Der Mensch auf der Landstraße von Jan Cep, 2003, DVADer Mensch auf der Landstraße.
Erzählungen von Jan Cep (2003, DVA - Ausgewählt von Urs Heftrich, Übertragung Hanna und Peter Demetz und Bettina Kaibach).
Besprechung von Jörg Plath aus der Frankfurter Rundschau, 23.12.2003:

Der Zeit entrückt
Katholischer Modernist: Jan Cep in der Tschechischen Bibliothek

Eine Hauptperson regiert in allen Geschichten von Jan Cep: Gevatter Tod. Der Tschechoslowake Cep vermittelt in seinen Erzählungen ruhig und gemessen zwischen dem Jenseits und dem Diesseits. Von Menschen erzählt er im Futur II, dem "wird gelebt haben". Gleich zu Beginn der langen Geschichte "Jakub Kratochvil" heißt es, Jakubs Gebeine verwitterten nun unter dem Hakenpflug eines polnischen Bauern - erst danach ist von den Zeiten die Rede, als diese Gebeine noch Fleisch trugen und ein ungewisses Sehnen kannten. Die Geschichtensammlung Ein Mensch auf der Landstraße, mit der die Tschechische Bibliothek den 1902 geborenen und 1974 verstorbenen Erzähler Jan Cep vorstellt, ist eine barock anmutende Feier der Vergänglichkeit.

Den Pomp des Barock, das Hochamt der sinnlichen Genüsse, die das hinfällige Dasein auf Erden jedem Katholiken zu bieten hat, übersetzt Cep freilich in die ärmliche Dorfwelt Mährens. Jakub Kratochvil ist immer wieder aufs Neue beglückt vom Tau, der unter einem "unaussprechlichen Blau" braune Ackerfurchen und violetten Klee benetzt. Um ihn herum schweigen Wände und Balken verschwörerisch und lächeln insgeheim vor sich hin. Allerdings scheint der Wald am abfallenden Bergrand auch bis ans Ende der Welt zu reichen, so dass Jakub mitten im Glück ein Grausen anfasst. Wie sich das hinfällige menschliche Dasein bewahren, dessen Glück im Erdenrund nur ein flüchtiger Augenblick ist, wusste Jan Cep. Er war gläubiger Katholik, und seine Erzählungen handeln von der Transzendenz allen Daseins. Die Dinge und die Natur sind ungeachtet der vollen Plastizität und farbigen Sinnlichkeit, die ihnen Cep verleiht, Zeichen nur, "Truggebilde unserer Sinne, unserer Einbildungskraft, und unsere Sehnsucht richtet sich ins Leere, auf etwas, was nie war und nichts ist als ein flüchtiger Widerschein aus einer anderen Welt, wie wenn durch die Ritze unter einer schlecht schließenden Tür ein Lichtstrahl dringt".

Dass nicht die Welt den Menschen hält, sondern er sich selbst eine Form geben muss, diese Erfahrung macht eine Generation in ganz Europa zwischen 1914 und 1918. Jan Cep, den christlichen Platoniker, mag der Weltkrieg in seinem Glauben bekräftigt haben, der in den Erzählungen meist nur letzte Gewissheit ist und zu deren Vorteil selten beschworen wird. Er greift zu kräftigen, ländlich-impressionistischen Bildern, unter denen die Vergänglichkeit rumort, zu reflexiven Einschüben und schnellen Erzählerwechseln. Unübersehbar ist darin die Einheit der (Lebens-) Geschichten zerfallen, und Cep stellt diese Einheit neu her vom einzig denkbaren Fixpunkt: dem Tod.

Diese Perspektive entrückt den Erzähler der Zeitgeschichte und ihren Urteilen. So lässt Cep erstaunlicherweise in einer Erzählung einen Wehrmachtssoldaten zu Wort kommen. Kurz vor der überstürzten Flucht vor der Roten Armee sagt er zu einem Tschechoslowaken, seine eigenen Landsleute seien nicht "alle böse Menschen", sondern hätten sich "nur zu sehr daran gewöhnt, zu gehorchen". Eine andere Geschichte schildert mitleidvoll die Deportation von Zigeunern in Konzentrationslager. Das sind in der ost- wie westeuropäischen Prosa der fünfziger Jahre seltene Äußerungen und Sujets.

Jan Cep schrieb Erzählungen, Essays und den Roman Schattengrenze (1935), den Bettina Kaibach (in ihrem lesenswerten Nachwort zu Der Mensch auf der Landstraße) für missglückt hält. Sie stellt Cep als Mitglied der Katholischen Moderne vor, die als eine "andere Avantgarde" neben den bekannten programmatischen Strömungen der zwanziger Jahre stehe. In der 1918 gegründeten tschechoslowakischen Republik, die sich auf den Reformator Jan Hus bezieht und als protestantisch definiert, sind Katholiken eine ungeliebte Minderheit; nach 1948 werden sie durch die Kommunisten verfolgt. Jakub Deml und den Lyriker Jan Zahradnicek, die wie Jaroslav Durych der Katholischen Moderne zugerechnet werden, steckt man für Jahre in das Gefängnis. Cep, der von 1927 bis 1948 als Verlagsredakteur arbeitete und 1941 mit dem Staatspreis geehrt wurde, entgeht diesem Schicksal durch die Flucht nach Frankreich 1948. Ab 1951 arbeitet er in München für Radio Freies Europa, Tür an Tür mit Peter Demetz, der gemeinsam mit Hanna Demetz einige der nun vorliegenden Erzählungen übersetzt hat.

Der schöne, handliche Band macht die deutschsprachigen Leser mit einem Dichter bekannt, dessen Modernität hierzulande keine Entsprechung hat (Reinhold Schneider nimmt sich neben ihm wie ein Zeitgenosse Stifters aus) und als Emigrant auch in seiner Heimat nicht zu den Bekanntesten gehört, trotz der postumen Auszeichnung mit dem Masaryk-Orden durch Vaclav Havel 1991.

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