Der Mond und das Mädchen von Martin Mosebach, Hanser, 20071.) - 2.)

Der Mond und das Mädchen.
Roman von Martin Mosebach (2007, Hanser).
Besprechung von Sabine Dultz im Münchner Merkur, 29.8.2007:

Frankfurter Sommernachtstraum
Zauber, Triebe, Täuschungen: Martin Mosebachs berückender Roman "Der Mond und das Mädchen"

Es ist als eine Art Sommernachtstraum gedacht: die Geschichte einer Liebe, die sich in den heißen, durchwachten Nächten inmitten eines Großstadt-Hinterhofs allmählich verliert. Die flirrende Fiebrigkeit des Sommers lässt die Grenzen und Strukturen der Bindungen und Beziehungen zerfließen. Nichts ist mehr in seiner Klarheit und Eindeutigkeit zu erkennen, die Erscheinungen ändern ihr Äußeres, die Fantasie treibt wilde Blüten, die Wahrheit liegt hinter den Worten und ihrer Bedeutung.

Martin Mosebach (56) hat mit "Der Mond und das Mädchen" einen berückenden Roman geschrieben über die Irrungen und Wirrungen eines frisch verheirateten Paares. Der hochgeehrte Autor - am 27. Oktober wird er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet - hat darin Frankfurt am Main, die Stadt, in der er lebt, zum Schauplatz gewählt. Auf dem Hinterhof des alten, jugendstiligen, aber ziemlich verkommenen Mietshauses am Basler Platz treibt er des Nachts eine bunte Gesellschaft zusammen, dominiert vom türkischen Hauswart und Waschanlagenbetreiber, der mit Argusaugen alles kontrolliert, und alkoholisch versorgt vom äthiopischen Wirt des Vorderhaus-Ausschanks.

In diese illustre Runde gerät Hans, der junge Banker, der sich wie "Hänschen klein, ging allein in die weite Welt hinein" hier ziemlich verrennt. Neu in Frankfurt, hat es ihn bei seiner Wohnungssuche in dieses urbane Viertel getrieben, wo er mit der gemieteten, äußerst wundersamen Dachgeschosswohnung nun seine frisch angetraute Ina überraschen will. Als sie - ein vornehmes Hamburger, der Mutter höriges Luxusgewächs - nun endlich dazukommt, fühlt er sich längst schon wohl bei den nächtlichen Hofgelagen dieser geschäftigen Multikulti-Meute. Und, was schlimmer ist, er fühlt sich zunehmend angezogen von den unverblümten Avancen, die ihm das extravagante Paar macht, das unter ihnen wohnt. Schauspielerin sie, Philosoph er, mit denen Mosebach eine kleine Reminiszenz liefert an die mittlerweile der Verklärung anheim gefallenen, sexuell befreiten 68er-Jahre.

Wie eine Schlafwandlerin nimmt Ina, die junge Ehefrau aus "feinem Haus", alles wahr - das, was ist, und das, was nur sie sieht. Das Irreale, das Symbolträchtige. Und entfernt sich dabei immer weiter von ihrer Liebe. "Alles war, wie es sein sollte - und doch, alles war zugleich ungreifbar anders als erhofft und erwartet. Das Freudenfeuerchen, das immerfort gebrannt hatte, wenn sie zusammen waren, war erloschen. Aber wann genau?" So fragt der Erzähler im Roman. Es ist die Kunst Mosebachs, hier keinen konkreten Akzent zu setzen, sondern wie durch ein leise wirkendes, nicht benennbares Gift das Paar voneinander zu entfernen. Fast schicksalhaft und durchaus komisch.

Mosebach spinnt ein feines Netz von Ahnungen, Trieben, Täuschungen und Enttäuschungen, von handfesten Lügen und sonderbaren Begebenheiten, in dem er seine Figuren sich verfangen und wie Gefangene strampeln lässt. In den ganz alltäglichen Zwängen des Lebens. Und dass die hier nie banal und literarisch etwa alltäglich erscheinen, dafür sorgt die in ihrer Objektivität, Schlichtheit und Poesie hochkarätige Sprache.

Im wahrsten Sinne des Wortes ein zauberhaftes Buch. Mehr noch als an Shakespeares "Sommernachtstraum" lässt es einen allerdings an Botho Strauß und seine mit dem Irrealen auf Du und Du befindlichen Figuren denken. Aber auch dieser Vergleich ist ja nicht ehrenrührig.

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Der Mond und das Mädchen von Martin Mosebach, Hanser, 20072.)

Der Mond und das Mädchen.
Roman von Martin Mosebach (2007, Hanser).
Besprechung von Gudrun Norbisrath in der WAZ vom 1.9.2007:

Von Hexen und einer toten Taube

Wenn Sie Bücher lieben, über die Sie sanft entschlummern können im Gefühl, nichts zu verpassen; wenn raunender Tiefsinn und Rätsel ohne Lösung Sie nicht schrecken - dann sind Sie hier richtig. Dies ist ein Buch der großen Gebärden, hinter denen sich wenig verbirgt. Der Büchner-Preisträger empfängt seinen Leser mit einem Satz, der zu denken gibt. "Wer eine Wohnung sucht, hat es mit einem der seltenen Augenblicke zu tun, in denen der Mensch wirklich einmal glauben darf, über die Zukunft seines Lebens zu entscheiden, denn im Wohnen, so vieldeutig dies Wort eben ist, liegt doch das ganze Leben beschlossen."

Vernachlässigen wir, dass die Formulierung "er hat es mit einem Augenblick zu tun" nicht eben gebräuchlich ist. Fragen wir: Wer spricht da? Thomas Mann? Der olle Fontane? Oder müssen wir weiter zurückgreifen in die Geschichte, bis 1780, als ein gewisser Leopold Friedrich Günther von Goekingk "Sopha" schrieb, mit "ph", wie Martin Mosebach im Jahre des Herrn 2007? Er lässt das Wort so oft und so unnötig einfließen, dass niemand umhin kann, es als Signal zu verstehen. "Sopha" entstammt, wir ahnten es, dem Morgenländischen und meint: Lotterbett.

Die Geschichte erzählt von den Verwirrungen eines jungen Paares, das schon alles miteinander gemacht hat außer in einer Wohnung leben. Er, ein Banker, trägt den Märchennamen Hans; sie wird als elfenleicht und schmetterlingszart beschrieben, doch ihr Name ist kurz und praktisch Ina - weil ihre Mutter Irma die Wäsche mit den Initialen vererben wollte.

Die Ehe beginnt erstaunlich. Von der Hochzeit weg verreist Ina mit dieser äußerst beherrschenden Mutter, während Hans in Frankfurt die schönsten Wohnungen besichtigt und nicht mietet. Bis er, der erste Satz hat es schalkhaft angedeutet, eine unbegreifliche Entscheidung trifft: Hinterm Bahnhof, in der Nähe des Bordellviertels, mietet er eine Bruchbude. Mit Sopha.

Hans muss verrückt geworden sein. Er lässt sich von einem dubiosen Hausmeister becircen, einem Marokkaner, und nachts trifft er im Hinterhof bei Mondenschein eine eigenartige Schar. Einen schweigsamen Äthiopier, eine grellblonde Barbara, eine Dame in großgeblümter Seide. Hans gesellt sich dazu, was merkwürdig ist, trinkt Bier aus Flaschen, was er nicht gewöhnt ist, und wird "Monsieur Hans" genannt, was den Leser nun auch nicht mehr wundert. Alle reden Belangloses, das bedrohlich klingt, doch in Hans geht Eigenartiges vor.

"Schließlich war ihm zumute, als habe er einen Raum im eigenen Körper betreten, der groß war, dessen Grenzen sich nicht abschätzen ließen, und der dennoch etwas von einer Höhle hatte. In dieser dunklen Höhle war es zu den Gesprächen des späten Abends gekommen, die so ungewohnt für ihn waren, aber die ihm zugleich das Gefühl gaben, in der Wohnung, die er gemietet hatte, schon längst zu Hause zu sein." Was hat der junge Mann entdeckt? Seine dunkle Seite? Das wäre wenig.

Es metaphert gewaltig. Bei Inas Ankunft liegt eine tote Taube im frisch gestrichenen Ehe-Schlafzimmer; vor ihrem Ableben hat sie dafür gesorgt, dass der Raum vorerst nicht zu benutzen ist. Ein Nachbar-Paar erinnert an die Hexenmeister aus "Rosemary's Baby", der Hausmeister mindestens an Charon, wenn nicht an den Seibeiuns, und am Ende löst sich alles in Ehefrieden und gesunde Nachkommenschaft auf - nachdem man eine anständige Bleibe mit Walmdach bezogen hat.

Was die Grabessprache des Autors soll; woher die Unholde kamen und ob sie vielleicht nichts anderes waren als die Albträume einer behüteten jungen Frau vor den neuen Lebensumständen der Ehe - ich weiß es nicht und Sie werden es am Ende auch nicht wissen. Verlassen Sie sich drauf.

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