1.) - 2.)

Der Morphinist oder die Barbarin bin ich.
Roman von Tanja Langer (2002, Luchterhand).
Besprechung von Andreas Nentwich in Neue Zürcher Zeitung vom 20.04.2002:

Bekenntnisse aus dem Biotop der Seele
Tanja Langer: «Der Morphinist oder die Barbarin bin ich»

War es ein Glück oder doch eher ein Unglück, dass Tanja Langers erster Roman «Cap Esterel» 1999 erschienen ist, als beinah jedes literarische Début zum «Wunder» reüssierte, ein Klitterwerk wie Karen Duves «Regenroman» den Kritikern die Sinne verwirrte und der Verleger Arnulf Conradi einer verbreiteten Stimmung das Wort redete, wenn er von der «Naivität» der Nachwuchsautoren schwärmte, die endlich wieder «grosse Gefühle» und «spannendes» Erzählen zulasse, und einer vom Odium des unnötig Schwierigen befreiten Literatur grosse Zukunftschancen auf dem Weltmarkt verhiess?

Tanja Langer, Jahrgang 1962, qualifizierte sich mit ihrem Erstling als eine jener literarischen Hoffnungen, die der «Spiegel» auf einer Gruppenfoto versammelte und mit dem publikumswirksamen Etikett «Fräuleinwunder» versah. Der aus mimetischen Empfindungsprotokollen und Tagebuchblättern arrangierte Roman um einen jungen Mann, der zur Liebe erst fähig wird, nachdem er sich seinem Kindheitstrauma, dem Unfalltod der Eltern, gestellt hat, liess freilich kaum Rückschlüsse auf die Fähigkeit der Autorin zur Gestaltung grösserer Stoffe zu. Dass mit dem emphatisch aufgeladenen Gefühlsimpressionismus von «Cap Esterel» schon die Grenze ihrer schriftstellerischen Möglichkeiten erreicht war, musste befürchtet werden, als sie sich bei den letztjährigen «Klagenfurter Literaturtagen» mit einem Auszug aus ihrem zweiten Roman präsentierte, der ihr das nahezu einhellig vernichtende Votum der Juroren eintrug.

Gefühlsschwer

Mit gutem Grund, denn das Bekenntnisbuch, das nun unter dem Titel «Der Morphinist oder die Barbarin bin ich» erschienen ist, scheitert bereits auf einer Ebene, die sich in literarischen Kategorien kaum fassen lässt: Gefühlsschwer und ausdruckshungrig treibt Tanja Langers Sprache vom Jargon der Selbsthilfegruppe ins lexikalische Referat, vom Märchenton in die expressionistisch angeheizte Zitatmontage, vom lyrisierend verdunkelten Sinnspruch in den politisch korrekten Leitartikel und verfällt, fremdgesteuert, wie sie ist, unweigerlich dem Bann des bösen Zaubers, der sich eigentlich an ihr brechen soll....Fortsetzung

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 0402 LYRIKwelt © NZZ

***

2.)

Der Morphinist oder die Barbarin bin ich.
Roman von Tanja Langer (2002, Luchterhand).
Besprechung von Stefan Mössler in den Nürnberger Nachrichten vom 25.06.2002:

Auf Irrwegen in die Sackgasse
Vom Schöngeist zum Dichter der NS-Bewegung: Tanja Langers Roman über den Autor Dietrich Eckart

Müssen wir uns wirklich mit einem Autor beschäftigen, dessen Name längst aus den Literaturlexika verschwunden ist, der auf obskuren Seiten durchs Internet geistert oder lediglich ab und zu in Germanistik-Aufsätzen auftaucht? Allein schon die mäßigen und mit der Dummheit der NS-Ideologie verseuchten Werke des in Neumarkt geborenen Dietrich Eckart (1868-1923) rechtfertigen das Verschwinden seiner Bücher.

Anders sieht es aber mit dem Blick auf den ungewöhnlichen Werdegang einer schillernden Person aus. Wie konnte aus einem Heine-rezitierenden Bohemien ein Kampflied-Dichter für den aufkeimenden Nationalsozialismus‘ werden, der von Hitler als „väterlicher Freund” verehrt wurde? Ist dieser Lebenslauf vielleicht sogar typisch für das Verhalten eines Teils der deutschen Intellektuellen zu Beginn des 20. Jahrhunderts? Dieser nicht uninteressante Ansatz scheint zumindest der Ausgangspunkt für das Buch „Der Morphinist oder Die Barbarin bin ich” von Tanja Langer gewesen zu sein.

Tanja Langer, nach ihrem Debüt-Roman „Cap Estrel” vor drei Jahren vom Spiegel in die Schublade „literarisches Fräuleinwunder” einsortiert, scheitert aber oft kläglich bei ihren Versuchen, den Weg Eckarts in den Ideologie-Sumpf aufzuzeigen. Wie sich ein Schöngeist zum Dichter der NS-Bewegung wandelt, wird beim Blick in ein durch Alkohol und Morphium zerfressenes Hirn selten auch nur annährend nachvollziehbar.

Vor allem liegt das an der misslungenen Konstruktion dieses Konglomerats aus Roman, Biografie, Zitaten-Montage und Waschküchen-Philosophie. Da wird dann zwar auf der einen Seite genau der Weg Eckarts aus dem oberpfälzischen Provinz-Muff über die Zwischenstation Erlangen nach Berlin nachgezeichnet, doch dann mischt sich die Hauptperson des parallel verlaufenden Erzählstrangs penetrant ein. Eine Ich-Erzählerin berichtet hier von ihren persönlichen Niederlagen, ihren Demütigungen oder ihren Problemen beim Kindererziehen. Diese Konstruktion von emotionalen Schnittpunkten führt meist in Erklärungssackgassen und in die Banalität.

Unter diesem Durcheinander leidet der Versuch, die geistigen Irrwege der Vergangenheit zu entlarven und der Gegenwart gegenüber zu stellen. Wenn in Eckarts Kopf im Rausch die Verschwörungstheorien rund um die Kritiker-Verisse seiner Theaterstücke („Sind sie nicht alle Juden?”) entstehen, dann hat das Abbild dieses durchgedrehten Antisemiten zwar nichts Verharmlosendes an sich, auf die Dauer aber langweilt der Versuch, Klischees nachzuspüren, sehr. Da nützt es wenig, wenn die Ich-Erzählerin nach über 300 Seiten beim Seelenstriptease in guter Absicht aufstöhnt: „Wenn Eckart zu Beginn des Jahres 1919 noch vom ,Judentum in uns‘ spricht, ist es wie der letzte Schimmer der Hoffnung. Wie hätte eine Gesellschaft ausgesehen, die begriffen hätte, dass all ihre Wesenszüge zusammengehören?” Die Phänomene der Verführbarkeit sind eben nicht mit ein paar gutgemeinten Phrasen zu ergründen.

Das Buch scheitert vor allem an zwei gravierenden Mängel: Die Geisteshaltung einer Epoche wird lediglich anhand einer psychisch labilen Person rekonstruiert. Zudem fällt die Distanz zur vermeintlichen Faszination der NS-Ideologie oft allzu gering aus. Dieses Buch verharmlost keineswegs den Nationalsozialismus und seine geistigen Wegbereiter. Aber es ist einfach schlecht geschrieben. Ärgerlich!

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Nürnberger Nachrichten]

Leseprobe I Buchbestellung 0112 LYRIKwelt © Nürnberger Nachrichten