüngeren Historie deutschsprachiger Literatur, womöglich bis zu Peter Handkes Lehre der Sainte-Victoire aus dem Jahr 1980, um etwas ähnlich Exquisites, Eigensinniges zu finden; eine ergreifende Meditation über Sehnsucht und Trauer, Erinnerung und Vergessen, in der sich Naturbilder finden, wie man sie so seit den großartigen Erzählungen von Johannes Moy nicht mehr gelesen hat.

"Wenn man wie ich länger nichts publiziert hat, hat man plötzlich das Gefühl, wieder zu debütieren, weil alle einen vergessen haben", sagt Klaus Böldl. "Doch die Rolle des engagierten Außenseiters ist eigentlich gar keine schlechte Position. Denn da ist vieles möglich."

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Der nächtliche Lehrer von Klaus Böldl, 2010, S. Fischer2.)

Der nächtliche Lehrer.
Roman von Klaus Böldl (2010, S. Fischer).
Besprechung von Matthias Schmidt in Triedere, 10/2010:

Dem Trubel entwunden
Klaus Böldl schildert in Der nächtliche Lehrer unaufgeregt die Geschichte einer Dissoziation im hohen Norden. Bei aller Zurückhaltung rührt er dabei ironisch an große Fragen aktueller Befindlichkeit.

Lennart, der gerade erst sein Studium in Stockholm abgeschlossen hat, begibt sich in die fernste schwedische Provinz um sich für eine ihm zugeteilte Stelle als Kunst- und Religionslehrer zu bewerben. Was nur auf den ersten Seiten wie eine Möglichkeit unter anderen wirkt, wandelt sich in der lichten Einfachheit des Städtchens Sandvika unversehens zu einem Fatum, dem der Protagonist sich ohne deutliche Motive fügt. Sein weiterer Weg als zunehmend vereinsamender Lehrer, dem um ein Haar eine Familie zugewachsen wäre, liegt dabei bereits im Moment seiner initialen Anreise beschlossen:
"Immer leerer wurde es im Laufe des Vormittags in den Zügen, in denen Lennart auf immer weiter sich verzweigenden Nebenstrecken unterwegs war, und in dem Regionalzug auf dem letzten Abschnitt seiner Reise saß er endlich ganz allein im Abteil, mit verschränkten Armen, die Füße auf den Sitz gegenüber gelegt. Aus einem Riss in der Lehne neben ihm quoll gelber Schaumgummi." (5f.)

Doch genausowenig wie Lennart sich selbst erklären kann, was ihn an der ländlichen Überschaubarkeit fesselt, an die er sich überantwortet, tritt er auch sonst kaum als selbstbestimmt wirkender Charakter auf. Mitgenommen von einem sanften Strom der Ereignisse treibt ihm dieser eine Beziehung zur Bibliothekarin Elisabeth zu, die Lennart samt einem ungeborenen Kind bei einem Unfall kurz darauf wieder verliert, sodass die ohnehin spärlichen Kontakte zu seiner Mitwelt sich immer weiter reduzieren. Doch &uuML;ber die Wogen, die solche Einschnitte in Lennart schlagen mögen, erfährt die Leserschaft nicht viel mehr, als über die Beiläufigkeiten des Alltags und den stetigen Rhythmus der Jahreszeiten, die Böldl gleichermaßen in präzisen Beobachtungen eindrucksvoll schildert. Dementsprechend rückt die monotone Regelmäßigkeit des abgeschiedenen Städtchens in den Mittelpunkt, die nahe an eine verlorengeglaubte Vorstellung von Naturverbundenheit rückt.
"In Sandvika war es so, dass sich die drei Bahnschranken im Stadtgebiet manchmal ganz umsonst herabsenkten, weil gar niemand unterwegs war, der den Bahndamm hätte überqueren wollen, wie auch sonst in dieser entlegenen Stadt die Dinge ihren Lauf ganz von selbst zu nehmen schienen, gleichgültig ob jemand daran Anteil nahm oder nicht.
Jedenfalls, von Sandvika wegzugehen kam für Lennart schon nach kürzester Zeit nicht mehr in Betracht. In Sandvika waren die Einzelheiten, aus denen sich sein Leben jetzt zusammensetzte, versammelt. Hier herrschte eine auch das Unscheinbarste einbegreifende Genauigkeit. Hier war ein See, weit genug, um ein Leben lang auf ihn hinauszuschauen. Die Hauptstadt, in der er fast sein ganzes bisheriges Leben verbracht hatte, wurde ihm schon nach wenigen Wochen ein verschwommener und irgendwie zweifelhafter Ort, der für ihn kaum mehr Bedeutung hatte als für die anderen Bewohner von Sandvika." (28f.)

Nach Elisabeths Tod nimmt diese Überlagerung nur weiter zu und so überrascht es nicht, wenn in Lennarts Lebensgeschichte eigentlich nur noch ein Ereignis deren monotonen Fluss durchbricht: Lennart hält seine meditative Selbstaufgabe unter dem Titel Waldgedanken in Buchform fest und trifft damit den Nerv unzähliger europäischer Großstädter. Nachdem er zwei größere Lesereisen durch den ganzen Kontinent absolviert hat, setzt er sich zur Beruhigung seiner Kollegen als Lehrer zur Ruhe und verblasst bis zu einer gespensterhaften Erscheinung, die von seinem spärlichen Umfeld belächelt nachts durch das (auch von ihm selbst eigentlich bereits) verlassene Schulhaus spukt.

Böldls zurückhaltende, wohldosierte Sprache vermag in Der nächtliche Lehrer eine ungewöhnliche Spannung zu entfalten, die gerade nicht im persönlichen Schicksal von Lennart oder gar einer luziden Analyse der Geschehnisse gründet. Die Distanz, die Böldl in seiner Erzählung wahrt, begreift dabei auf eine ironische Art noch den Klappentext seines eigenen Buches mit ein, welcher zu resümieren versucht: "Klaus Böldl schreibt mit absoluter Souveränität über Sehnsucht und Trauer, Erinnerung und den Lauf der Zeit - voller Lakonie, Humor und feiner Spannung. Es ist eine Prosa, die uns direkt vor das Geheimnis des Lebens zu führen scheint." Solchen Ballast hat Böldls lapidarer Text nicht verdient und so wirkt es fast schon erleichternd, wenn man in diesem selbst lesen kann:
"Ein paar Jahre nach Elisabeths Tod ereignete sich dennoch etwas Unerwartbares: Es erschien ein Buch von Lennart mit dem Titel Waldgedanken. Es stellte wohl eine Art von philosophischem Versuch dar, eine Anweisung, wie man durch stetiges Beobachten zum inneren Wesen der Natur vordringen und wie man Landschaften so sehen könne, wie sie zu sehen man in unserem Jahrhundert längst verlernt hatte - in solchen oder ähnlichen blumigen Wendungen erging sich der Klappentext." (90)

Lennart, dieser eigentümliche Großstadtflüchtling, der wie das modellhafte Negativbild eines postmodernen Nomaden erscheint, konserviert diesen feinen Humor auch in seinem Namen: Lennart ist die skandinavische Form von Leonhard, doch besteht sein Löwenmut gerade darin, seine Souveränität gering zu achten und nicht mehr wie bei Musil unablässig nach dem Möglichkeitssinn zu forschen, sondern sich typenhaft in Notwendigkeiten zu flüchten. Böldl gelingt es so auf subtile Weise, eine Erzählung als Changieren zwischen eindrücklich doch verhaltenen Bildern und ironischen Fragestellungen zu flechten, die sich aus dem modellhaften Charakter des Textes ergeben. Das 'Geheimnis des Lebens' wird eher mit einem Augenzwinkern vorgeführt, als dass es für darstellbar gehalten wird - und eine verkürzende Auflösung findet Lennarts Geschichte konsequenterweise auch nicht. Indem Böldl aber auf feinsinnige Art und Weise ein experimentelles Bild dessen entwirft, woraus sich so manche eskapistische Sehnsucht speist, liefert er über den Umweg einer sprachlich eindrucksvollen Erzählung einen ironischen Schattenriss aktueller Befindlichkeit.

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