Der Liebhaber bald nach dem Frühstück von Michael Köhlmeier, 2012, HanserDer Liebhaber bald nach dem Frühstück.
Gedichte von Michael Köhlmeier (
2012, Edition Lyrik Kabinett bei Hanser).
Besprechung von Hansjörg Graf in Neue Zürcher Zeitung vom 9.04.2013:

Furios – Michael Köhlmeiers erster Gedichtband
«Den Kopf in den Wolken und im Schoss»

Die Werkliste des Vorarlberger Autors Michael Köhlmeier verzeichnet mehr als hundert Titel. Nach einer Reihe von Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Hörspielen hat Köhlmeier 2012 seinen ersten Lyrikband veröffentlicht. Schon ein Blick auf den kessen Buchtitel macht die Phantasie des Lesers mobil: «Der Liebhaber bald nach dem Frühstück». Unter diesem Text hat Köhlmeier eine Zeichnung wie eine Fussnote postiert; sie stellt eine zähnefletschende Bestie dar, vielleicht einen Wolf, der sich aber auch in den «kranken Fuchs» aus dem Gedicht «Analyse der Gewalt 2» verwandeln könnte. Entpuppt sich der Liebhaber als ein Monster oder gar als potenzieller Mörder?

Der Titel von Köhlmeiers lyrischem Einstand hat die Funktion eines Leitmotivs: Der Liebhaber «lebt noch in der Ruhe der fallenden Tropfen» und «der Ruhe der Amseln». Das Adverb «noch» deutet auf das Ende einer ländlichen Idylle hin. Es könnte die Ruhe vor einem Sturm sein oder ein Zeichen für den Aufbruch zu neuen Ufern. Das Mögliche erweist sich in Köhlmeiers Lyrik – die sich, nebenbei bemerkt, einer höchst individuellen Gattungspoetik bedient – als eine Exegese des Wirklichen. Die «Unbestimmtheit» («Indeterminacy»), der John Cage 1959 eine Lesung gewidmet hatte, ist auch das Kennzeichen einer Reihe von Gedichten des «Liebhabers». Mutmassungen treten an die Stelle von Klartext und Apodiktik. Unausgesprochenes erweist sich als Herausforderung: Dem Gedankenflug des Lesers sind keine Grenzen gesetzt.

Mit dem Blick auf sein Gesamtwerk hat Sigrid Löffler Michael Köhlmeier einen «Proteus» der Literatur genannt. Cum grano salis gesprochen, bestätigt auch Köhlmeiers Gedichtband dieses Signalement. So hat der Song, dieses Leichtgewicht der Lyrik, im «Liebhaber» ebenso seinen Platz wie die Ballade und das Sonett; aber auch die Analyse, das Protokoll und der Diskurs sind vertreten, ganz zu schweigen vom Zauberspruch, der in der Anthologie eines mythen- und sagenkundigen Autors einen Ehrenplatz einnimmt.

Wer sich auf Köhlmeier einlässt, entdeckt in dessen grossräumigen und vielgestaltigen Romanen einen Enzyklopädisten, der danach strebt, den Einzelnen in einem Kontext mit dem Ganzen zu begreifen. Eine Reise findet statt, die das Abendland im Doppelpack von zwei Kontinenten erlebt. Dieser Schulterschluss zwischen der Alten und der Neuen Welt ist auch in Köhlmeiers Gedichten präsent. Die Erwähnung der beiden grossen Lyriker Wallace Stevens und William Carlos Williams legt davon ebenso Zeugnis ab wie die Hommage an den Fotografen Andreas Feininger. Doch der Rückflug nach Europa ist stets gebucht; die Spur führt in ein Tusculum, gesäumt von Rhein und Bodensee. Also ein Gang zu den Müttern? Oder ein Ort der Entspannung?

Der Schein trügt. Was sich oft als Bestandsaufnahme von Belanglosem darstellt, mutiert auf den zweiten Blick zur schonungslosen Inventur eines Lebens zu zweit. Es sind die Dramen des Alltags und die Rituale des «einfachen» Lebens, die sich als ein Grundstoff in Köhlmeiers Gedichten zu erkennen geben. Die Personen der «Handlung» sind auf «Er» und «Sie» reduziert; sie können real oder fiktiv sein; das eine schliesst das andre nicht aus. Wer das letzte Wort in diesen zwischen Poesie und Prosa angesiedelten Texten hat, bleibt offen. Gewiss ist nur die Parität der beiden.

Sebastian Lukasser, einer der beiden Protagonisten in Köhlmeiers Roman «Abendland», stellt rückblickend fest, «dass alles, was die Wirklichkeit anbot, sich zur Ausgestaltung von Tagträumen verwenden liess». Vom Erzähler Köhlmeier ist es nur ein kurzer Schritt zum Lyriker Köhlmeier, der im «Zauberspruch» ein literarisches Selbstporträt liefert: «Den Kopf in den Wolken und im Schoss.»

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