Der Mond ist kein Kochtopf.
Reiseessays von Viktor Jerofejew (2005, Mare-Buchverlag - Übertragung Beate Rausch).
Besprechung von Ulrich M. Schmid in Neue Züricher Zeitung vom 24.9.2005:

Der Russe im Ausland
Viktor Jerofejews Reiseessays

Die Abbildung des Autors auf dem Cover ist Programm: Der 58-jährige Viktor Jerofejew präsentiert sich als ewiger Rotzbengel, dem das Alter zwar die Stirn zerfurcht, aber keineswegs den Schalk aus den Augen vertrieben hat. Jerofejew hält es nicht einmal für nötig, ein T-Shirt anzuziehen. Er posiert mit nacktem Oberkörper, den Blick halb provozierend, halb eingeschüchtert gegen oben gerichtet – als ob er von dort bald eine Strafe für seine respektlosen Texte zu erwarten hätte.

In der Tat gibt es in Jerofejews neustem Reiseessay-Band mit dem etwas einfältigen Titel «Der Mond ist kein Kochtopf» nichts Heiliges: Er verspottet den verweichlichten Hang der Pariser zum Luxus, zeigt offen seinen herablassenden Neid auf die Schönheit der italienischen Landschaft und mokiert sich über die sturzbetrunkenen Serben, die sich rührselig den Russen an den Hals werfen. Beim essayistischen Kulturvergleich ist Viktor Jerofejew in seinem Element: Genüsslich macht er sich über fremde Nationalmarotten her, teilt gleichzeitig auch Seitenhiebe gegen peinliche russische Gewohnheiten aus und wischt sich schliesslich die Speichelfäden von den Lippen.

Jerofejew ist ein ebenso boshafter wie glänzender Essayist, der mit scharfem Blick und spitzer Feder ein scheinbar nebensächliches Detail beschreibt, daraus aber eine profunde Kulturkritik entwickelt. Eine literarische Reise mit Viktor Jerofejew bringt manche Peinlichkeit mit sich, ist aber allemal vergnüglich und nicht zuletzt höchst lehrreich: Jerofejews Seelenstriptease eröffnet nicht nur eine unbekannte Perspektive auf Japan, China oder Polen, sondern entlarvt auch die konventionelle Reiseführer-Prosa als leeres Wortgeklingel.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter nzzonline.jpg (1303 Byte)]

Leseprobe I Buchbestellung 1005 LYRIKwelt © NZZ