Der Mann schläft von Sibylle Berg, 2009, Hanser1.) - 2.)

Der Mann schläft.
Roman von Sibylle Berg (2009, Hanser).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 18.8.2009:

Sibylle Berg schreibt über glückliche Liebe

Die Unglücklichen haben nichts zu verlieren. Nicht bei Sibylle Berg. Die einstige Meisterin belletristischer Amokläufe schreibt über glückliche Liebe – und deren umgehenden Verlust.

Sibylle Berg gilt als fieseste Autorin der deutschsprachigen Gegenwart: Ihre Romane sind belletristische Amokläufe; nähmen wir ihre Theaterstücke ernst, müssten wir den Schnürboden erklimmen und uns herunterstürzen. Die Menschen sind ihr nichts als „tragische kleine Zellhaufen mit der Sucht nach mehr”. Um die gequälten Seelen ihrer Figuren errichtet sie eine Sicherheitsglaswand aus bösen Sätzen, an denen Mitleid nur noch abprallen kann. So haben wir das Mitleid für uns selbst: die wir stets aufs Neue dem schwarzen Charme des massiven Berg'schen Weltschmerzes erliegen.

Was würde wohl passieren, entließe Berg einen dieser tragischen kleinen Zellhaufen aus der Kammer des emotionalen Schreckens? Ließe sie einen dieser Sinnenden, Suchenden – etwas finden?

Der untypische Liebhaber

„Er war der geworden, der mir am nächsten stand, der sich an mich gewöhnt hatte und der wollte, dass es mir gutging. Wenn man das Liebe nennen mag, dann eben. Bitte.” So klingt das, wenn Frau Berg über das Glück schreibt. Eine Frau um die 40, Single, lässt sich von jüngerem Mann zu noch jüngerem Mann treiben – und trifft einen älteren, der ihr gar nicht hätte auffallen dürfen: „nicht schön oder reich, kein guter Redner oder charmant auf eine Art, die ihm Bewunderung einbrachte.” Aber: Er gibt der Frau das Gefühl, liebenswert zu sein – ohne Kerzen, ohne Rosen. Nur Liebe, die „ruhig und still verlief, die freundschaftlich war und eine gewisse Niedlichkeit ausstrahlte.” Es ist!

Nein: Es war. Denn im Wechsel mit Glückskapiteln unter der Überschrift „Damals” schildert sie das Elend des „Heute”: Der Mann ist weg. In dem Maße, in dem sie die Zeiten zusammenführt, erahnen wir das Drama. Das Paar unternahm eine Reise auf eine Insel vor Hongkong. In der Gegenwart des Romans wartet die Frau auf jede ankommende Fähre. „Wir hatten uns überlegt, wie es wäre, hier ein Haus zu kaufen. Ich hätte überall mit ihm sein können. Und ohne ihn nirgends.” Wer glücklich ist, hat etwas zu verlieren.

Ernsthaft erwachsen

Umso mehr, je unglücklicher er zuvor war. Der Roman berührt zwar nicht durch besonders eindringliche oder wenigstens originelle Verlust-Prosa („Ich würde im Moment ein Bein hergeben oder beide, um noch einmal den Mann anfassen zu können”). Er erschüttert aber angesichts der Fallhöhe eines Liebeswagnisses, für das Bergs Heldin ihre persönliche Glaswand aus Zynismus, Sarkasmus und Weltverachtung splittern lässt. Um dem Verlust dann schutzlos gegenüber zu stehen.

Der Autorin ist es anzurechnen, dass sie diesmal ihr Absurditäten-Kabinett auf ein Minimum reduziert hat – obschon eine „merkwürdige Bekannte”, ein „unsichtbarer Herr” und ein Zwerg, der an einem Tessiner See ein U-Boot baut (falls ein Tsunami käme), auf abstruse Weise verstrickt sind in das Verschwinden des Mannes. Stattdessen wagt Berg sich an die ernsthafte Frage, warum uns ein positives Gefühl so furchtbar schwer fällt. Selbst das Schreckensmädchen wird erwachsen.

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Der Mann schläft von Sibylle Berg, 2009, Hanser2.)

Der Mann schläft.
Roman von Sibylle Berg (2009, Hanser).
Besprechung von Ronald Pohl aus Der Standard, Wien vom 28.8.2009:

Tränen für das gelbe Meer
In ihrem neuen, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman schlägt Berg drastische Saiten an: "Der Mann schläft" - das Elend aber nie

Eine weibliche Autorin von Gebrauchsanweisungstexten hat mit der Wohlstandsgesellschaft so gut wie abgeschlossen. Die Menschen, wie sie der Ich-Erzählerin auf Schritt und Tritt begegnen, sind "zufällige Zellanhäufungen" . Schlecht oder auch nur geschmacklos gekleidet, nennen sie ihre Kinder nach Figuren aus Richard-Wagner-Opern. Sie fahren in allradgetriebenen Automobilen sinnlos durch Gegenden, die sie mit naturlyrischen Attributen zupflastern. Sie bilden auch sonst lauter unleidliche Eigenheiten aus: entwickeln Nähebedürfnisse, hören Brasil-Platten und tragen Shorts.

Die Bücher der aus Weimar gebürtigen Prosaautorin Sibylle Berg sind erheiternde Kriegserklärungen an die Konsumgesellschaft. Im perfekt durchgehaltenen Muntermacherton beklagen sie das Einerlei eines auf der Kunst des kleinen Unterschiedes errichteten Konkurrenzsystems. In marxistisch inspirierten Zeiten hätte man vielleicht vom "Wahncharakter" der Warengesellschaft künden können. Doch das war gestern.

Frau Berg kämen solche analytischen Anmaßungen vermutlich überhaupt nie in den Sinn: Ihre sorgfältig gepflegte Misanthropie feiert lieber die Wonnen des Einzelgängertums. Ihr erheiterndes Geschäft ist dasjenige der leicht fasslichen, auf Kolumnen-Niveau heruntergebürsteten Desillusionierung. Ihr Singsang liest allen geringfügig Geschäftigen den Zicken-Blues: Noli mi tangere, wispert und raunzt diese hauptberufliche Störkraft, die den Menschen vorhält, nach Erreichen eines gewissen Alters schlecht zu riechen und ihr im Eigenheim zugebrachtes Lebensleid in nichtssagende Phrasen zu verpacken. Sibylle Berg scheint die putzmuntere Schwester von Michel Houellebecq zu sein. Und doch - es kommt in ihrem neuen Roman Der Mann schläft prompt alles ganz anders.

Denn kaum glaubt man sich von einer feinen Ödnis angepackt, wechselt Berg die Registerlage: drückt mit nicht für möglich gehaltener Virtuosität die Basspedale der Zweisamkeitsorgel. Erzählt von einem hünenhaften Mann, dessen Zufallsbekanntschaft sie schließt - er arbeitet im "Holzgewerbe" -, der maulfaul ist, an sie keinerlei Anforderungen stellt und der es sich sogar gefallen lässt, von ihr als massiger Geborgenheitspolster egoistisch in Gebrauch genommen zu werden.

Trost für die Longlist

Frau Berg sucht und findet das Glück: Diese neue Einsicht aus dem Mund der virtuosesten aller Beziehungsnörglerinnen versetzt dermaßen in Erstaunen, dass es auch die Jury für den Deutschen Buchpreis nicht über ihr Kollektivherz brachte und den neuen Roman flugs auf die Longlist setzte.

Was aber macht nun wirklich die außerordentliche Qualität dieses zum Brüllen traurigen Buches aus? Berg dehnt - wie bereits in Ende gut oder Die Fahrt - die Grenzen des Seelenpferchs auf Weltformat aus. Sie reist mit ihrem "Bärchen" , nach einer merkwürdig verhuschten, von allerlei Spukgestalten heimgesuchten Kuschelzeit in einem Traum-Chalet im Tessin, auf ein Mini-Eiland in der Bucht vor Hongkong.

Nach wenigen Tagen ist der Mann tatsächlich verschwunden: ohne Hinterlassung einer Grußnote, ohne Abschiedspapier. Der Mann schläft könnte auch heißen: Die Gespenster der Einbildungskraft sind nicht haltbar in einer globalen Weltgesellschaft, die ihr Nützlichkeitsdenken bis in die letzten Winkel hinein ausdehnt. Sibylle Bergs Roman kommt daher einer doppelten Kapitulationserklärung gleich: unbarmherzig gegen die Gesellschaft der allzu Lauen und Risikolosen, führt sie die wildeste Klage gegen sich selbst. Sieht den "Insekten" beim "Schlendern" zu, kaut und dekliniert unablässig alle uns geläufigen Beziehungs- und Nähe-Neurosen durch.

In Der Mann schläft ist der klassische Gespensterroman eine so unheilvolle wie packende Verbindung mit der Illustriertenprosa eingegangen: eine Form der Ratgeberliteratur, die an keinen Teilnehmer des Beziehungskarussells mehr eine Abwrackprämie auszahlt.

Bücher wie dieses kehren die Angriffsflächen einer Gesellschaft, die sich gegen alle Unbilden des Lebens wirksam versichert glaubt, konsequent nach innen. In Wahrheit schreibt Sibylle Berg natürlich über den Tod - über die Lächerlichkeit von Verhaltensmustern, die als verbindliche Zwangsvorlagen an alle "Teilnehmer" des sozialen Lebens ausgegeben werden: Formulare ohne Wert. Ein Hohn- und Spottgesang, ausgestoßen auf der höchsten Ebene der Verzweiflung: Berg gehört der Tendenz nach in eine Reihe mit Lautréamont oder Joris-Karl Huysmans - für deren amoralisches Dunkelmännertum sie wohl trotzdem nur höhnisches Gekicher übrig hätte.

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