Der Mann, der zu viel wusste von Gilbert K. Chesterton, 2011, MenasseDer Mann, der zu viel wusste.
Roman von Gilbert K. Chesterton (2011, Manesse - Übertragung Renate Orth-Guttmann).
Besprechung von Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, 13.7.2011:

Der bodenlose Brunnen
Alles interessiert ihn, den Gelangweilten und stets müde Wirkenden: G. K. Chestertons "Mann, der zu viel wusste".

Hier kommt es zu paradoxen Verknüpfungen. Der einzige Mann mit Alibi ist der Mörder. Die Fehlschüsse verraten den Meisterschützen. Wer ein Motiv hat, ist entlastet. Das Geheimnis ist, dass es kein Geheimnis gibt. Aber eine Erklärung, eine Erklärung gibt es immer. Sie liegt nicht wie beim Kollegen Sherlock Holmes in abseitigen Kenntnissen – obwohl auch dieser Rätsellöser gut informiert ist –, sondern in einer eigenen, vom herkömmlichen Lauf der Dinge abgekapselten Logik.

Das ist die Welt des gebildeten Aristokraten Horne Fisher, was nicht der einzige Widerspruch ist, den seine Person vereinen muss. Horne Fisher ist auch der einmalige Fall eines mitmischenden Außenseiters und schweigenden Besserwissers, eines Mannes, dessen Gleichmut legendär ist und der sich doch ad hoc in deutschen- und judenfeindliche Plattitüden hineinsteigert. Vielleicht blieb ihm darum der ganz große Ruhm versagt. Aber vielleicht liest man die Erzählungen über den „Mann, der zu viel wusste“ von Gilbert Keith Chesterton (1874-1936), jetzt in einer vollständigen und neu übersetzten Ausgabe zu haben, auch gerade deshalb so gebannt. Zwischen den Teetrinkern auf dem englischen Rasen tun sich Abgründe auf, und nicht immer sieht der Leser den Boden.

Das ist nicht nur eine Frage der Weitsicht, sondern liegt auch in der Sache selbst. Es kann ja tatsächlich nach tief unten gehen, das ist die andere Seite menschlicher Höhenflüge. In „Der bodenlose Brunnen“, führt ein im Nahen Osten gelegener „umgekehrter Turm der Finsternis“ in endlose Tiefe – als göttliche Strafe für einen Turmbau zu Babel, dessen Initiator bis zum Ende der Welt weiter und weiter fällt. Die englischen Besatzer spielen hier Golf und rubrizieren einen Ball, der in den Brunnen geschossen wird, definitiv als „lost ball“. Dem Briten, lässt der katholische Konvertit Chesterton durchblicken, mangelt es bisweilen an Tiefsinn.

Dabei sind dies gediegene und ausgetüftelte Kriminalhandlungen. Orientalische Gifte, Schreie in der Nacht, komplizierte Schlittschuhlaufunfälle – und man muss dazu bedenken, dass es 1922 noch weit origineller war, Tote in Autos über Klippen zu schieben als im Zeitalter des Tatorts. Horne Fisher, Meister der Paradoxe, löst die Fälle entsprechend im Vorübergehen höchst feinziseliert. In Geschichten, in denen es von Brunnen, Löchern und Abhängen im wörtlichen und übertragenen Sinne nur so wimmelt, spürt er dem Unbewussten ebenso nach wie dem geschickt Verscharrten. Alles interessiert ihn, den Gelangweilten und stets müde Wirkenden.

Eine krude, aber auch reizvolle Erklärung für diesen Charakter schiebt Chesterton gegen Ende des Bandes – ursprünglich einzeln veröffentlichte Geschichten, die er später zum Buch zusammenstellte – nach: Als junger Mann hat sich Horne Fisher in einem Wahlkampf für Sozialreformen engagiert. Aber nicht nur geht das Ziel seiner konservativen Förderer nicht auf, die linke Konkurrenz auf diese Weise zu spalten und zu schwächen. Er kommt auch sofort hinter grässliche Geheimnisse des konservativen Bewerbers.

Staatsräson gebiert Betrug

Der eigene Bruder entführt ihn daraufhin und sperrt ihn in einen nächtlich dunklen, aber wohnlich ausgestatteten Raum. Hier muss er sozusagen das Schweigen lernen: Es dient dem Staatsapparat mehr als Offenheit. „Seither“, so der Held zu seinem Watson-Ersatz, „sitze ich in diesem Raum. Auch jetzt... Mein Leben spielt sich in jenem kleinen Raum ... ab. Bücher und Zigarren und Luxusartikel, Wissen und Interessen und Informationen noch und noch, aber nie eine Stimme, die aus jenem Grab die Welt da draußen erreicht. Wahrscheinlich werde ich dort sterben.“ Gerade weil er über alles im Bilde ist, kann er es nicht sagen: Eine strafrechtliche Verfolgung der gesellschaftlich zumeist höchst geachteten Übeltäter – Aristokraten, Kriegshelden, Politiker – würde Englands Regierung zum Wanken bringen, gar das Empire gefährden. Staatsräson gebiert Betrug.

Wirklich berühmt wurde Chesterton mit seinen Geschichten vom menschenfreundlichen Father Brown. Hier nun zeige sich, formuliert Elmar Schenkel im aufschlussreichen Nachwort, ein „böser“, ein „Anti-Chesterton“. Gerade das Unausgeglichene, Nervöse an dieser Figur mit dem schlappen Händedruck wird aber der heutige Leser schätzen, dessen Desillusionierung über die Güte der Elite viel weiter fortgeschritten ist. Horne Fisher selbst kann all das nicht überleben. Während Renate Orth-Guttmann mit Gespür für die Über- und Untertreibungen einen kühlen Irrwitz nach dem anderen übersetzt, geht er einem bizarren, aber irgendwie patriotischen Ende entgegen.

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