Der Mann, der aus dem Fenster sprang von Ludwig Lugmeier, 2005, KunstmannDer Mann, der aus dem Fenster sprang.
Ein Leben zwischen Flucht und Angriff von Ludwig Lugmeier (2005, Kunstmann).
Besprechung von Julian Weber aus der Wochenzeitung, Zürich, 13.10.2005:

Gangsterbiografie
Mit den Waffen der Schrift

Ludwig Lugmeiers Leben ist geprägt von Bankraub, Flucht und Gefängnis. Und von Literatur. Jetzt ist seine Autobiografie erschienen: «Der Mann, der aus dem Fenster sprang».
«Und es wohnen Lebende unter Euch, die sind schon tot seit dem ersten Schultag, obwohl sie schreien: Wir haben die Macht über Euch.» (B. Traven)

«Familie, Schule, Kirche. Ich wollte nicht in diesen Institutionen eingebunden sein. Darum wünschte ich mir, ich wäre ein anderer oder überhaupt nicht da.» Ob er von den Schattenseiten seiner Kindheit erzählt oder von der Strahlkraft lateinamerikanischer Romanciers schwärmt, der 56-jährige Ludwig Lugmeier tut das mit einer sonoren Stimme, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Äusserlich unauffällig, ja geradezu sanftmütig wirkend, mit einem Bauch, der von einer gewissen Lebensfreude kündet, und einem akkurat angelegten Bärtchen, das einem Kriminalkommissar ganz gut stehen würde.

Eben dieser Ludwig Lugmeier hat ein abenteuerliches Leben hinter sich. In den siebziger Jahren macht er als einer der meistgesuchten Gangster und Ausbrecher Deutschlands von sich reden. 23-jährig überfällt «Luggi» 1972 zwei Geldtransporte in München und Frankfurt am Main, stiehlt zweieinhalb Millionen D-Mark. Dann taucht er in Mexiko unter, geht der Polizei ins Netz und wird ausgeliefert. 1976 gelingt ihm eine spektakuläre Flucht: Lugmeier springt gefesselt aus dem zweiten Stockwerk eines Gerichtsgebäudes in Frankfurt und flüchtet anschliessend mit falscher Identität erneut um die halbe Welt, während ein Teil der Beute unauffindbar bleibt. Schliesslich ist der Arm des Gesetzes doch länger und schnappt sich den Kerl in Rejkjavik. Der staatliche isländische Rundfunk soll zu seinem Abschied den Elvis-Song «Auf Wiedersehn» gespielt haben.

Während die Isländer in Lugmeier einen Nachfahren Robin Hoods erkennen, der vielleicht auch unbehelligt bleibt, weil er die damals dringend benötigten Devisen ins Land schmuggelt, wird er in der Heimat bestraft. Zwölf Jahre, von 1977 bis 1989 sitzt Lugmeier für seine Straftaten hinter Gittern. Dem Gangsterdasein hatte er freilich schon vorher abgeschworen, die Zickzackflucht rings um den Erdball hatte ihn mürbe gemacht. Nach abgesessener Haft hat er sein Leben neu geordnet, arbeitet inzwischen als Märchenerzähler und Schriftsteller, ist in Berlin sesshaft geworden. 1992 erscheint sein Debütroman «Wo der Hund begraben liegt» im Verlag Stroemfeld/Roter Stern.

Jetzt ist «Der Mann, der aus dem Fenster sprang» erschienen, Lugmeiers autobiografische Erinnerungen mit dem Untertitel «Ein Leben zwischen Flucht und Angriff». Packend beschreibt er darin die rastlosen Momente seiner Gangsterkarriere, schildert lakonisch die Kindheit im katholisch geprägten Oberbayern, verarbeitet auch das Abdriften ins Milieu zu schlanker Poesie und gibt die bizarren Erlebnisse auf den Bahamas wieder, wo er als irischer Geschäftsmann «John Michael Waller» ins Hotelwesen einsteigen wollte. Anders als bei den üblichen Sensationsbeichten hat hier kein investigativer Journalist die Erlebnisse zu Räuberpistolen aufgefeilt. Der Bayer hat sich in seinem Leben zweifelsohne grobe Schnitzer geleistet. Aber Lugmeier, und das unterscheidet seine von anderen Gangsterbiografien, hat symbolisches Kapital daraus geschlagen, da er die Lufthoheit über die Schilderung seiner Erlebnisse behalten hat. Die eigenen Formulierungen klingen ohnehin viel besser als alles, was je über ihn geschrieben wurde. Wenn schon Mythenbildung, dann wenigstens aus erster Hand. «Der Buchgestaltung gingen natürlich dramaturgische Überlegungen voran, und stilistische Reduktion war notwendig. So ist das Buch fast ein autobiografischer Roman geworden. Ich wollte nicht neben mir stehen und der Ghostwriter der eigenen Geschichte sein.»

«Ein Leben zwischen Fiktion und Realität» wäre darum vielleicht auch ein passender Untertitel, weil der Autor auch formal ein Grenzgänger ist. Seltsam aus der Zeit gefallen, ein Antiheld, wie Bertolt Brechts «Baal», den Lugmeier im Interview auswendig aufsagt. Lugmeier kann seine Waffen auch heute noch minutiös beschreiben, aber er hat der Gewalt abgeschworen und schreibt auch Geschichten über Menschen, die sich in Katzen verwandeln und die Welt mit anderen Augen sehen.

Aus Lugmeiers Autobiografie schält sich eine Figur, die neben ihrer kriminellen Energie immer auch ein Gefühl für Sprache entfaltet. Und die beiden Seiten haben direkt miteinander zu tun. Seine Haftzeit bezeichnet Lugmeier als Phase der «Schreibentwicklung». Er sei im Knast manchmal sehr glücklich gewesen, sagt er. Manchmal lagen am Abend acht bis zehn eng beschriebene Seiten auf seinem Tisch. In seiner Autobiografie geht es wenig um Selbstinszenierung, schon gar nicht schwingt Pathos mit, vielmehr ist da einer, der reflektiert, der nachdenklich wirkt. Er prahlt nicht, er tut, was er kann. Für Proletkult ist Lugmeier ohnehin der Falsche. Er hat sich über Klassengrenzen diskret hinweggesetzt, war dem Fremden gegenüber stets aufgeschlossen, ob er in London im feinsten Zwirn mit arabischen Diplomaten dinierte oder ob er sich in die Welt der Groschenromane fantasierte, als Pistolero oder als Pirat.

Speziell in den Schilderungen der urtümlichen bayerischen Landschaft entsteht zudem eine merkwürdige Gemeinsamkeit mit einer versunkenen literarischen Tradition. «Ich habe versucht, in eine für mich lang zurückliegende Zeit einzutauchen, meine Geschichte wieder lebendig zu machen, aus ihr heraus sie selbst zu erzählen», sagt er ohne nostalgische Anflüge. Früher einmal galt Bayern als Ort für literarische Aussenseiter und Querköpfe. Wenn sie auch aus unterschiedlichen Motiven nach Bayern kamen, dort geboren wurden, vor Ort blieben oder weggehen mussten, Namen wie B. Traven, Marieluise Fleisser, Ödön von Horvath oder Martin Sperr sind auf immer mit der Geschichte dieser Region verbunden. Lugmeier haftet auch genau dieses unbehauste, gebrochene Element an, das all jenen Autoren zu eigen war. Einfache Mittel zu finden und sich in einer klaren Sprache auszudrücken, das war ihnen besonders. Schreiben habe er schon als Kind geliebt, sagt Lugmeier. In erster Linie sei er in seinem Leben aber Leser gewesen.

Schon zu seiner Zeit als Maurerlehrling lässt ihn diese aus der Fiktion entsprungene propellerhafte Vorstellungskraft nach Palermo trampen, wo er das Anwerbungsbüro der Mafia vermutete, und in einem Zirkus landen, wo er allabendlich mit einem Bären kämpfte. Später fährt er zur See, gelangt nach Afrika, wird Schmuggler und Zuhälter. «Mir wurden selbst Geschichten erzählt, vor allem von meiner Grossmutter. Die dunklen, abwegigen Erzählungen faszinierten mich dabei am meisten. Alles hatte einen magischen Grund, auch das Grauenhafte. Zugleich liessen die Geschichten Raum für Fantastisches. Ich musste ihn nur ausfüllen, und das Schreiben war für mich eine Möglichkeit.» Im mündlichen Überliefern hat er eine Meisterschaft entwickelt. Wenn Lugmeier heute Kindern Geschichten vorträgt, spricht er sie direkt an. Man sieht gebannte Gesichter, die jede seiner Regungen genau verfolgen. Dann improvisiert er einfach oder erzählt Märchen wie «Der Froschkönig» bildhaft, wandelt eigene Erlebnisse noch während der Erzählung ab, in etwas Neues.

Zum ersten Mal verhaftet wird Lugmeier 1965, er ist in einen Supermarkt eingebrochen. Das Strafmass soll abschreckend wirken. Lugmeier zeigt keinerlei Reue, er will in den Knast. «Es war ein einschneidendes Erlebnis für mich. Ich war zugleich ein- und ausgebrochen und hatte mir einen neuen Lebensraum erobert. Ein Raum für ein Leben, das endlich nicht mehr dem entsprach, was von mir erwartet und gefordert wurde. Es war die erste wichtige Bruchstelle für mich.» Die Bekanntschaft mit anderen Häftlingen gibt ihm literarische Impulse. Eigentlich wollte er mit Dimitri Todorov zusammen Dinger drehen. Aber jener kommt ihm zuvor und wird 1971 für die erste, gewaltsam endende Geiselnahme nach einem Bankraub in der Bundesrepublik Deutschland verantwortlich. Anders als Todorov hat Lugmeier niemanden getötet, ist haarscharf an der Katastrophe vorbeigeschrammt. Am Ende des Buches denkt man, es muss die Literatur gewesen sein, die Lugmeier vor Schlimmeren bewahrt hat; sie war es wohl auch, die ihn antrieb. Einst hatte er den Trivialautor und Künstler Jack Bilbo in Berlin aufgesucht, dessen Abenteuerromane er in der Jugendstrafanstalt aufgesogen hatte, und ihn um Rat gefragt, wie er zur See fahren sollte. Die Realität auf See war um einiges härter als in den fiktiven Beschreibungen. Lugmeier verschlägts nach Istanbul, er taucht zeitweilig in die harte Drogenszene der frühen siebziger Jahre. «Je länger ich dieses Leben lebte, desto mehr steigerte sich die damit verbundene Gefahr, zu töten oder getötet zu werden. Das ist mit Angst verbunden. Wenn man sich behaupten will gegen die eigene Angst, muss man seine Energie intensivieren.» Auf der Flucht in Mexiko macht Lugmeier schliesslich eine Nahtoderfahrung, als er mit seinem Auto in panischer Angst vor «Stern»-Reportern in einen Tanklaster rast und dabei schwer verletzt wird. «Der Tod ist ein Lastwagen mit Christbaumbeleuchtung», heisst es in seiner Autobiografie.

Die mexikanische Presse bezeichnete Lugmeier seinerzeit als Anführer einer Anarchistengruppe. Seine Biografie überschneidet sich tatsächlich mit der deutschen Nachkriegsgeschichte auf verblüffende Weise: Im Jahr der Gründung der Bundesrepublik, 1949, Geburt, 1977 (Deutscher Herbst) Festnahme, 1989 Entlassung, kurz vor der Wiedervereinigung. Aber Lugmeier ist nicht in dem Sinne politisch, auch wenn seine Entscheidungen oftmals von Radikalität getragen waren und prominente Linke sich mit ihm verbunden fühlten. «Geld war wichtig für mich. Es hat mir in meiner Entwicklung geholfen. Ich kam so mit anderen Gesellschaftsschichten in Berührung. Aber das war nicht die Verwirklichung meiner Träume. Ich bin durch das Geld nicht unabhängig geworden, sondern in die Rolle des Gejagten geraten.» In Island gesteht sich Lugmeier schliesslich sein Scheitern ein. Nach dem Haftantritt zwingt er sich jeden Tag zu schreiben. Den Zugang zur Sprache muss er mühsam wieder finden, «irgendwann entstanden dann Sätze, die sich nicht biegen liessen». Einige werden zu Gedichten, manche davon sogar veröffentlicht, «andere, die ich für genial hielt, taugten dagegen nix».

Diese Distanz zu sich selbst erdet den Literaten Ludwig Lugmeier heute. So kann er auch das barocke Bayern wieder heiss und innig lieben. «Wenn ich in München bin, setz’ ich mich in die Asamkirche, wie ein frommer Beter.» Auf die Madonnen schielt er heute aber nicht mehr so wie damals, als sie begehrte Hehlerware waren. Er schaut sie sich einfach an, sagt er und lacht dabei glucksend.

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