Der Liebhaberreflex von Kirsten Breitenfellner, 2003, Skarabaeus-Verlag1.) - 2.)

Der Liebhaberreflex.
Roman von Kirstin Breitenfellner (2004, Skarabaeus-Verlag).
Besprechung von Ursula Silvester für die Rezensionen-Welt, 08/2004:

Die Autorin setzt sich in diesem Buch mit dem Inneneben verschiedener Charaktere auseinander: Agnes, Thomas der Liebhaber, Angela die Selbstmörderin und Andreas der verstorbene Ehemann von Agnes.
Agnes - die Erzählerin der Geschichte - , eine Frau Anfang dreißig, beschließt, ihr Leben komplett umzustellen, in dem sie nicht mehr "hoffen" will, da Hoffnung sowieso sinnlos sei. Auslöser für diese Einstellung ist u.a. Thomas, ihr ehemaliger Liebhaber, der seine Zeit nun doch lieber mit seiner Frau verbringen möchte.
Agnes beschreibt Thomas als den "idealen Liebhaber", der mit seinem Charme Frauen das Gefühl gibt, nicht nur begehrt, sondern auch geliebt zu werden, ohne dabei Macho zu sein. Eindrucksvoll sind die Schilderungen Agnes': bis ins kleinste Detail gibt sie alle Höhen und Tiefen der Beziehung, ihre Gefühle und Gedanken, die direkt aus dem Herzen stammen, wider.
Aber Agnes Gedanken drehen sich nicht nur um sich selbst und Thomas. So versucht sie auch das Innenleben ihrer Freundin Angela, die Suizid verübte, nachzuvollziehen und offen zulegen. In anbetracht dessen, dass Selbstmörder of als "gestört" oder "irre" bezeichnet werden und ihre Tat nicht verstanden wird, ist die Auseinandersetzung Agnes' mit deren Ursachen und dem empfundenen Verständnis für die Freundin eine Wohltat.
Der deprimierte Ton, den Agnes anschlägt, geht leider teilweise auch auf den Leser über und erweckt den Eindruck, als wäre das ganze Leben hoffnungslos und zu kompliziert, um jemals glücklich sein zu können. Andererseits aber versteht es die Autorin eben durch diese sehr pessimistische Sichtweise, dem Leser auch die schönen Seiten des Lebens in Bewusstsein zu rufen, wenn er sich mit Agnes' Gedanken intensiv auseinandersetzt.
Durch die ganze Erzählung zieht sich ein Touch von philosophischen Denken und Aussagen, was nicht wundert, da doch die Erzählerin Agnes Philosophie studiert hat.
Einziges Manko an diesem Buch ist, dass es ab und zu etwas langweilig wird, da die Gedanken Agnes' teilweise zu lange bei den selben Gedanken hängen bleiben.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.rezensionen-welt.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0804 LYRIKwelt © Ursula Silvester

***

Der Liebhaberreflex von Kirsten Breitenfellner, 2003, Skarabaeus-Verlag2.)

Der Liebhaberreflex.
Roman von Kirstin Breitenfellner (2004, Skarabaeus-Verlag).
Besprechung
von Evelyne Polt-Heinzl aus Rezensionen-online *LuK*:

Liebeskränkungen und Zitate
Kirstin Breitenfellners Romandebüt "Der Liebhaberreflex"

Es gibt verschiedene Wege, sich dem Romanerstling von Kirstin Breitenfellner anzunähern, und einige davon machen es dem kritischen Leser wohl nicht allzu schwer, ihn arg zu zerzausen.

Vielleicht wird man dem Buch gerecht, wenn man es als Zeitdokument liest, weniger für das Lebensgefühl der 30jährigen - von denen das Buch handelt -, als das der 40jährigen, denen die Autorin näher steht. Die 40jährigen sind noch nicht in der ganzen Radikalität mit jenen Kulturphänomenen groß geworden, die für die Jüngeren selbstverständlich sind. Sie gehören nicht wirklich "dazu", würden es aber gern, schließlich will heute jeder immer jung sein. Aber weil die Selbstverständlichkeit fehlt, gibt's noch Reste von Rechtfertigungsbedürfnis, etwa wieso ein durchgezappter Fernsehabend sinnvoll ist. Es sei billig und zwecklos, ist da zu lesen, "die Medien zu verweigern, man muss sie nutzen, man muss seine Schlüsse aus ihnen ziehen". Das geht beim einen schneller und dauert beim anderen länger: "auch wenn man einen ganzen Abend glotzen muss, um zu einem einzigen Schluss zu kommen, […] dass immer mehr Menschen immer mehr tun, um gesehen zu werden". Als Nicht-Besitzerin eines Televisionsgerätes kann ich positiv bezeugen, das lässt sich auch aus Fernsehkritiken erfahren.

Als eines der Kennzeichen der sogenannten Pop-Literatur hat Moritz Bassler neben dem Lable-droping den Archivcharakter festgemacht, der Roman als Trash-Archiv der Chronikseite. Auch wenn das zu recht schon als etwas dürftige Kennzeichnung einer spezifischen "Literaturgattung" eingemahnt worden ist, in diesem Sinn gehört Breitenfellners Roman hier irgendwie dazu. Denn groß ist die Zahl der Realien aus dem (Medien)Alltag der erzählten Zeit rund um die Jahrtausendwende, die hier eingebaut sind: vom ausgebliebenen Computergau über die Sonnenfinsternis - die es nahtlos vom medialen zum literarischen Ereignis geschafft hat (ohne Anspruch auf Vollständigkeit kam es bereits in Büchern von Norbert Gstrein, Ludwig Laher, Evelyn Schlag oder Margit Schreiner zu Romanehren) -, bis zu jener von einem Panther getöteten Tierpflegerin in Schönbrunn und noch so vieles mehr.

Das auffälligste daran ist der durchgängige Paradigmenwechsel der intertextuellen Bezugspunkte: nicht mehr die Literatur wird zitiert, sondern Zeitungen und Magazine. Vielleicht die häufigste Redewendung im Buch lautet: "Ich habe einmal gelesen." Dann folgt ein Zitat aus der "Zitatedose", wie Agnes, die Ich-Erzählerin, ihre intellektuelle Vorratskammer nennt. "Ich sammle schon eine Weile Zitate von Schauspielern, Schriftstellern, Politikern und so weiter", erklärt sie. Wem einst die bunten Aushänger in den Jungscharlokalen der 1960er und 1970er Jahre Unbehagen und Plattitüdenverdacht bereitet haben, der wird auch mit dem Großteil der hier präsentierten Merksprüche seine Probleme haben. Bedeutsam ist die Gewichtung der Spruchlieferanten: Schauspieler scheinen für die Autorin mit Abstand die klügsten Sätze zu produzieren. Auch wenn sie über die hohle Geste des Danks an Frau oder Familie sinniert, bezieht sie sich nicht auf die diesbezügliche Tradition in Vorworten und Nachsätzen, sondern auf die Oscar-Preis-Verleihung. Nachschub für die Zitatedose besorgt sich die Ich-Erzählerin auch in online-Zitatensammlungen oder auf jener Homepage mit Anekdoten über zufällige Begegnungen mit dem Prominenten XY - die jetzt auch zwischen Buchdeckel erscheint, das kennen wir ja schon von "Wicki, Slime und Piper".

Kein Zweifel, Agnes, von Beruf Korrektorin ohne besonderen Karriereehrgeiz, bewundert die Schauspieler und glaubt vor allem in ihren Interviews bedenkenswerte Sätze zu finden. Tatsächlich werden zwei solche Schauspielersätze Anlass für das Schreiben, denn die erscheinen ihr so gewichtig, dass sie ihr Leben verändern - so bekennt sie wörtlich - und davon erzählt das Buch. "Am berühmtesten ist man ja als Kind in der eigenen Familie", lautet der eine, der andere: "Im Leben eines jeden Mannes kommt der Augenblick der Wahrheit und dann heißt es lügen, lügen, lügen."

Den ersten Satz empfindet Agnes als "klug oder klarsichtig", den zweiten als dumm. Jedenfalls spannen diese beiden Zitate den thematischen Horizont: Männerbeziehungen (Zitat 2) und das leidige Problem mit dem Sinn des Lebens (Zitat 1), das sich mit dem des Alterns verquickt und über den Selbstmord der ehemaligen Kollegin Angela eine existenzielle Dimension bekommt.

Über Lebensentwürfe wird auch in den endlosen Gesprächen mit ihren beiden Schwestern reflektiert, die eher mühselig dahinholpern, aber dafür in der schicksalsträchtigen Silvesternacht 2000 stattfinden. Es geht um Gott und die Welt, auch im wörtlichen Sinn, und natürlich um die Männer. Wenn 30jährige über ihr Leben, die schon verpassten und die noch erhofften Chancen und Perspektiven reflektieren, ist - zumindest für nicht nur zeitungslesende Leser - der Bezugstext unweigerlich Ingeborg Bachmann. Das ist natürlich ungerecht und sollte beim Lesen daher rasch ausgeblendet werden.

Im Konkreten geht es hier um die Liebeskränkungen der Ich-Erzählerin. Im Kurztext: Einer wollte sich nicht scheiden lassen, einer hat sie geheiratet, dann verlassen, um kurz darauf tödlich zu verunfallen, und einer, der bislang letzte, wollte dann doch kein Kind mit ihr. Genug der Enttäuschung - nach den beiden Schauspielersätzen ist ihr "plötzlich klar", sie muss ihr Leben ändern. Das selbstformulierte, oft wiederholte Ziel: "Ich will nicht nichts mehr wollen, ich will nicht mehr wollen." Das Rezept, das Leben in diesem Sinn in den Griff zu bekommen, nennt sie "dilettantische Meditationsversuche". Das will nicht so recht funktionieren, auch sprachlich, denn im Kopf herrscht "kein Glasperlenspiel, sondern Joghurtbechergescheppere".

Daneben gelingen Breitenfellner durchaus auch starke Passagen. Etwa jene authentische Beschreibung der Passion für "Spaziergänge" in Einkaufszentren: die lustvoll inszenierte Schnäppchenjagd oder das absichtslose Schlendern durch Geschäfte, das ist überzeugend und gekonnt beschrieben und vermittelt Kaufmuffeln Einblicke in die Logik des Kaufrausches. Doch der Lust am Erzählen wie am Shoppen kommt irgendeine Vorstellung von political correctness in die Quere, die wortreich problematisieren muss, dass es einfach nicht gut ist, wenn Familien die Wochenenden statt im Wiener Wald in der Shopping City verbringen. Viele der Reflexionen kranken letztlich daran, dass die Autorin ständig gegen etwas zu polemisieren, etwas zu hinterfragen versucht, was sie eigentlich ganz unhinterfragt gerne hat oder tut. Stimmig sind hingegen auch einige Bilder aus dem Beziehungsalltag. Etwa jene, wo der perfekte (titelgebende) Liebhaber Thomas mit strahlenden Augen sein Routinegeschenk überreicht - irgendein Schmuckstück, erlesen zweifellos, er hat nur vergessen, dass die aktuelle Geliebte einfach nicht diese Art Schmuck zu tragen pflegt. Die Szene beschreibt subtil, wie die Beschenkte ab dem Moment eigentlich eine - um die Aussichtslosigkeit dieser Beziehung - Wissende ist und doch so tut, als wüsste sie es nicht.

Zu finden sind aber auch alle gängigen Metaphern für den Lebensweg (Berg, steil, Tal) und die Liebe. "Ich will nicht mehr […] sinnhafte Sätze formulieren", sagt die Ich-Erzählerin gegen Ende des Buches. Nein, an Selbstbewusstsein mangelt es der Schreiberin nicht, schließlich ist sie, laut Selbstaussage (nach einer ausführlichen Polemik gegen den Horoskop-Unsinn), im Aszendent Schütze "und trifft gerne ins Schwarze, zum Beispiel mit Worten". Das empfinden vielleicht nicht alle Leser so. Über Formulierungen wie "Umblättern und Eiauslöffeln in einen Koordinationszusammenhang zu bringen" (wohl wirklich nicht leicht möglich) kann man schon stolpern oder über bildungssatte Querschüsse wie die interesselose "Aufmerksamkeit" (die Ich-Erzählerin hat, wie sie häufig erwähnt, Philosophie studiert und also ihren Kant gelesen). Offen bleibt auch, wie ein Liebesakt genau aussieht, bei dem die Worte "direkt aus den Gliedern" kommen. Insider der heimischen Medienszene werden dafür mit einigen erkennbaren Personenkarikaturen entschädigt, harmlosere Gemüter im Epilog mit einem Happyend, ja tatsächlich, in Form eines Heiratsantrags.

"Ich will etwas erzählen, aber ich habe keine Geschichte, jedenfalls keine mit einem klaren Anfang", gesteht die Autorin am Ende des Romans. Während es ganz zu Beginn hieß: "Kurz habe ich mit den Gedanken gespielt, meine Geschichte in einer Homepage zugänglich machen." Das wär vielleicht keine so schlechte Idee gewesen, zumindest wären dort die beiden Grammatikfehler kaum aufgefallen.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter Rezensionen-online Die Literaturdatenbank des Österreichischen BibliotheksWerks-Medium]

Leseprobe I Buchbestellung 0113 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Rezensionen-online