Der Malik.
Briefroman von Else Lasker-Schüler. (dtv)
Besprechung von Hartmut Ernst,
Homepage Kübelreiter:
Ein rätselhaftes Buch. Gratwanderung zwischen dem
naiv-selbstverliebten (und sprachlich öfters - gewollt? - mehr als peinlichen) dialogisch
verschleierten Monolog eines kleinen, schwachen, sich in abstruse Stärke träumenden
Mädchens einerseits - und einer hermetisch verschlüsselten Sehnsuchtsmetaphorik
andererseits.
Als expressionistischer Briefroman (zumindest in seiner ersten Hälfte) gerät der
überladene (und dabei mit der Nähe zum Kitsch kokettierende) Text, insbesondere durch
seine oft kaum noch kommunizierbare Ichbezogenheit, in eine Grauzone zwischen Epik und
Lyrik.
Die Figur des Malik, eines quasi-orientalischen, androgynen Märchenprinzen, den
Lasker-Schüler als Folie zur Selbststilisierung benutzt, wird in ihrer zugleich
hündischen Anhänglichkeit an den Briefadressaten, der kein anderer als der "Blaue
Reiter" Franz Marc ist, und ihrem peinlich überzogenen Gestus der Allmachtsphantasie
bis an die Grenzen des Erträglichen durchdekliniert.
Das Buch erscheint als irres Phantasma, das sich zwar in Diktion und Gebärde hoch
artifiziell gibt, aber dennoch keinen Gebrauch macht von
jener Wortgewalt, mit der die Expressionisten des 20. Jh. sonst so souverain zu hantieren
wußten. Hier klingt alles zerbrechlich, gelallt und trotz der äußerlich dialogischen
Struktur in die Isolation eines inneren Monologes aufgelöst. Als spräche ein Kind, das
sich inmitten seiner Angst und Angreifbarkeit behaupten will, mit seinem zerzausten und
abgegriffenen Teddy, dem es ungefiltert alles sagt, was ihm in den
Sinn kommt.
Ein Buch, bei dessen Lektüre der Leser - wie der Betrachter eines Bildes von Klee - sagen
möchte: "Das kann ich auch: So ungehindert losbrabbeln, unausgegorene Gedankenreste
und Vorstellungen auswerfen."
Und doch: Es traut sich ja sonst niemand. Es traut sich niemand, unsere Alltagswörter so
honigkuchensüß und zugleich zartbitter zu einer
grotesken Uneinheitlichkeit zu fügen, daß es jedem Literatur-Gourmet in den Ohren weh
tut.
Wozu das alles? Sicher: ein ganzes Stück literarische
Selbstbefriedigung. Und, wenn man den (wenigen) Interpreten dieses
verschütteten Buches glaubt: eine leidenschaftliche Klage gegen den Krieg - besser: gegen
die Männer, die, ohne zurückzuschauen, in den
Krieg ziehen (der Text erschien in den Jahren zwischen 1913 und 1917); im Gewand
ironischer Persiflage, gekünstelter Ausdrucksarmut, die immer nur wiederholen und
steigern kann - wie eine Platte mit Sprung zur Endlosschleife geronnen.
Ja, das auch.
Zudem aber: ein Spiel mit Worten und Gedanken, die an kein richtiges Ende kommen
(vielleicht, weil es ein solches nicht gibt). Insofern also
ein beredtes Zeugnis der Sprachlosigkeit der modernen Menschin angesichts der
Überforderung durch diese kantige und schroffe Welt. Eine
Welt (man spürt es), die keine Liebe zu geben vermag, ohne ihr Objekt zu verschlingen und
damit zu entwerten. Die Grenzen zwischen Absender und Adressat verschwimmen zusehends;
Namensveränderungen beider sind mehr Regel als Ausnahme; aus personaler Perspektive wird
auktorial erzählt
...
Der Irrsinn dieses Textes ist vielleicht zugleich das Geheimnis seiner Faszination, die er
auf jene ausüben kann, die nicht ganz sicher mit beiden Beinen in dieser Welt stehen. -
Und wer tut das schon?
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