Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel von Moritz Rinke, 2010, KiWiDer Mann, der durch das Jahrhundert fiel.
Roman von Moritz Rinke (2010, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Britta Heidemann in der WAZ vom 26.2.2010:

Im Teufelsmoor der Eitelkeiten
„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, so lautet der Titel des ersten Romans von Moritz Rinke, Dramatiker und 1967 in Worpswede geboren.

Dem Autor ist eine Groteske gelungen, die tief im Morast wühlt und Moorleichen birgt, die die Künstlerkolonie karikiert und die Kunstwelt gleich mit.

Paul hat eine Moorallergie: Eine Allergie gegen jenen Landstrich, der nur Heidekräutern und Bleichmoosen Luft lässt; aber „sogar die Bleichmoose selbst starben unten herum ab und verwandelten sich . . . zu Torf, zum Teufelsmoor – zu einem sauerstofflosen, keimfreien Grab, das deshalb noch heute Auskunft über die Vergangenheit gab“. Eine Vergangenheit, in der die Menschen keinesfalls untenherum abgestorben waren, sondern eher rege, und im Kopf teuflische torfbraune Gedanken mit sich trugen. Willkommen in Worpswede!

Paul hatte ja Worpswede weit hinter sich geglaubt. Seine kleine Berliner Galerie, „Pauls Painter“, feiert seine erste Ausstellung: mit einem blinden Maler und ohne Publikum. Im Supermarkt hat er Christina kennen gelernt, indem er seine Visitenkarte in die Tomaten steckt; nun allerdings ist sie in Barcelona und schreibt unverbindliche SMS. Dafür schickt Pauls Mutter Päckchen aus Teneriffa: mit frischem Salat, dessen Vitamine jedoch auf dem Postweg längst vergoren sind. Die Nachricht, dass der Worpsweder Stammsitz der Familie Kück von einem Grundbruch bedroht würde, kommt also denkbar ungelegen.

Bevor Paul so recht denken kann, steht er mit beiden Füßen im Matsch und in der Vergangenheit und wir mit ihm: Fördern doch die Sanierungsarbeiten zu Tage, dass Pauls Großvater – der berühmte Bildhauer, der als Rodin des Nordens galt, Sie wissen schon! – nicht nur lebensgroße Bronzeskulpturen von Willy Brandt, Luther und Max Schmeling schuf. Sondern auch den Reichsbauernministern Darré und Backe die Ehre einer künstlerischen Arbeit zuteil werden ließ, die er aber später hastig im Garten verbuddelte. Wo die Gemeinde Pauls Großvater gerade zum „KDJ“ gewählt hat: zum Künstler des Jahrhunderts!

Die Vergangenheit ist unter uns: im wahrsten Sinne.

Stärker noch beschäftigt Paul ein altes Familiengeheimnis um die schöne Marie, die einst spurlos verschwand und deren Skulptur ebenfalls im Kück’schen Garten steht. Für Maler Mackensen war sie „Die Frau am Moorgraben“ (und vielleicht mehr), für die Familie Kück der Sündenfall, an dem sich das Grauen der Gewalt entzündete.

Wie gut, dass dieser Roman eine Groteske ist, die sich selbst kaum ernst nimmt. So verdampfen die Eifersüchteleien der Künstler, ihre Eitelkeiten, im schier irren Lachen des Autors, ebenso die Tändeleien im inzestuösen Dörflein. Das Rätsel, wer nun Pauls Vater sei, löst sich durch ein Fläschchen Hustensaft: Die Moorallergie ist Teil eines schweren, urdeutschen Erbes – zwischen braunem Sumpf und Flower-Power-Tristesse wurde dieser Kern, dieser Kerl namens Paul gepflanzt, ein Sumpfdotterblümchen.

Moritz Rinke gräbt dort, wo der Deutschen Künstlerherz in aller Leidenschaft schlägt; er ist ein Teufelskerl des menschlichen Morastes – und schlammschlachtend unterhaltsam.

Dramatiker Moritz Rinke hat seinen ersten Roman geschrieben. Er führt den Helden Paul aus Berlin zurück in dessen Heimat, die auch Rinkes Geburtsort ist: Worpswede. Die Rückkehr entwickelt sich zur Groteske

„Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel“, so lautet der Titel des ersten Romans von Moritz Rinke, Dramatiker und 1967 in Worpswede geboren. Dem Autor ist eine Groteske gelungen, die tief im Morast wühlt und Moorleichen birgt, die die Künstlerkolonie karikiert und die Kunstwelt gleich mit.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.waz.de]

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