Der Liebeswunsch von Dieter Wellershoff, Kiepenheuer & Witsch, 20001.) - 2.).

Der Liebeswunsch.
Roman von Dieter Wellershoff (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Klaus Siblewski aus Die Welt vom 18.11.2000:

Psychologie schiefer Türme
In Dieter Wellershoffs Roman "Der Liebeswunsch" wird viel gegrübelt und wenig geliebt

Mit zunehmender Lektüre, wenn der spitze Bleistift längst aus der Hand gelegt ist und man sich der Handlung überlässt, beginnt Dieter Wellershoffs Roman "Der Liebeswunsch" noch einen späten Sog zu entfalten. Warum, fragt man sich, steuern die beiden Paare, von denen Wellershoff erzählt, anscheinend auf ein kollektives Emotionsdesaster zu, obwohl alle vier doch gewillt sind, sich vernünftig zu verhalten. Paul möchte bei Marlene bleiben, trotz seiner leidenschaftlichen Affäre mit Anja, der Frau seines besten Freundes Leonhard, und Anja ist entschlossen, sich von Leonhard zu trennen (mit dem Marlene, Pauls Frau, früher ein Verhältnis hatte). Sie hält dessen trockene Art, das Leben zu planen, nicht länger aus. Man ahnt, dass nichts mehr zu retten sein wird, was für diese Menschen von Bedeutung war, sobald in der Liebe an die Vernunft appelliert wird.

Besonders im zweiten Drittel des Romans spitzt sich die Handlung dramatisch zu. Anja, die Aufsteigerin in dieser Ärzte- und Rechtsanwaltsclique, kann am Anfang ihrer Ehe mit Leonhard dessen Begabung noch bewundern, das Leben als eine gewaltige Organisationsaufgabe zu begreifen und zu meistern. Je länger sie jedoch an der Seite dieses Mannes lebt, um so stärker fühlt sie sich zu Paul hingezogen, der sprunghafter ist und sich gerne von Frauen verführen lässt. Mit ihm glaubt sie, sich leichter ihren dunklen Gefühlen überlassen, ihre "Liebeswünsche" leben zu können. Ein Irrtum, der nicht nur diese beiden Figuren unglücklich macht, sondern auch die Menschen, mit denen sie bislang zusammengelebt haben: Marlene und Leonhard.

Das klingt nach Seifenoper, bestenfalls nach Alltagsmelodram, doch Wellershoff setzt viel gründlicher an. Er begreift den Roman als eine einzigartige Chance, herauszufinden, warum diese Gefühlsdynamik zwei Männer und zwei Frauen mit sich reißen kann, was Liebe auslöst und was sie zu ihrem Ende führt. Doch die Erzählwege, die er einschlägt, um sein ambitioniertes Vorhaben zu realisieren, führen ihn leider häufig in Sackgassen (und bremsen wiederum den Lesefluss).

Wellershoff hat einen fatalen Hang, zwischen starken und schwachen Figuren zu unterscheiden, zwischen Siegern und Besiegten, Opfern und Davongekommenen - doch was besagen derartige Vokabeln in einem Roman über Liebe? Warum muss beispielsweise eine Figur wie Marlene, die von Paul hintergangen wird, als Opfer angesehen werden? Sie könnte doch durchaus froh darüber sein, dass sie einen unzuverlässigen Mann wie Paul loswird, auch wenn das anfangs Schmerzen verursacht, und genauso gut könnte es den anderen dreien dämmern, dass sie, wenn ihr Zusammenleben nur noch aus Katastrophen besteht, besser auseinander gehen und es jeder auf eigene Faust versucht. Doch diese nahe liegenden Möglichkeiten zieht Wellershoff nicht einmal in Betracht.

Er schlägt sich ohne Wenn und Aber auf die dunkle, masochistische Seite der Liebe. Nachdem Leonhard auf der Hochzeitsreise nach Italien zum ersten Mal mit Anja geschlafen hatte, lässt ihn der Autor am Morgen danach mit einem Baustatiker erleichtert über den schiefen Turm von Pisa plaudern. Die beiden Männer freuen sich, dass der Einsturz dieses Gebäudes bisher noch zu verhindern war. In der Liebe dagegen, legt Wellershoff nahe, ist genau das nicht möglich: Die Liebenden glauben zwar wie Leonhard an diesem Morgen an ihr Glück, obwohl es schon bröckelt und sie am Ende unfehlbar vor dessen Trümmern stehen werden. Wellershoff will also einen Abgesang auf die Liebe schreiben, etwas über deren zerstörerischen Kräfte, die sich weder in kurzen Beziehungen noch im langen Zusammenleben von zwei Menschen neutralisieren lassen.

Diesen radikalen Roman würden wir auch gerne lesen, allerdings hat ihn Wellershoff nicht geschrieben. Er fällt sich ständig mit gutherzigen Erklärungen selber ins Wort. Kaum beginnt man sich zum Beispiel dafür zu interessieren, warum ausgerechnet eine Lappalie: Anja streicht immer wieder befangen ihren Rock glatt, in Marlene den Verdacht weckt, Anja könnte ein Verhältnis mit ihrem Mann haben - schon verlässt Wellershoff diese Erzählspur und bringt die ganze berührende Szene mit langwierigen Erläuterungen um ihren Reiz: "Man hatte keinen festen Anspruch darauf, so gesehen zu werden, sondern musste das Bild in gewissen Abständen erneuern, indem man sich ab und zu gemeinsam in der Gesellschaft zeigte."...Fortsetzung

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Der Liebeswunsch von Dieter Wellershoff, Kiepenheuer & Witsch, 20002.)

Der Liebeswunsch.
Roman von Dieter Wellershoff (2000, Kiepenheuer & Witsch).
Besprechung von Sascha Michel aus Frankfurter Rundschau vom 13.06.2002:

Mittelständische Seelenhaushalte
Dieter Wellershoff las aus seinem Roman "Der Liebeswunsch"

Es gibt Erlebnisse, "von denen zu lesen ratsam ist, nicht: sie zu haben." Man muss nur an all die abgründigen Liebesgeschichten, die Selbstmorde und Eifersuchtsdramen der Weltliteratur denken, um zu sehen, wie recht Walter Benjamin mit diesem Satz hat. Und doch wimmelt es im alltäglichen Leben von neuen Werthern und geklonten Othellos.

Dieter Wellershoff, der am Dienstag in der Romanfabrik aus seinem Roman Der Liebeswunsch las, ist ein Autor, den gerade diese Alltagsdramen interessieren. Alles scheint zunächst in Ordnung zu sein. Man glaubt sein Leben im Griff zu haben. Und plötzlich tun sich kleine Risse auf. Oder ein bloßer Zufall bringt die Ordnung ins Wanken.

In dem Roman Der Liebeswunsch etwa, der die tödliche Logik von Goethes Wahlverwandtschaften auf eine bundesrepublikanische Mittelstandsgeschichte überträgt, ist es ganz klassisch der (wiederholte) Ehebruch, an dem sich die Zerbrechlichkeit der so genannten Normalität zeigt.

Wellershoff las zunächst aus dem Anfangskapitel des Romans vor, der das unglückliche Ende der Geschichte beiläufig vorwegnimmt, und ging dann zu den folgenden Kapiteln über, in denen die Vorgeschichte aus der Perspektive der vier Figuren erzählt wird. Durch diese Reihenfolge und die kluge Auswahl exemplarischer Passagen verdeutlichte der Autor dem Publikum, worum es ihm ging: um Analyse und Motivsuche statt lineares Erzählen eines Plots.

Professionell breitete Wellershoff den mittelständischen Seelenhaushalt der Romanfiguren vor seinem mittelständischen Publikum aus. In so mancher Neurose und so manchem trivialpsychologischen Erklärungsversuch seiner Figuren konnte man sich beim Zuhören selbst ertappt fühlen. Das Lachen des Publikums, etwa bei der unterkühlten Schilderung einer alles andere als romantischen Hochzeitsnacht, war zu einem großen Teil sicher auch ein Lachen des Wiedererkennens.

Da der geneigte Leser solche Erfahrungen kennt und der psychologische Realismus von Wellershoff mit solchen Wiedererkennungseffekten durchaus rechnet, wartete der Abend mit keiner großen Überraschung auf. Am wenigsten überraschte die Anmerkung des Schriftstellers, dass es die Studentin, die sich im Roman umbringt, tatsächlich gegeben habe. Interessanter noch als solche Hinweise auf die Lebensnähe seines Romans waren die handwerklichen Aspekte, die Wellershoff ansprach: der strukturelle Zwang etwa, der eine fragile Konstellation von vier Figuren entstehen ließ.

Den naheliegenden Vergleich mit den Wahlverwandtschaften relativierte der Autor allerdings am Ende: Gegenüber dem strengen Schicksalsmodell bei Goethe glaube er an die prinzipielle Offenheit von Beziehungsgeschichten.

Jeder, sagte Dieter Wellershoff, suche sein eigenes Glück, zufällig begegne man sich dabei und versuche die jeweiligen Glücksvorstellungen aufeinander abzustimmen - Scheitern meist inbegriffen. Und auch das kannte man irgendwoher.

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