Der letzte Rebell von David Gates, 2001, RowohltDer letzte Rebell.
Roman von David Gates (2001, Rowohlt - Übertragung Benjamin Schwarz).
Besprechung von Volker Hummel aus der Wochenzeitung, Zürich, 40/01:

Mittelstand als Fratze

«Leben! Leben, ewiges Leben!», ruft der Ehemann in John Bunyans «Pilgerreise», der mit zugehaltenen Ohren an seiner Frau und den Kindern vorbeirennt. Schon im 17. Jahrhundert verliessen Männer ihre Familien, nur dass sie damals auf ein ungebundenes Leben im Jenseits hoffen konnten. Doug Willis hat es da schon schwerer. «Der letzte Rebell» aus David Gates’ Roman flüchtet sich jedes Wochenende in sein Haus in Preston Falls, fünf Autostunden nördlich vom New Yorker Vorort Chesterton entfernt, wo er mit seiner Frau Jean, seiner Tochter Mel und seinem Sohn Roger lebt. Hier kann er auf seinen Gitarren bis zum Anschlag Rocksongs spielen und ungestört seinen Selbstillusionen vom missverstandenen Selfmade-Mann nachhängen, der sein Genie an eine New Yorker Softdrinkfirma verkauft hat. Zwei Monate hat er sich nun unbezahlten Urlaub genommen, um das Haus in Preston Falls ganz allein auf Vordermann zu bringen - und mal wieder zu sich selbst zu finden, wie er seiner Frau erläutert.

David Gates schildert den «Selbstfindungsprozess» seines Antihelden als Flucht, als Rückzug eines lächerlichen Mannes aus einem Leben, für das er keine Verantwortung übernehmen will. Mit grosser Komik und manchmal unheimlich anmutender Präzision beschreibt er den Selbstbetrug eines Mannes, der sich als Herr seines Schicksals wähnt, dem aber ab der ersten Seite die Dinge entgleiten. Reparaturversuche enden unweigerlich in der Zerstörung des Hauses, bei Jamsessions mit ein paar neuen Freunden kommt Willis übers Gitarrestimmen nicht hinaus, da Unmengen von Koks konsumiert werden. Vor allem, was die Kommunikation betrifft, ist Gates ein Meister und Willis eine totale Niete. Die Telefongespräche mit seiner Frau sind Meisterleistungen der Verdrängung, die LeserInnen die Schamröte ins Gesicht treiben. Und Versuche, sich verbal gegen Autoritätspersonen zu behaupten, enden unweigerlich mit Willis’ Erniedrigung. Ein Verlierer also, allerdings einer in bester literarischer Gesellschaft. Schon lange vor Bunyan besang Homer den berühmtesten aller abwesenden Ehemänner. Doch während Odysseus sein aussereheliches Leben immerhin mit einigen Heldentaten ausfüllte und schliesslich zu Penelope zurückkehrte, verschwindet Willis schliesslich ganz von der Bildfläche. Damit erinnert er an jenen modernen Jedermann Wakefield, den Nathaniel Hawthorne vor 166 Jahren in einer gleichnamigen Erzählung verewigt hat. Auch dieser Mann verliess eines Tages seine Frau, um in eine Nebenstrasse zu ziehen, wo er fortan zwanzig Jahre anonym lebte und seine Gattin beobachtete. So machte er sich selbst zu einem Geist, einem «Verstossenen des Universums», zu schwach und mittelmässig, um ein neues Leben zu beginnen, sich selbst zu fremd, um in sein altes Leben zurückzukehren.

Gates’ Roman liest sich wie eine Langfassung von Hawthornes erstaunlich moderner Erzählung. Anders als sein literarischer Vorgänger lässt er jedoch im zweiten Teil des Buches auch die verlassene Ehefrau zu Wort kommen. Dabei erliegt er nicht der Versuchung, die allein gelassene Mutter als Märtyrerin oder Opfer zu schildern. Auch Jeans Perspektive steckt voller Selbstlügen und bürgerlicher Heuchelei, und in ihrer Unfähigkeit, angemessen auf die Kinder einzugehen, steht sie ihrem Mann an Unfähigkeit in nichts nach. So entsteht das umfassende Porträt einer amerikanischen Mittelstandsfamilie am Ende des 20. Jahrhunderts, das gekonnt die Balance zwischen bitterböser Satire und psychologischem Realismus hält. Unangenehme Selbsterkenntnisse sind garantiert.

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