Der letzte Grieche von Aris Fioretos, 2011, HanserDer letzte Grieche.
Roman von Aris Fioretos (2011, Hanser -
Übertragung Paul Berf).
Besprechung von Manuel Gogos aus der Neue Zürcher Zeitung vom 28.4.2011:

Enzyklopädie der Lebenden und der Toten
Aris Fioretos' geschichts- und geschichtenträchtiges Aus- und Einwandererepos «Der letzte Grieche»

In seinem vielzitierten Gedicht «Ithaka» beschreibt der Diaspora-Grieche Konstantinos Kavafis das Leben als permanente Migration: «Brichst du auf gen Ithaka / wünsch dir eine lange Fahrt, voller Abenteuer und Erkenntnisse. Die Lästrygonen und Zyklopen fürchte nicht.» Als in den sechziger und siebziger Jahren griechische Arbeitskräfte unter den Argusaugen deutscher Amtsärzte in Athen und Thessaloniki reihenweise ihre «Prüfung» bestehen mussten, ehe sie sich endlich per Sonderzug oder Fährschiff auf die grosse Fahrt ins Jenseits ihrer bekannten Welt begeben durften («Halte ein bei Handelsplätzen der Phönizier / Und erwirb die schönen Waren: Perlmutter und Korallen, Bernstein, Ebenholz») – da haben auch diese Migranten ihre Lebenswege in einer Art elliptischen Bewusstseins als Odyssee imaginiert, als Irrfahrt zwar, die sich aber mit ihrer heldischen Heimkehr kreislaufartig wieder schliessen sollte: «Immer aber halte Ithaka im Sinn. Dort anzukommen, ist dir vorbestimmt. Doch beeile nur nicht deine Reise. Besser ist, sie daure viele Jahre.»

(Anti-)Heldensage

Es ist, als wollte Jannis Georgiadis, ein Bauer aus dem nordgriechischen Bergdorf Anó Potamià, den es seiner Jugendliebe Efi wegen als Gastarbeiter nach Schweden verschlägt, sein Leben genau unter dieses Charisma stellen: Opou sis, partis, oder: Wo immer du lebst, dort ist deine Heimat. Der Philosoph vom Lande erklärt (und verklärt) sich den Weg selbst zum Ziel: mäht als Gärtner dessen, was er sein «Eden» nennt, den schwedischen Rasen, spielt Krocket, dreht seine Pirouetten auf dem zugefrorenen See, ja ehelicht sogar das schwedische Kindermädchen mit dem Lichtgespinst auf dem Kopf, das ihn so sehr an das Filmplakat vor dem Odeon daheim erinnert – um am Ende beim ersten Anlauf zu einer Heimkehr (als Tourist im eigenen Land) auf dem jugoslawischen «Autoput» für immer auf der Strecke zu bleiben.

Denn das Schicksalsmächtige darf auch nicht fehlen in diesem Migrationsepos des Diaspora-(Halb-)Griechen Aris Fioretos, eines in Berlin lebenden Schweden österreichisch-griechischer Herkunft, dessen Roman sich zugleich als (Anti-)Heldensage, menschliche Komödie und postmoderne Tragödie lesen lässt. Jener Anita-Eckberg-Verschnitt, den der muskulös-geschmeidige Georgiadis erst durch mehrere Runden umschleicht wie die Katze den heissen Brei, entpuppt sich nach Hochzeit und Geburt eines gemeinsamen Kindes als nicht nur sexuell freizügig, sondern auch als emanzipiert, sprich: kompliziert. Hätte er doch auf die klagende Liedfolklore seiner bukolischen Hinterwelt gehört, er hätte wissen können, dass sich die Söhne Griechenlands vor der fremden Frau hüten müssen, damit sie ihn nicht «bezirzen» kann.

Ein neugriechischer Held

Mit erst erotischem, dann ironischem Unterton nennt Miss Schweden Jannis ihren «Supergriechen». Man darf das so lesen, dass Fioretos nicht nur dem «unbekannten Gastarbeiter» ein Denkmal hat setzen wollen; es ist auch eine literarische Einlassung auf die Frage, wie man sich den neugriechischen Helden im Schatten übergrosser antiker Kulturtaten heute noch vorstellen kann – eine Imagearbeit, wie sie Nikos Kazantzakis mit seinem Alexis Sorbas einschlägig geleistet hat.

Das ist überhaupt eine Urfrage der Diaspora, wie man sich zur «Paradosi» stellt, zur Überlieferung beziehungsweise zu dem, was der französisch-arabisch-jüdische Psychoanalytiker Jacques Hassoun «Schmuggelgut Erinnerung» genannt hat. Jannis ist überzeugt, dass ein Mensch nicht mit seiner Haut aufhört (die für ihn übrigens alle Menschen zu «Aussenländern» macht); Jannis wähnt sich auf den Schultern seiner Vorfahren – wobei die Fliehkraft anzuhalten scheint: Seine Grossmutter Despina hatte noch zu jenen Flüchtlingen gehört, die nach dem sogenannten «Bevölkerungsaustausch» von 1922 – den die Griechen selbst als «kleinasiatische Katastrophe» in Erinnerung haben – aus ihrer kosmopolitischen Hafenmetropole Smyrna in den Tabakanbau der mazedonischen Provinz deportiert wurden. Eine Fussnote des 20. Jahrhunderts, das man in der Geschichtsschreibung oftmals als das «goldene Zeitalter der Migration» apostrophiert hat, das Fioretos aber angesichts solcher Verfügungsgewalten das «bleierne Zeitalter der Migration» zu nennen vorzieht.

Immer wieder ist Despinas Gegenwart von der Vergangenheit durchwachsen. Als wollte sie in ihrem mazedonischen Alltag zunächst noch gegen den Sog anschwimmen – um sich endlich ganz den Erinnerungen an Eiskunstläufer im Zirkuszelt zu überlassen, und an ihre Liebe zum tauben Muezzin Erol Bulut, welche die Identität des vermeintlichen «Vollgriechen» Jannis Georgiadis schon lang vor seiner Geburt subversiv unterwanderte. Auch Jannis hält das Dorf Áno Potamiá, wo man noch auf dem «Türken» sein Geschäft verrichtet und dem er gern die schwedischen Sanitäranlagen bringen will, für den Nabel der Welt – jedenfalls, bis ihm in Schweden seine Tochter Jannoula geboren wird und er feststellt, dass es auch wirkliche Schwerpunktverschiebungen geben kann.

Es ist unmöglich, die Geschichts- und Geschichtenträchtigkeit dieses Aus- und Einwandererepos auch nur Ansatzweise nachzuzeichnen. Nur so viel zur Form: Die Geschichte von Jannis soll von Kostas Kezdoglou aufgezeichnet worden sein, dem Bruder von Jannis' Jugendliebe, dem Freund, der ihm später die Frau ausspannen sollte. Wenn Kezdoglou die Geschichte auf Karteikarten notiert und kurz vor seinem Tod einem gewissen Aris Fioretos überlässt (eine Hakenschlagerei, die nicht ganz überzeugt), dann handelt er also möglicherweise aus Scham. Und im Einklang mit jenem Grossprojekt, das wiederum seine Grossmutter mit ihren «Freundinnen Clios» ins Werk setzte: eine «Enzyklopädie der Auslandgriechen», die alle griechischen Schicksale aus der Zerstreuung («Diaspora») wieder versammeln will – eine heilsgeschichtliche Vision, zu der Fioretos' Roman gewissermassen ein Supplement bildet.

Poetische Präsenz

Sein aussergewöhnlicher, idiosynkratischer Stil macht die Lektüre inspirierend, zuweilen aber auch zur Arbeit: Fioretos ist ein Wortartist, der nie etwas auf gewöhnliche Art sagt und nie zweimal auf dieselbe Weise. Es sei denn dort, wo er mit der Wiederholung von Motiven ins Epische, ins Singen kommt. Auch wenn «Der letzte Grieche» dramaturgisch in der Katastrophe endet – in seinem komödiantischen, auf der Stelle tänzelnden, variantenreichen, brillant selbstbezüglichen Erzählgestus entfaltet der Roman auch in seinen ruhigen Momenten grosse poetische Präsenz.

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