Der letzte Weynfeldt von Martin Suter, 2008, Diogenes1.) - 3.)

Der letzte Weynfeldt.
Roman von Martin Suter (2008, Diogenes).
Besprechung von Lars L. von der Gönna in der WAZ vom 25.1.2008:

Der Schöne und das Biest
Martin Suter legt mit "Der letzte Weynfeldt" einen seiner schönsten Romane vor. Eine Geschichte aus leiser Dekadenz, melancholischem Wohlstand und fast unglaublicher Liebe

Zu den Lebensmaximen des Adrian Weynfeldt zählt der Glaube "an die Regelmäßigkeit als lebensverlängernde Maßnahme".

Wer könnte verhindern, dass der Mann in derart kontrollierter Langeweile 107 Jahre alt wird und als Folge dieser Regelmäßigkeit eines schönen Tages steinalt und steinreich von der Bildfläche (er ist Kunsthändler) verschwindet? Eine Frau selbstredend, soviel Romancier-Routine billigen wir selbst jemandem zu, der uns immer wieder mit so außergewöhnlichen Plots überrascht wie der Schweizer Martin Suter.

Adrian Weynfeldt hat keine Familie. Aber Freunde, freilich insofern der Blutsverwandtschaft ähnlich, als sie allesamt nicht einfach sind und dazu sehr alt (er übernahm sie höflichkeitshalber von seinen Eltern) oder aber viel jünger: "Sie behandelten ihn mit betonter Nonchalance als einen der ihren und sonnten sich doch heimlich im Glanz seines alten Namens und Geldes."

In diesem Weynfeldtschen Leben spielt Einsamkeit nicht die geringste Rolle. Es ist so angenehm sicher und ungefährlich mit seinem Erstellen neuer Auktionskataloge mit Hilfe der pralinenfressenden Assistentin Véronique. So sicher mit dem wöchentlichen Samstagsessen bei Berner Platte ("Speck, Zunge, Saucisson, Geräuchertem") mit den alten und jenen als Geselligkeit getarnten Sponsoring-Begegnungen mit den jüngeren Freunden. Aber dann steht diese Frau (nicht mehr als eine hilflose Mitnahme nach einem nächtlichen Barbesuch - die berühmte Weynfeldtsche Höflichkeit!) morgens auf seinem Balkon. Und will springen.

Martin Suter erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte einer Liebe, der man nicht die geringste Chance einräumt. Er: so kultiviert, so leise, so vorsichtig, so wohlerzogen, mit den ausgewählten Designermöbeln der 40er bis 60er Jahre, der anerzogenen Demut, die den Millionär nur noch snobistischer erscheinen lässt und der Angewohnheit nur so viel zu essen wie Männer, denen ihre Figur nicht egal ist. Sie: ein mondäner Parvenü, nicht ohne Hang zum Kleinkriminellen, mäßig gebildet und im Vergleich zu dem schönen, dicken Frauenhintern in Felix Vallottons Bild "Femme nue devant une salamandre" ein paar Pfunde zu mager. Vallotton? Es ist ein einziges Bild dieses Malers, das in Suters Gauner-Tragikomödie alte Freundschaften, altes Geld und selbst die alte Zugehfrau der Weynfeldts auf eine harte Probe stellen soll.

Doch so sehr die Geschichte in ihrer seidigen Rififi-Artigkeit und den fesselnden, schier unerschöpflichen Wendungen uns bannt - die Meisterschaft in Suters neuem Roman ist dieser beharrlich unaufgeregte, stilistisch so souverän vorsichtige Ton, der eine melancholische Variation über den Wohlstand besingt. Ein Ton, der Dekadenz nicht den Heuschrecken, sondern in ganz zarter Ironie den Feinsinnigen überlässt - und uns zurücklässt mit einer Liebe für die großen und kleinen Figuren in Suters Planspiel um viel Geld und ein Gefühl, das die Liebe zur Kunst am Ende wieder zur Liebe zum Leben werden lässt.

Suter, kein Zweifel, hat eines der Bücher des Jahres geschrieben. Keine Zeit, es zu lesen? Dann lauschen Sie! Gert Heidenreich hat "Der letzte Weynfeldt" fürs Hörbuch eingesprochen - in seiner sanft-präzisen Diktion ist er der ideale Partner für den diskretesten Kunst-Skandal, den die Literatur seit langem erlebt hat.

Ultimo Parris nie versiegender Traum, eine Rennbahn zu bauen als Straße, die endet, wo sie beginnt, wird lange nach seinem Tod eine Frau noch einmal wahr werden lassen. Und sie wird in greiser, einsamer Schnelligkeit die letzte Kurve nehmen in diesem Roman, der das Auto als Vehikel nutzt, um kostbar einsichtig vom Menschen zu erzählen.

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Leseprobe I Buchbestellung 0609 LYRIKwelt - das LiteraturPortal im Internet! © Westdeutsche Allgemeine

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Der letzte Weynfeldt von Martin Suter, 2008, Diogenes2.)

Der letzte Weynfeldt.
Roman von Martin Suter (2008, Diogenes).
Besprechung von Jens Dirksen aus der NRZ vom 5.02.2008:

Textdesign, fast wie im wirklichen Leben

Martin Suter erzählt Märchen für den modernen Kapitalismus. Seine süffigen Romane spielen in der "Business Class", wie schon Suters satirische Kolumnen aus den Manager-Etagen hießen, mit denen er sich einen Namen gemacht hat. Die Menschen darin sind schön oder reich, manche beides, und die einen sind gut, die anderen die Bösen. In Suters besten Romanen täuschen wir uns lange Zeit über Gut und Böse; sein allerbester, "Lila, Lila", nimmt sogar so viele Wendungen, dass man am Ende hofft, es möge nun die letzte sein. Im letzten, dem Krimi "Der Teufel von Mailand", waren es dann zu viele Kurven gewesen, jedenfalls für den durchsichtig simpel angelegten Plot.

Prada und Miyake, Kobe-Rind und Schampus

Wie Suters Buchwelt-Roman "Lila, Lila" spielt auch Suters neuer Hitparaden-Stürmer "Der letzte Weynfeldt" im Kunstgewerbe. Diesmal umkreist er die Lebenswelt von Adrian Weynfeldt, Mitte 50, steinreich geboren und amtierender Kunstsachverständiger in einem Auktionshaus, das, haha, den Namen "Murphy's" bekommen hat. Adrian, eine Thomas-Mann-Figur fürs 21. Jahrhundert, ist Fleisch gewordene Menschlichkeit und Moralität. Seine Versuchung heißt Lorena, ein Model auf dem absteigenden Ast, ein Luder manchmal. Und irgendwann wird sie sogar "Dreckschlampe" genannt werden. Aber nicht von Adrian. Er rettet sie vor dem Selbstmord und dann auch in der Nobelboutique, wo sie's mit einem durchsichtigen Diebstahls-Trick versucht hat.

Am Ende aber wird es um Kunst- und Auktionsbetrug gehen, um ein aufreizendes Gemälde von Felix Valloton und dessen fast perfekte Kopie, um Berufskriminelle und falsche Freunde nebst echter Gefühle sowie um "Erziehungsschäden". Und wir bleiben lange unsicher, ob's gut ausgeht...

Suter bleibt bei seinem Erfolgsrezept. Die Romanmenschen des 59-jährigen Schweizers fühlen sich an wie Du und Ich, sie wirken vertraut, abgesehen von Kleinigkeiten - dass sie etwa Prada- und Miyake-Kleider tragen oder Fleisch von täglich massierten Kobe-Rindern und weißes vom Hummer essen, dass sie exquisiten Bordeaux schlürfen und vom Roederer-Champagner nur den besten. Ansonsten aber sind sie "verknallt", "verarscht" und unverheiratet, und das ist schon das ganze Drama. Weltgeschichte wie die Erderwärmung von Menschenhand spielt sich am Rande ab und ist - angeblich - nicht aufzuhalten, ganz wie im wirklichen Leben.

Darin kommen Beruf und Wohlstand von Adrian Weynfeld aber eher selten vor. Aber beides gibt Martin Suter allemal die Gelegenheit, möglichst viele Namen von Schweizer Designern des letzten Jahrhunderts einzuflechten. Er selbst bewährt sich als souverän-edler Textdesigner. Ein Thomas Mann fürs 21. Jahrhundert ist er allerdings nicht. (NRZ)

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.nrz.de]

Leseprobe I Buchbestellung 0308 LYRIKwelt © Neue Ruhr/Rhein Zeitung

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Der letzte Weynfeldt von Martin Suter, 2008, Diogenes3.)

Der letzte Weynfeldt.
Roman von Martin Suter (2008, Diogenes).
Besprechung von Stefan Beuse aus dem titel-magazin vom 11.2.2008:

Ein paar tausend Bläschen
Gäbe es in Europa eine Champions League für Spannungsautoren: Der Schweizer Martin Suter spielte seit seinem Debüt Small World regelmäßig um die Meisterschale mit.

Versuchen Sie mal, einem Amerikaner den Unterschied zwischen E- (wie „ernster“) und U- (wie „unterhaltender“) Literatur zu erklären. Sie werden ein freundliches Lächeln ernten. Und auf massives Unverständnis stoßen: Anspruchsvolle Literatur, die sich zudem noch gut verkauft, ist dort wundersamerweise kein Widerspruch, während hierzulande kommerziellem Erfolg irgendwie immer noch der Ruch des (igitt!) Trivialen anhaftet.

Und jetzt die Gegenprobe: Empfehlen Sie einem befreundeten Literaturkenner mal einen Titel, der gerade zufällig auf den Bestsellerlisten steht. Der Blick, den Sie von Ihrem ehemaligen Freund ernten, dürfte irgendwo zwischen Verachtung und Ekel liegen.
Warum das so ist? Weil „der arme Poet“ immer noch aus Deutschland kommt? Weil Kunst und Erfolg zumindest in der Literaturrezeption immer noch als unvereinbar gelten? Oder warum ist „gut gemacht“ oft das höchste Lob, zu dem sich das „seriöse Feuilleton“ bei so genannter Genreliteratur durchringt?
„Das Genre soll die niedere Literatur gliedern.“ Auf Sätze wie diesen stößt man, will man es genau wissen.
Gute Beispiele für niedere Literatur sind demnach der erfolgreiche Abenteuerroman Moby Dick, die Schauergeschichte Das Bildnis des Dorian Grey, der Krimi Schuld und Sühne oder der „freche Frauen“-Roman Madame Bovary.
Hier Thriller, dort Literatur. Da Liebesgeschichte, dort Klassiker der Moderne. Das alles sind Label, die mittlerweile auf jedem zweiten Buch kleben: „Top-Titel des Monats.“ „Elke Heidenreich empfiehlt: Lesen!“ Die Beschriftungen werden nicht unbedingt origineller. Vor allem aber haben sie noch nie geholfen, gute Texte von schlechten zu unterscheiden.

Kunstmaler, Kunstturner, Kunstfurzer

In Martin Suters neuem Roman Der letzte Weynfeldt gibt es eine Figur, die sich selbst so vorstellt: „Rolf Strasser, Kunstmaler. Wie Kunstturner oder Kunstfurzer.“ Suter charakterisiert ihn wie folgt: „Er war ein virtuoser Maler, Beherrscher aller Techniken und Stile, perfekter Kopist alter Meister und verblüffender Fotorealist. Aber ein alter Professor hatte ihm in Wien mal gesagt: Strasser, Sie sind ein Könner – nur leider kein Künstler. (...) Der Stachel saß tief.“

Die Könner der Genreliteratur plotten spannend und schreiben anständig. Sie beherrschen ihr Handwerk: den Stoff, aus dem die Page Turner gemacht sind. Als Künstler gelten sie eher nicht, aber gäbe es in Europa eine Champions League für Spannungsautoren: Der Schweizer Martin Suter spielte seit seinem Debüt Small World regelmäßig um die Meisterschale mit.

Seine Romane, die beständig wie ein Schweizer Uhrwerk im Zweijahresrhythmus die Bestsellerlisten stürmen, handeln meist von erfolgreichen (Gut-)Menschen, die irgendwie aus der Bahn geraten, gern durch Frauen. Im jüngsten Beispiel heißt der erfolgreiche (gutmütige) Mensch Adrian Weynfeldt, ein großbürgerlicher Kunstexperte Mitte fünfzig, schwerreich, aber extrem großzügig und von Suter mit all seinen Ticks sehr sympathisch gezeichnet. Das perfekte Opfer also für Lorena - so heißt in diesem Fall der weibliche Stein des Anstoßes, in dessen Gefolge eine wahre Lawine an Verschwörungen, Betrügereien und Intrigen losbricht.

Umsorgt, verwöhnt, unterhalten

Der letzte Weynfeldt spielt in der Welt der Kunsthändler, Mäzene und Schmarotzer, der Günstlinge, Neider und Pseudokünstler, und Suter zeichnet diesmal das Milieu, in dem sich seine Figuren bewegen, so plastisch und überzeugend, dass sich der Leser vorkommt wie der Tischgast vor dem überzähligen Gedeck, das Weynfeldt nie abdecken lässt, „falls jemand mal einen Freund mitbringen möchte“.

Am Ende verlässt man die Tafel bestens umsorgt, nach allen Regeln der Kunst verwöhnt und unterhalten, und man verabschiedet sich nur ungern aus diesem Kreis. Zu sehr ist einem die Tischgemeinschaft ans Herz gewachsen; wie Lorena möchte man Weynfeldts Welt nicht mehr missen, jetzt, wo man einmal den guten Champagner gekostet hat, der sich dadurch auszeichnet, das „die Bläschen so winzig sind. Je kleiner die Bläschen, desto mehr davon haben Platz im Mund. Und beim Champagner geht es ja vor allem um die Bläschen.“
Der letzte Weynfeldt ist ein Fest für Genießer und nach zwei schwächeren Romanen endlich wieder ein Louis Roederer Cristal, der nicht nur sprachlich und dramaturgisch präzise gearbeitet ist, sondern vor allem psychologisch auf ganzer Linie überzeugt.

Die Abgründigkeit und Konsequenz seines besten Romans Die dunkle Seite des Mondes erreicht Der letzte Weynfeldt zwar nicht (dazu ist das Ganze am Ende doch etwas zu ... ähm: lieb), aber wenn Suter so weitermacht, darf er sich irgendwann stolz neben eine Dame stellen, von der man in Buchhandlungen auch nie weiß, wo man sie findet: im Krimi- oder im Belletristik-Regal. Und trotzdem weiß jeder, dass sie nicht nur zu den Könnern, sondern vor allem zu den Künstlern gehört: Patricia Highsmith.
Wie sagt Weynfeldt so schön zu Lorena, bevor er ihr Champagner nachschenkt: „Noch ein paar tausend Bläschen?“ – Gerne, Herr Suter. Spätestens in zwei Jahren, bitte.

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