Der Ministerpräsident.
Roman von Joachim Zelter (2010, Klöpfer&Meyer).
Besprechung von Matthias Kehle auf www.matthias-kehle.de:

Nach dem Erwachen aus dem Koma erinnert sich Claus Urspring an herzlich wenig, am allerwenigsten daran, dass er Ministerpräsident ist.
Kaum schlägt er die Augen auf, ist er jedoch da: März, sein Berater. Dieser versucht nicht nur, Ursprings Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen, er will ihn, gegen den ärztlichen Rat, fit für den Wahlkampf machen, und zwar lieber gestern als heute.


Offenbar vom Unfall des thüringischen Ministerpräsidenten Althaus inspiriert, hat der Tübinger Autor Joachim Zelter keinen politischen Enthüllungsroman geschrieben, aber einen über Macht und Moral. Weil Urspring nicht mehr in der Lage ist, politisch korrekte Sätze zu sprechen, werden seine Reden von Hannah, einer Redenschneiderin, aus Halbsätzen montiert und anschließend gesendet. Weil Urspring humpelt, muss er vor laufender Kamera Rennrad fahren, auch um seine körperliche Fitness zu demonstrieren - auf den Wahlplakaten ist zu lesen: "Rückkehr. Eine Frage der Bewegung." Zunächst nimmt Urspring alles stoisch hin und absolviert eine Playback-Rede nach der anderen.

Eine brillante Satire ist Zelters "Ministerpräsident", eine Groteske, die davon erzählt, wie ein Mensch zwar äußerlich instrumentalisiert wird, aber gleichzeitig als quasi Neugeborener die Welt und seine eigenen Erinnerungen entdeckt und sich dabei seinem Berater widersetzt: "Man (nimmt) mir, dem Ministerpräsidenten, die Möglichkeit des Erinnerns. Wie (kann) ein Mensch er selbst sein, wenn man ihn nicht sich erinnern" läßt? Zwischen all der Komik, all den kindlich neugierigen Fragen ("Was ein Sonntag ist? Wollte ich wissen.") sowie präszise beobachteter politischer Satire versteckt Zelter kleine poetische Passage. Es sind Erinnerungsfetzen an Ursprings Kindheit, etwa an seine kranke Cousine: "Ich erinnere mich, wie sie ... vor mir lag, fast ohne Bettdecke. Ich erinnerte mich an ihre Wade, die ich wickelte und dabei streichelte." Es sind "allererste Anzeichen fraulicher Formen", die in Ursprings Gedächtnis geblieben sind. Die Zuneigung einer Frau ist es schließlich auch, die Urspring aus den Klauen seines Beraters befreit, jedoch ohne plattes Happy End. Wer Zelter kennt, weiß, dass sich Absurditäten in ungeahnte Höhen steigern lassen.

Unter den deutschsprachigen Romanciers ist Joachim Zelter einer der größten Stilisten. Beiläufig demontiert er die politsche Sprache und ihre nichtssagenden Floskeln, und zwar buchstäblich, in dem er Urspring zum naiven Kind macht, das nur Fragmente sprechen kann. Erschreckend ist, wie genau Zelter politische Realität abbildet und als wie austauschbar er selbst politisches Führungspersonal entlarvt. Die Welt der Politik setzt er gegen die Welt des Menschlichen.

Zelters Sprache hingegen ist hochmusikalisch und glasklar. Quasi als Kontrapunkt zur politischen Leere, die mit Worthülsen kompensiert wird, erzählt Zelter ohne jedes überflüssige Wort, frei von jeder Attitüde, zugleich schlicht und komplex wie eine Komposition von Bach. Zu Recht wurde "Der Ministerpräsident" für die Longlist zum Deutschen Buchpreis nominiert.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.matthias-kehle.de]

Leseprobe I Buchbestellung 1012 LYRIKwelt © Matthias Kehle