Der nächtige Ort von Marcel Möring, 2009, LuchterhandDer nächtige Ort.
Roman von Marcel Möring (2009, Luchterhand - Übertragung Helga van Beuningen).
Besprechung von Andreas Martin Widmann im titel-magazin vom 7.9.2009:

Alles fließt
Marcel Möring schreibt große europäische Literatur in der Sprache eines kleinen Landes. In seinem neuen Roman führt er einen melancholischen jüdischen Jedermann durch das Treiben eines Volksfests, und die niederländische Kleinstadt Assen wird für die Dauer einer Nacht zum Ort, an dem alles, was in der Welt ist, zusammenfließt.

Literatur, die in einer Sprache geschrieben ist, die weltweit nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Menschen spricht, fristet in der internationalen Wahrnehmung und im Kanon der Weltliteratur ein Nischendasein. Ob dies berechtigt ist, lässt sich oft für Außenstehende nicht entscheiden – weil nämlich nur wenig übersetzt und für Leser anderer Sprachen zugänglich ist. Mit der niederländischen Literatur verhält es sich so, doch kann man immerhin sagen, dass das meiste, was davon auf Deutsch erscheint, auch von hoher Qualität ist. Marcel Möring, Jg. 1957, ist hier keine Ausnahme. Nicht nur seine Herkunft verbindet ihn mit so bewundernswerten niederländischen Erzählern wie Ferdinand Bordewijk und Wilhelm Frederik Hermans, Cees Nooteboom und Harry Mulisch, so unterschiedlich sie jeweils schreiben und schrieben. Wie diese nämlich fühlt Möring sich offenbar nicht genötigt, zu entscheiden, ob er lieber ein realistischer oder ein experimenteller Schriftsteller sein möchte.

Modellfliegen, die schmale Novelle, mit der er vor einigen Jahren auch international einen kleinen Erfolg feiern konnte, ist eine Liebesgeschichte, die in den 1960er-Jahren am Meer spielt und die ein wenig wie aus der Zeit gefallen wirkt. Der nächtige Ort, sein neues Werk, ist ein mehr als 500 Seiten starker Roman, der quer durchs 20. Jahrhundert schneidet, dessen Kapitel von Piktogrammen konzentrischer Kreise unterbrochen werden, mit einem Comic in der zweiten Hälfte und Seiten, auf denen manchmal nur ein einzelnes Wort steht. Und doch hat nicht das eine Buch Siegfried Lenz geschrieben und das andere Jonathan Safran Foer, sondern beide Marcel Möring.

Tempo und Zeitraffer

Der nächtige Ort beginnt mit einer Fahrradfahrt, deren Tempo bei der Lektüre spürbar wird. Jakob Noach kriecht nach dem Ende der deutschen Besatzung aus dem Erdloch, in dem er sich während des Krieges versteckt gehalten hat, und rast auf einem geklauten Fahrrad zu dem Geschäft, das einst seinen Eltern gehört hat und in dem nun eine „Völkische Buchhandlung“ untergebracht ist. Jetzt erst begreift er wirklich die Dimension all dessen, was sich hier abgespielt hat, „als er mitten im zweiten Kriegsjahr weißderhimmelwie aus Amsterdam zurückkam in dieses gottvergessene Scheißkaff, weil er vor Sorge um seine Eltern nicht mehr schlafen konnte, und vom Bahnhof zum Platz ging, den ganzen Körper über den Stern an seinem Mantel gekrümmt, und dort am Platz zugenagelte Fenster vorfand und eine Tür, die nicht abgeschlossen war, und drinnen, wo Schuhe und Kartons und eine unvorstellbare Menge an Papieren auf dem Fußboden verstreut lagen …“ Auch die existentielle Erschütterung, die Jakob Noach hier überfällt, während er „auf einem Stuhl saß, den er erst hatte aufheben und hinstellen müssen“, und die sich in diesem eindringlichen Bild greifen lässt, überträgt sich auf die Form. Gehetzt und zerfranst, begleitet vom Klang der Türglocke, wird das Leben von Jabob Noach hiernach vor- und zurückgespult wie ein Videoband.

Jedermann beim Motorradrennen

Es ist ein furioser Auftakt, eine Ouvertüre für die Gegenwart des Romans. „1980, 27. Juni, sechs Uhr nachmittags, Freitag. Das ist der Tag.“ Es ist der Tag eines großen Motorradrennens, aus dessen Anlass in der Kleinstadt Assen Jahr für Jahr ein großes Volksfest stattfindet. Der Schauplatz Assen – der nächtige Ort, oder Dis, so der Originaltitel – ist die Stadt in der Hölle aus Dantes Inferno und somit ein „Spiegelbild der Welt“. Hier begegnet dem Leser Jakob Noach wieder, nachdem er als Unternehmer in der Zwischenzeit die ganze „Stadt geformt hatte, als wäre es ein Klumpen Ton in seiner Hand“, doch nun ist er einer unter vielen, die aus der Vogelperspektive gesehen werden, denn, so fragt der Erzähler, was „finden wir an diesem Freitagabend zwischen der Geisterbahn, dem Riesenrad und dem Cakewalk? Alle Menschen. Jeden. Den gottvergessenen Jedermann“. Es ist ein Reigen, der hier aufgeführt wird. Miteinander im Kreis tanzen Markus Kolpa, die zweite Hauptfigur und ein „jüdischer Odysseus“, der zum alljährlichen Klassentreffen nach Assen zurückgekommen ist, Noachs Tochter Chaja sowie zahlreiche Durchschnittsexistenzen, denen Markus und Jakob begegnen. Markus zieht seine Kreise im Gewühl, noch immer haltlos und rastlos, Jakob wird von einem namenlosen Fremden, dem Juden von Assen, wie er sich nennt, durch das Gewühl und die Geschichte der Stadt geführt. Kaleidoskopartig schieben sich die Perspektiven und Lebensläufe in- und übereinander, und auch wenn das Verfahren nicht ganz neu ist, zeugt es von Mörings großem Können, wie souverän er hier nicht nur die Erzählfäden in der Hand behält, sondern auch unterschiedlichste Erzählhaltungen miteinander kombiniert: Mal schreibt ein Berichterstatter für eine Regionalzeitung vorausschauend über das Geschehen dieser Nacht, mal wird der Leser direkt adressiert und die Handlung zugunsten einer Reflexion über die Zeit unterbrochen, mal fließen in einem langen Bewusstseinsstrom die Gedanken mehrerer Figuren dahin, gemäß dem altgriechischen panta rhei, das auch Jakob Noach immer verspürt.

Schriftbilder und Stereotypen

Die typografischen Effekte, die den Text auch visuell gestalten, sind keine bloßen Spielereien, sondern sie stehen hier im Dienst des Kunstwerks. Warum sollte schließlich ein Schriftsteller die Formatierungsmöglichkeiten seines PCs nicht in ähnlicher Weise benutzen können wie ein Gitarrenvirtuose die Effektpedale seines Verstärkers? Das Wort „Jude“, das einmal spiegelverkehrt gedruckt erscheint, als lese man es durch ein von außen beschmiertes Schaufenster, ist dabei emblematisch, denn in diesem kleinen Blickfang teilt sich das große Thema des Romans schon beim ersten Blättern mit: Es sind buchstäblich Zuschreibungen und das, was sie anrichten zwischen den Menschen und in ihnen. Markus Kolpa erklärt mehrmals, er wolle niemandes Jude mehr sein. Während Jakob Noachs Familie noch unter Verwendung althergebrachter, antisemitischer Stereotypen diskriminiert wurde, gibt Markus Kolpa eine Generation später erneut die Projektionsfläche für seine Bekannten ab: „Ich bin Freds Jude, weil er nicht das geworden ist, was er ist. Ich bin Kats Jude, weil ich, wie sie, aus allen Kategorien herausfalle. Und ich bin Ellas Jude, weil sie etwas sucht, das verletzt ist“, sagt er.

Natürlich ist Der nächtige Ort viel mehr als eine kunstvoll verpackte Klage über negativen und positiven Rassismus, er ist ein erzähltes Weltbild. Möring bietet keine gefällige Versöhnung oder Lösung an, auch Jakob Noach erhält keine Antworten, denn sein nächtlicher Begleiter hat stattdessen die ganze Nacht Geschichten erzählt. Am frühen Morgen ist Jakob Noach dran, aber er will nicht. „Ich eine Geschichte erzählen? Einen Midrasch? Was glauben Sie wohl, Hausierer? Daß ich so ein umgänglicher bärtiger Klischeejude bin, der für jedes Dilemma eine quasiweise Geschichte parat hat?“ Genau das nämlich hat Möring nicht. Er hat mit der Geschichte von seinem Jedermann in der Hölle einen großen, elegisch und mitreißend erzählten, europäischen Roman geschrieben, in dessen Zentrum eine unvergleichbare traumatische Erfahrung steht. Sie ist die Erschütterung, die Kreise aussendet wie ein Stein, der in einen Teich geworfen wird.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter TitelMagazin]

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